Der Grüne Ibrahim

Ralph Hammerthaler

 

Draußen, vor seinen Spätkauf, hatte Faruq ein paar Tische gestellt, Wasserpfeifen darauf, Stühle dazu. Am frühen Abend waren alle Plätze besetzt, oft von Freunden, die wollten, dass er Shisha mit ihnen rauchte. Aber er hielt sich dort nie lange auf, weil unaufhörlich Kunden den Laden betraten und nach Tabak oder Bier verlangten oder nach Süßem oder sonst etwas; seit kurzem stand eine Espressomaschine auf der Theke.

Auf dem Taschenrechner tippte er Zahlen ein, zog die Summe und schielte durchs Fenster auf seinen kleinen Cousin. Erst dann nannte er dem Kunden den Betrag, nahm Geld, gab Geld heraus, ehe er wieder nach draußen blickte. Der kleine Cousin saß nicht bei den anderen. Aber die anderen behielten ihn im Auge. Manchmal riefen sie ein Wort hinüber und lachten, ohne dass der kleine Cousin reagierte. Er saß mit einem blonden Mädchen am Tisch, sie tranken Espresso. Dafür verlangte Faruq nichts, vorausgesetzt, sein kleiner Cousin bediente die Maschine selbst und nahm die Tassen mit hinaus. Fast täglich kam der Kleine, der größer war als Faruq, aber jünger, zum Späti, immer in Begleitung eines Mädchens. Die Mädchen wechselten einander ab, aber alle waren sie blond.

Im Sommer stand die Ladentür offen. Faruq schob einen Keil darunter, damit sie sich nicht mehr bewegte. Denn nichts verunsicherte ihn so sehr wie das metallisch klickende Geräusch, sobald die Tür aufging. Es kam sogar vor, dass ihm der Schweiß ausbrach. Anfangs gab er nichts darauf, und tatsächlich beruhigte er sich jedes Mal wieder und lächelte zur Vorsicht. Er ölte Klinke und Angeln, zog Schrauben an oder löste sie ein wenig. Doch das klickende Geräusch ließ sich nicht abstellen, nicht einmal dämpfen. Dabei waren seine Ohren nicht empfindlich. Lautstärke erschreckte ihn nicht. Wenn auf der Straße jemand schrie, ließ er ihn schreien. Er mochte den Lärm der Stadt. Auf Gerüche sprach er eher an. Er hatte eine empfindliche Nase. Verließ er den Laden, um mit seinen Freunden ein paar Worte zu wechseln, umfing ihn ein süßlicher Shisha-Geruch. In dieser Wolke fühlte er sich geborgen. Ging er die Sonnenallee hinunter, atmete er tief ein und aus.

Das Klicken aber ängstigte ihn. Und es half wenig, dass er sich ein ums andere Mal sagte, das ist nur die Tür, die verdammte Tür deines Ladens. Entsetzt starrte er die Eintretenden an. Er wusste, dass er sie nicht so entsetzt anstarren durfte. Am Ende würden sie noch kehrtmachen. Darum drückte er zweimal auf die Ergebnistaste seines Taschenrechners. Kurz darauf hatte er sich wieder gefangen. Im Herbst, beschloss er, wirst du eine neue Tür einsetzen, spätestens vor dem nächsten Winter.

