Jenseits von Gaza

Ralph Hammerthaler

 

Als er aufschreckte, blickte er in die Gesichter zweier Grenzpolizisten – ein Mann und eine Frau. Noch hatte die Frau ihre Hand nicht von seiner Schulter genommen. Yakoub hatte so tief geschlafen, dass er dachte, er träume. Auch die Aufforderung, seinen Pass zu zeigen oder seinen Personalausweis, kam ihm in diesem Moment unwirklich vor. Die Polizistin rüttelte an seiner Schulter. Yakoub schielte auf seine Schuhe am Boden. Seine Jacke hing am Haken neben dem Fenster. Außer ihm saß nur eine zweite Person im Zugabteil; ein Mann, der Zeitung las, aufblickte, weiterlas. Wo sind wir?, fragte Yakoub.
Tschechien, sagte die Polizistin.
Tschechien ist nicht Deutschland, fuhr es Yakoub durch den Kopf. Es hat nicht geklappt.
Ihren Pass, bitte, junger Mann.
Yakoub sagte: Ich hab keinen Pass. Ich komme aus Palästina.
Nachdem er seine Schuhe angezogen hatte, legten sie ihm Handschellen an. So wurde er hinaus auf den Bahnsteig geführt. Seinen Koffer trug der Polizist, seine Jacke die Polizistin. Draußen war es kalt, und so bat Yakoub darum, indem er die gebundenen Hände leicht anhob, die Jacke anziehen zu dürfen.
Später, gab die Polizistin zur Antwort, später.

Am Bahnhof waren alle Augen auf ihn gerichtet. Er sah, dass die Leute sahen, wie er sich in ein Polizeiauto setzte. Er fragte sich, ob es die Leute beruhige, dass ein Polizist die Tür zuschlug. Erst fuhren sie zu einer Bäckerei; die Polizistin brachte Gebäck mit. Dann steuerten sie die Wache an. Hier nahmen sie seine Personalien auf. Yakoub machte sich jünger, als er war, er machte sich minderjährig, ganz so, wie ihm ein Polizist in Ungarn geraten hatte. Und er gab sich auch einen neuen Namen, hier wollte er Josef heißen.
Also Josef, sagte der Polizist. Warum haben Sie Zigaretten aus Ungarn?
Ein Geschenk, log Yakoub. Diese Schachtel hat mir jemand in Prag geschenkt.
Die Nacht verbrachte er in einer Zelle. Anderntags löcherten sie ihn mit Fragen.
Yakoub sagte: Ich will zu meiner Mutter nach Schweden.
Als er ihnen die Telefonnummer nannte, forderten sie ihn auf, die Mutter anzurufen, jetzt, vor ihren Augen.
So sprach er mit der Mutter und schilderte seine Situation. Nicht unzufrieden nickten die Polizisten. Kurz darauf schickten sie ihn, begleitet von einer Sozialpädagogin, im Auto nach Prag zurück, in ein Heim für Kinder und Jugendliche. Vorher sollte er sich in einem Kinderkrankenhaus untersuchen lassen. Belustigt nahm Yakoub die Türgriffe wahr, Tierköpfe mit treuen Augen und lächelnden Mäulern. Ja, er wollte Josef sein, den es zu seiner Mutter zog. Erwachsen würde er später werden.

Im Heim beklagte er sich über das Essen, das ein Essen für Kinder, höchstens Halbwüchsige war. Doch als die Köchin drohte, sein wahres Alter zu verraten, falls er sich nicht füge, hielt er den Mund. Woher, fragte er sich, weiß die Köchin so gut Bescheid? Im Heim traf er nur auf wenige Mitbewohner; die meisten waren älter, als sie angegeben hatten. Er traf auf eine Slowenin, einen Bosnier, einen Türken und auf zwei Mädchen aus Afrika. Eines der Mädchen stammte aus Tunesien. In Prag traf Yakoub auf Layla.