In Damaskus war Faruq auf die Universität gegangen, um englische Literatur zu studieren. Im Hörsaal war alles wie immer, zweihundert Studenten, die eine Vorlesung über sich ergehen ließen, größtenteils mit Kopfhörern auf den Ohren, um Musik zu hören. Niemand wurde deswegen getadelt. Der Professor hielt die Vorlesung, als hingen alle an seinen Lippen. Auch Faruq trug Kopfhörer und hörte Musik. Er brachte es sogar fertig, das klickende Geräusch in die Klänge einzubetten, als eine Art von rhythmischem Element. Doch das Klicken kam aus dem Saal; Waffen wurden entsichert. Der Nachbar stieß ihn in die Seite. Erst jetzt bemerkte er, dass uniformierte Männer eingedrungen waren und seinen Namen riefen. Er zog den Kopfhörer herunter.
Bist du Faruq? Antworte!
Nein, sagte Faruq, ich bin nicht Faruq.
Zeig deinen Ausweis. Her damit!
Mein Ausweis liegt im Auto.
Steh auf! Mitkommen!
Draußen zogen sie ihm das Hemd aus und wickelten es um seinen Kopf, damit er nichts sehen konnte. Sie schlugen zu und stießen ihn in einen Kastenwagen. Sechs Männer hatte er gezählt, alle stiegen ein. Auf der Fahrt wurde kein Wort gesprochen. Aber die zuvor ausgestoßenen Flüche hallten in seinen Ohren nach. Terrorist, immer wieder, du bist ein Terrorist. Halts Maul, du gottverdammtes Arschloch. Wolltest unsern Präsidenten stürzen, was? Das wird dir noch leidtun.
Der Motor brummte. Schweigend fuhren sie durch die Stadt. Ich bin nicht Faruq, dachte er.

Die Welt, in die sie ihn brachten, war eine Welt, von der niemand eine Ahnung hatte und auch nicht haben wollte. Noch in der Stadt gelegen, ohne dass er erriet, wo genau. Der Geheimdienst hatte ein Gefängnis eingerichtet, das dazu bestimmt war, alles auszulöschen, was jenseits der Mauern lag. Das vertraute Damaskus blieb hinter den Toren zurück. Sie entkleideten ihn und banden ihn mit den Händen über dem Kopf an eine Metalltür. Jeweils nur mit einem Fuß konnte Faruq den Boden berühren. Er sah Menschen vorübergehen, mit Helmen, die das Gesicht verdeckten. Undeutlich hörte er Schreie. Er verlor das Bewusstsein. Nach Stunden schreckte er auf. Jemand hatte ihm Wasser ins Gesicht geschüttet.

Früher als gewöhnlich erschien der kleine Cousin vor dem Laden und setzte sich an einen Tisch. Diesmal war er allein. Nach kurzem Zögern schaltete Faruq die Espressomaschine ein und ging mit der Tasse nach draußen. Der kleine Cousin senkte die Augen.
Was ist los?, fragte Faruq. Das Mädchen letztes Mal hat mir gefallen, auch wenn sie nur selten lachte. Sie war geheimnisvoller als die anderen.
Lass gut sein, sagte der kleine Cousin. Sie wird nicht mehr kommen.
Darauf boxte ihm Faruq gegen die Schulter und holte zu scherzhaften Schlägen aus, die er dann aber sein ließ. Der Kleine war nicht dazu aufgelegt. Bei anderer Gelegenheit waren Faruq und seine Freunde über ihn hergefallen, nur zum Spaß, weil er von den Mädchen nicht lassen wollte. Faruq selbst traf sich nie mit einer Frau, ebenso wenig wie seine zwei besten Freunde. Lieber spielten sie mit der Playstation. Wenn sie über Frauen redeten, dann über die Frauen des kleinen Cousins, spöttisch und darum bemüht, keinen Neid aufkommen zu lassen.
Der Kleine sagte: Bringst du mir noch einen Espresso?
Hol ihn dir selbst.
Gefesselt an den Handgelenken, wurde er in eine Zelle voller Menschen geführt, etwa hundertfünfzig Gefangene auf fünfundsiebzig Quadratmetern. Es gab kaum Platz zum Stehen. Faruq sah in abgespannte Gesichter. Keines reagierte. Nur einer der älteren Gefangenen näherte sich Faruqs Ohr. Sie hätten Dreiergruppen gebildet, brachte er angestrengt hervor, damit einer von dreien sich hinlegen könne, um ein paar Stunden zu schlafen. Faruq starrte auf den nackten Beton. Ungerührt fuhr der ältere Gefangene fort: Dann stehe der Erste wieder auf, um dem Zweiten etwas Schlaf zu ermöglichen. Immer so fort. An alles andere gewöhnst du dich schnell.
Faruq nickte. Der Gestank setzte ihm zu. Tausend Dinge gingen ihm durch den Kopf. Er wollte Fragen stellen, aber da keiner sprach, sprach auch er nicht. Einige standen mit hängenden Schultern da, halb geknickt, andere knieten nieder, aber nur für einen Moment. Irgendwann fiel jemand um und blieb liegen. Er ist tot, dachte Faruq.
Das kommt immer wieder vor, flüsterte der ältere Gefangene. Wenn die Wachen nach uns sehen, ziehen sie ihn heraus.
Ich muss pinkeln.
Stumm verwies der ältere Gefangene auf eine Tür.
In der verdreckten Toilette übergab sich Faruq. Über dem Waschbecken wusch er sein Gesicht und spülte sich den Mund aus. Anschließend kehrte er zu seiner Gruppe zurück.
Der ältere Gefangene trug, wie einige andere auch, einen langen Bart. Muslimbruder, dachte Faruq.
Niemand verschwendete ein Wort. Die Luft war knapp, und sie brauchten die Luft zum Atmen. Trotzdem fragte Faruq, indem er auf eine zweite Tür deutete, nach dem Waschraum. Der ältere Gefangene verzog seinen Mund zu einem furchteinflößenden Grinsen.
Er sagte: Das Waschbecken hast du gesehen. Und was hinter der zweiten Tür liegt, willst du nicht wissen. Dort lassen sie die Erschöpften verrecken.
Unversehens wurde die Zelle entriegelt. Wortlos kippten Männer Schüsseln voll Reis auf den Boden. Rasch zogen sie sich wieder zurück. Mit den Fingern griffen die Gefangenen in die Haufen, fassten noch ein- oder zweimal nach, ehe sie wieder ihre Stellung einnahmen.
Du wirst dich an alles gewöhnen, wiederholte der ältere Gefangene.
Faruqs Augen schweiften umher. Er blickte zum einzigen, in unzählige Quadrate unterteilten Fenster hinauf. Inzwischen war es dunkel geworden. Er fing an, die Quadrate zu zählen, gab es aber wieder auf.
Einen Rat, Junge, sollst du haben, murmelte der ältere Gefangene. Vergiss alles, was du kennst. Denk nicht an draußen. Sonst stehst du das nicht durch. Für dich gibt es nur diese Zelle. Das ist dein Leben.
Darauf verstummte er, ging leise ächzend in die Hocke und weckte den am Boden liegenden Gefangenen, damit er sich selbst schlafen legen konnte.

Am nächsten Tag riefen ihn die Aufseher heraus und nahmen ihn mit. Es war der erste Tag von endlos wiederkehrenden Tagen, an denen er gefoltert wurde. Den Folterern ging es nicht darum, ein Geständnis zu erpressen. Es geht ihnen, dachte Faruq, um die Folter an sich. Dass er alles zugeben musste, was sie ihm vorwarfen, stand außer Zweifel. So gab er auch alles zu. Manchmal kamen sie direkt von einer Trinkerei. Faruq roch Alkohol in ihrem Atem, obwohl sie weiße Masken trugen, dazu schwarze Sonnenbrillen. Auch ihre Helfer waren vermummt. Wer rauchte, drückte seine Zigarette auf der Haut des gerade anwesenden Gefangenen aus. Faruq hatte Brandflecken auf den Unterarmen. Gerne setzten sie ihn auf einen Sitz aus Autoreifen, sie schlugen mit der Peitsche auf Arme, den Rücken, ins Gesicht, so lange, bis er in die Reifen sank. Dann zogen sie ihn wieder heraus und begannen von vorn.