In Gaza war er auf eine Schule der Vereinten Nationen gegangen. War Krieg, und immer wieder war Krieg, verließ niemand das Haus. Das Summen der Drohnen nannten sie lautmalerisch Zannane. Kein Araber, der nicht in Gaza lebte, kannte diesen Ausdruck. Zannane klang unheilvoll. Sie spitzten die Ohren, weil außer diesem Summen nichts auf einen Angriff hindeutete. Über Alarm verfügte der Landstrich nicht. Nach ein oder zwei Minuten schlug die Rakete ein. Ein Gebäude stürzte zusammen und begrub Menschen unter Trümmern. Nachbarn wurden getötet, und Yakoub weinte um Spielkameraden. War kein Krieg, und immer wieder war kein Krieg, herrschte zwar nicht Frieden, aber die Waffen zogen sich in eine lauernde Stellung zurück. Dann spielte er mit Freunden am Strand oder Fußball auf der Straße. Sein Vater übernahm Arbeiten, je nachdem, wie sie anfielen. Er verkaufte Fische auf dem Markt, er vertrieb Putzmittel, oder er steuerte einen Bus von da nach dort. Die Routen waren überschaubar, denn Israel hatte Gaza abgeriegelt. Kein hinaus, kein herein. Selbst das Meer gaukelte Freiheit nur vor. Diese Freiheit brach sich an der Schiffspatrouille, sechs Meilen vor der Küste.

Der Vater hatte eine große Familie zu ernähren, seine Frau, neun Kinder. Yakoub war der Viertälteste, nach zwei Schwestern und einem Bruder. Als wieder Krieg ausbrach, scheuchte der Vater die Familie auf, damit sie ihm ins Haus des Großvaters folgte, weil er die eigene Wohnung für zu unsicher hielt.
Zannane, Zannane.

Immer wieder fiel der Strom aus. Und wenn ein Geschoss den Generator getroffen hatte, lag eine Zeitlang alles still. Ob Krieg oder Nichtkrieg, die Versorgung mit Strom oder Wasser war so mangelhaft, dass etliche zu verzweifeln drohten. Wasserzeit führten sie wie ein Zauberwort im Mund. Wasserzeit hieß acht Stunden Wasser alle zwei Wochen. Beschränkt auf diese Spanne, füllten sie sämtliche Behälter auf.

In Gaza wird es keinen Frieden geben, sagte der Vater. Der Konflikt lässt sich nicht lösen. Alle zwei oder drei Jahre Krieg. Sollen wir warten, bis sie uns umbringen? Ich hab die Hoffnung aufgegeben. Meine Hoffnung liegt auf dem Müll.

So brachte er alle dazu, nach Ägypten zu fliehen, durch einen Tunnel, der später geflutet werden sollte. Damals wurden noch Waren und Lebensmittel nach Gaza geliefert, aber auch Waffen. Den Tunnel begriffen sie als ihre Lebensader. Kurz zuvor hatte der Vater drüben eine Wohnung gefunden und auf einem Wagen Geräte transportiert, Kühlschrank, Waschmaschine, Fernseher. Nur mit dem Nötigsten versehen, durchquerte die Familie den Tunnel zu Fuß. Etwas Schmuck nahmen sie mit, Kleidung, Spielzeug, Proviant. Länger als eine Stunde mussten sie gehen, ehe sie in Ägypten wieder ans Licht kamen. Yakoub spürte ein leichtes Kribbeln, den Hauch eines Abenteuers.

In Prag erhielten sie Unterricht in Tschechisch und Mathematik. Seinen Lehrer verblüffte Yakoub damit, dass er eine Rechenaufgabe schneller löste als alle anderen, mittels einer Methode, die der Lehrer nicht kannte. Layla warf ihm einen rätselhaften Blick zu. Drei Stunden täglich verbrachten sie im Freien, mit Fußball oder Tennis. Drinnen gab es Videospiele und einen Kicker. Yakoub fing an, sich eine Zukunft in Tschechien auszumalen. Gleichzeitig aber wollte er seine Mutter nicht enttäuschen. Sie wartete auf ihn.