Für ihre Instrumente hatten sie lustige Namen erfunden, zum Beispiel den Fliegenden Teppich. Den fürchtete Faruq mehr als alles andere. An Händen und Füßen banden sie ihn auf einem hölzernen Bett fest, das aus zwei in der Mitte durch Scharniere verklammerten Teilen bestand. Vom Kopf- und Fußende führten Seile nach oben, die über eine Winde wieder nach unten geleitet wurden, in die Hände der Helfer. Erging der Befehl zu ziehen, zogen sie an den Seilen, sodass das Bett langsam zusammenklappte und Faruqs Hände auf Faruqs Füße zusteuerten. In der schmerzhaftesten Stellung klemmten sie ihn ein. Faruqs gekrümmter Rücken tat unerträglich weh. Als er um Gnade flehte, lachten sie nur.

Der Fliegende Teppich verfügte über Beiwerk, zum Beispiel den Grünen Ibrahim. Darunter verstanden sie ein mit Zement gefülltes grünes Rohr zum Zuschlagen. Als Griffe dienten aufgesteckte Gummibälle. Durch die Hand eines Helfers fuhr der Grüne Ibrahim auf die Füße nieder. Aber Faruq spürte die Schläge kaum, da alle Qual in seinem Rücken nistete. Als sich der Fliegende Teppich wieder senkte, schrie er gellend auf.

Sechs Monate folterten sie ihn Tag für Tag. Dann holten sie ihn aus der überfüllten Zelle, um ihn anderswo einzusperren. Insgesamt sieben Zellen lernte er in anderthalb Jahren kennen. Gefoltert wurde er später nur noch nach Laune der Aufseher. Er ertrug es, weil sein Gedächtnis alles verdrängt hatte, was ein Leben in Freiheit bedeutete, ganz so, wie ihm der Muslimbruder geraten hatte. Nicht einmal Gott und der Glauben boten ihm Zuflucht, weil beides nur Verlorenes heraufbeschworen hätte. So kreiste sein Denken um die einfachsten Dinge, das schmutzige Klo, die Läuse, die er sich zugezogen hatte, das scheußliche Essen. Erst wurde er dünn, dann dürr.

Einmal, als sie ihn von einer Zelle in die andere bringen wollten, verhinderten sie, dass er seine Sachen zusammenklaubte. Von der Wache aufgelesen, wurden Kleidungsstücke, ein Gürtel, eine Uhr ins Haus seiner Eltern geschickt. Seither hielt ihn die Familie für tot.

In Berlin sah er sie wieder, zwei seiner besten Freunde, die er schon aus Damaskus kannte. Sie waren nur wenige Monate vor ihm eingetroffen. Obwohl sie untereinander arabisch sprachen, spickten sie ihre Unterhaltung mit deutschen Vokabeln. Ihr Lieblingswort hieß Wochenende. In Damaskus hatten sie am Wochenende Fußball gespielt oder Partys gefeiert mit jungen Frauen, selbst als schon Krieg gewesen war, nur nicht in ihrem Viertel. Die Musik wurde aufgedreht, und sie tanzten in der Gruppe, endlose Runden. Wochentags fuhr Faruq in seinem Auto zur Universität, während er ununterbrochen mit seinem Smartphone telefonierte, lange Gespräche, obwohl es oft nur um das beste Lokal zum Shisha-Rauchen ging.

Der kleine Cousin war damals nicht dabei. Erst mit der Zeit begriff Faruq, was er an ihm hatte. Gemeinsam waren sie aus Syrien geflohen. In jedem Land, das sie durchquerten, erspähte der kleine Cousin eine Frau, in die er sich unsterblich verliebte. Am Ende der Route mussten sie in einen Fluss steigen, um nach Deutschland zu gelangen. Die Polizisten auf der anderen Seite hatten sie längst entdeckt. Am Ufer empfingen sie die Flüchtlinge mit Handtüchern. Und im Auto schalteten sie die Heizung ein, damit sich keiner verkühlte. Sie fuhren nach Passau, zur Dienststelle. Dort wurden Fingerabdrücke abgenommen. Der kleine Cousin konnte sich vom Anblick der blonden Polizistin nicht lösen. Als er sie nach ihrer Telefonnummer fragte, schüttelte sich Faruq vor Lachen. Er hätte nicht gedacht, dass er je wieder so lachen könnte. Also küsste er den kleinen Cousin.
Hier bleiben wir, sagte der Kleine.
In Deutschland? Wollten wir nicht nach Norwegen? Alle, die wir trafen, haben von Norwegen geschwärmt.
Nein, weiter will ich nicht.
Die Mutter hatte Faruq zwei Taschen in die Unterhose genäht, links für Dollars, rechts für Euros, beidseitig für dicke Bündel. Bevor sie ins Schlauchboot nach Griechenland stiegen, wickelte er die Banknoten in Plastiktüten ein. Aber sie kamen, ohne zu kentern, hinüber. Kurz vor der Ankunft stach der Schleuser das Boot kaputt, damit die Flüchtlinge nicht zurückgeschickt werden konnten. Im Wasser fanden sie Grund unter den Füßen und wateten an Land.
Ich hab keine Angst, sagte sich Faruq. Ich hab alles schon gesehen, alles erlebt. Nichts von dem, was noch kommt, schüchtert mich ein. Ich bin ein Kind des Grünen Ibrahim.
Im Militärgefängnis befand sich Faruqs letzte Zelle. Der Offizier ließ ihn holen zum Verhör. Hab keine Angst, sagte er.
Faruq entfuhr ein verächtliches Lächeln.
Wir rufen jetzt deinen Vater an, fügte der Offizier hinzu. Sag mir, welche Nummer ich wählen soll.
Doch Faruq konnte sich an die Nummer nicht mehr erinnern. In seinem Gedächtnis war alles verblasst. Er wusste gerade noch, wie er hieß.
Ich bin Faruq, sagte er.
Jaja, schon gut. Nenn mir jetzt bitte die Nummer deines Vaters. Faruq schüttelte den Kopf: Keine Ahnung.
Der Offizier beauftragte einen Assistenten, Faruqs Smartphone zu besorgen. Es lag bei den persönlichen Sachen. Mehr als das Smartphone und ein paar Groschen waren ihm nicht geblieben.
Mit Faruqs Hilfe tippte der Offizier auf dem Gerät herum.
Ist das seine Telefonnummer?
Faruq zuckte die Schultern.
Auf dem Smartphone schaltete der Offizier den Lautsprecher ein. Faruq hörte es tuten, dann meldete sich eine männliche Stimme. Kurz schilderte der Offizier die Lage. Der Vater glaubte ihm nicht. Er wollte mit seinem Sohn sprechen.
Faruq brachte kein Wort heraus. Ihm kamen die Tränen, er weinte und schluchzte, ehe er sinnlos zu stammeln anfing. Aber der Vater erkannte ihn.
Gegen Zahlung einer gewissen Summe sollte Faruq auf freien Fuß gesetzt werden. Ohne zu zögern willigte der Vater ein.
Darauf war alles angelegt, sagte sich Faruq. Andernfalls hätten sie mich längst umgebracht.

Vor dem Militärgefängnis empfingen ihn der Vater und seine Brüder. Ihre Stimmen überschlugen sich, nur Faruqs Zunge war wie gelähmt. Sie umarmten ihn, er ließ es geschehen. Mit dem Auto fuhren sie nach Hause. Als er die Schwestern auf dem Balkon erblickte, aufgekratzt und heftig winkend, konnte er nicht mal hallo sagen.

Stundenlang schloss er sich ins Badezimmer ein. Vor einer Ewigkeit hatte er das letzte Mal geduscht. Mehrmals klopfte seine Mutter an die Tür, um ihm Kleidung zu bringen. Aber er ließ sie nicht herein. Am späten Nachmittag bestellte der Vater einen Friseur ins Haus, damit er seinem Sohn die Haare schnitt. Nach und nach fand Faruq in die Familie zurück.