Layla ließ er nicht aus den Augen. Er mochte ihr Lachen und das schwarzlockige Haar. Und er hörte sie gern arabisch sprechen, dazu ihre Manie, alles, was sie sagte, mit französischen Wörtern zu sprenkeln. So stellte er sich Tunesien vor. Du verstehst nur die Hälfte.
Er zündete eine Zigarette an. Zwei Zigaretten am Tag hatte er ausgehandelt, eine am Nachmittag, eine am Abend. Ansonsten war Rauchen strengstens verboten. Jedes Verbot, sagte er sich, lässt sich knacken.
Warum ist deine Mutter nicht in Ägypten geblieben?, fragte Layla.
Es war schwer für uns in Al-Isma’iliyya, antwortete Yakoub. Zwar waren wir dem Krieg entkommen und damit in Sicherheit, aber an allen Ecken und Enden fehlte das Geld. Als meine Mutter die Chance bekam, zu ihrem Bruder nach Schweden zu reisen, griff sie zu. Sie erhielt einen fremden Pass, aber das fiel nicht auf. Meine älteste Schwester und meinen jüngsten Bruder nahm sie mit.
Layla sagte: Meine Familie ist in Italien.
Denk nicht, dass ich in Prag versauern werde.
Denk ich nicht.
Wir finden einen Weg.
Das rechnest du dir so aus.
Ja, ich bin gut in Mathe. Hast du ja gesehen.
Angeber, spottete sie. Demnach müsstest du längst in Schweden sein.
In Ägypten bin ich auf eine illegale Schule gegangen, fuhr er fort. Aber alles war gut organisiert. Vormittags die Jungen, nachmittags die Mädchen. Im Monat darauf umgekehrt. Mein Vater arbeitete in einem Gemüseladen, und sooft es ging, half ich aus. Aber nachdem meine Mutter weg war, mussten wir die Familie durchbringen, meine kleinen Geschwister. Ab und zu hab ich gekocht. Doch der wahre Hausmann war mein jüngerer Bruder Mahmoud. Er war so geschickt, dass alles irgendwie weiterging. Mit der Zeit aber wurde die Sehnsucht zu groß. Ich wollte zu meiner Mutter.
Immerhin, bis Prag hast du es geschafft.
Lach nicht, sagte Yakoub. Das alles ist kompliziert. Da wir illegal in Ägypten lebten, konnte ich dort nicht zur schwedischen Botschaft gehen und nach einem Visum fragen. Ich musste nach Jordanien, aber mein Antrag wurde abgelehnt. Also hab ich im Internet nachgeschaut, in welche Länder du ohne Visum darfst. Kosovo, Montenegro, Weißrussland.
Du bist über Kosovo gekommen?
Nein, sagte Yakoub. Ich bin nach Minsk geflogen, weil ich im Internet einen Araber fand, der mir für hundert Dollar eine Einladung schickte. Leider hat es nicht geklappt. Nur den Flughafen von Minsk hab ich kennengelernt. Die Russen wollten mich nicht haben.

Einmal die Woche putzte er sein Zimmer. Er räumte auf, stopfte Zeug in die Schubladen, fuhr mit dem Staubwedel durch das leere Regal und ordnete Decke und Kissen auf dem schmalen Kastenbett. Am Ende wischte er den Boden. Eine Stunde später erschien der Betreuer und musterte das Zimmer. Beiläufig zog er die Schranktüren auf, dann auch die Schubladen und wühlte herum. Er suchte nach Zigaretten. Aber Yakoub hatte sie gut versteckt.

So oft wie möglich war er mit Layla zusammen. Bald wirkten sie unzertrennlich, sodass die anderen Witze über sie machten. Eine Betreuerin hob den Zeigefinger und schärfte ihm ein: kein Sex. Yakoub lächelte ihr ins Gesicht. Jedes Mal, wenn jemand sein Zimmer verließ, am Abend oder in der Nacht, musste es bei der Aufsicht gemeldet werden. Yakoub wusste, dass Layla gern im Wohnzimmer döste. Spät nachts schlich er aus seinem Zimmer und entdeckte sie schlafend auf dem Sofa. Vielleicht tat sie auch nur so. Leise zischte er, aber sie reagierte nicht. Lange betrachtete er sie im Licht der Tischlampe, bevor er in sein Zimmer zurückkehrte.