Doch in Syrien würde er nicht bleiben können. Gegen ihn lief ein Gerichtsverfahren. Was das Urteil betraf, so erwartete er nichts Gutes. Er wollte die gerade errungene Freiheit nicht aufs Spiel setzen.

Schweren Herzens ließ ihn die Familie ziehen. Nach zehn Tagen stieg er in einen Kleinbus Richtung Libanon. Sein kleiner Cousin begleitete ihn.

Als es kälter wurde, saßen sie immer noch vorm Späti und rauchten Shisha, nun in Jacken und Mäntel gehüllt, aber nicht weniger übermütig als in den lauen Nächten zuvor. Einige Deutsche hatten die Gewohnheit übernommen. Fast alle kannte Faruq mit Namen. Auch er selbst zog sich warm an, da er darauf verfallen war, jeden Morgen die Tür auszuhängen. Anders wäre er der Berliner Marotte nicht Herr geworden, die darin bestand, den störenden Keil mit der Schuhspitze wegzukicken, damit sich die Tür schließen ließ. Unverändert litt er unter dem klickenden Geräusch. Er duldete nicht, dass in seinem Laden Waffen entsichert wurden.
Alles okay mit der Wohnung?
Ja, antwortete Faruq, alles bestens. Eine WG, die bis auf einen fließend arabisch spricht.
Zu lange, für seinen Geschmack, hatte er in einem eigens errichteten Flüchtlingsheim gewohnt. Mit der Zeit wunderte er sich nicht mehr darüber, dass er der einzige Flüchtling war. Auf dem Korridor, in der Küche wurde deutsch gesprochen. Die Leute stießen ihn ab. Faruq dachte: Penner. Ihnen ging er aus dem Weg.
Kommt der Kleine heute nicht?
Nein, er muss für die Schule lernen, sagte Faruq. Die Prüfung will er unbedingt bestehen.
Keine schöne Blonde?
Nein, heute nicht.
Nach der Entlassung fand Faruq heraus, warum sie ihn verhaftet hatten. Er war denunziert worden. Aus Rache steckte ein junger Mann dem Geheimdienst Faruqs Namen zu, dazu den Hinweis, er habe Geld, ein Auto, zwei Telefone; er unterstütze Terroristen. Ohne Verzug griff der Geheimdienst zu.
Ich bin nicht Faruq, sagte Faruq.
Der junge Mann hatte ein Verhältnis mit Faruqs Schwester. Darum waren sie aneinandergeraten. Faruq konnte nicht anders, als den Lustmolch, wie er ihn nannte, zu verprügeln, weil alle Welt sich gefragt hätte, warum die Brüder nicht einschritten. Niemand sollte schlecht über seine Schwester reden. Wieder zu Hause, stritt er mit ihr, bis der Vater dazwischenging. Danach wurde er für zwei Tage in das Haus eines Verwandten verbannt. Dass Faruq seine Schwester derart beleidigte, wollte der Vater nicht hinnehmen.

Längst schon in Berlin, erhielt Faruq eine Nachricht von seinen Eltern: Er sei zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Kehrte er nach Syrien zurück, müsste er ins Gefängnis. Nie im Leben, schwor sich Faruq, betrete ich wieder syrischen Boden. Dabei stand er nur unter subsidiärem Schutz für drei Jahre. Politisches Asyl hatte er nicht beantragt. Er wolle nicht zum syrischen Militär, gab er an. Sag nicht, dass du im Gefängnis warst, war ihm nahegelegt worden. Wer weiß, inwieweit der deutsche Geheimdienst mit dem syrischen verstrickt ist. Darum hielt er den Mund. Und träumte davon, in Berlin einen Späti zu eröffnen, davor ein paar Tische zum Shisha-Rauchen. Sein kleiner Cousin würde Stammgast sein, mit einer blonden Polizistin aus Passau.