Ein paar Tage danach konnte er nicht einschlafen. Wieder trieb es ihn hinaus auf den Korridor und dann ins Wohnzimmer. Aber das Sofa war verwaist. Enttäuscht wandte er sich ab, doch statt umzukehren, ging er weiter, bis vor die Tür von Laylas Zimmer. Er klopfte an, sie öffnete und ließ ihn herein. Seite an Seite hockten sie auf ihrem Bett und sprachen über alles, was wichtig war. Sie sprachen so lange, bis eine Betreuerin ohne Vorwarnung hereinplatzte und sie ausschimpfte. Besonders auf Yakoub ging ihr Ärger nieder. Was machst du hier? Das ist nicht erlaubt! Ich muss dir ein Minus geben, nein, ein Doppelminus, weil du nicht hören willst, Minusminus also.

Yakoubs Plus war Layla. Nur schwer konnte er sich zügeln, wenn sie etwas tat, das seinen Erwartungen nicht entsprach. Ein paar Mal wies er sie offen zurecht. Lass mich in Ruhe, gab sie zurück. Wenn sich Layla mit einem anderen einließ, und sei es nur, dass sie mit ihm lachte, knurrte er in der Ecke. Im Computerraum saß er neben ihr und lauschte ihrem Gespräch beim Skypen. Er schielte hinüber. Ein junger Mann auf dem Bildschirm strahlte sie an. Layla sprach nur Französisch, und er konnte sich keinen Reim darauf machen, höchstens den Reim einer missgünstigen Fantasie.
Worüber habt ihr gesprochen?, fragte Yakoub.
Sag ich nicht.
Mit diesen Worten ging sie hinaus, und Yakoub blieb allein zurück. Mit Computern kannte er sich aus. So setzte er sich wieder hin und kappte das Internet. Im ganzen Haus war die Verbindung unterbrochen. Es war Freitag. Frühestens am Montag würde der Schaden behoben. Erleichtert atmete er auf. An diesem Wochenende würde Layla nicht mit fremden Männern sprechen.

Am Schalter legte er seinen Pass und die Einladung nach Minsk vor. Der Angestellte gab ihm ein Formular zum Ausfüllen und verwies auf das Wartezimmer. Dort stand ein Tisch, übersät mit Stiften und Papier, dazu ein paar Stühle, ein Sofa. Was haben Sie in Weißrussland vor? Wie lange wollen Sie bleiben? Verfügen Sie über ein Ticket für die Rückreise? Sind Sie verheiratet? Wie viel Geld führen Sie mit?

Mit dem Formular zurück am Schalter, bemerkte Yakoub, dass der Angestellte wieder und wieder in seinem Pass blätterte. Unschlüssig reichte er den Pass an eine Kollegin weiter. Sie wechselten ein paar Worte auf Russisch.
Zeigen Sie mir bitte das Rückreiseticket.
Yakoub zog es heraus.
Zeigen Sie mir Ihr Bargeld.
Er legte ein Bündel Banknoten hin.
Haben Sie eine Bankkarte?
Nein, antwortete Yakoub. Aber ich kann mir von meinem Vater jederzeit Geld schicken lassen.
Wieder verwies ihn der Angestellte aufs Wartezimmer. Ermattet ließ sich Yakoub auf dem Sofa nieder. Nach einer halben Stunde kam der Angestellte, begleitet von sechs Soldaten, mit dem Pass herein. Raus!, rief einer der Soldaten, Palästinenser raus!, stimmten zwei oder drei mit ein.
Eskortiert von Soldaten, stieg er ins obere Stockwerk. Dort befand sich der Transitbereich. Ihm war klar, dass sie ihn auswiesen. Warum er nicht ins Land durfte, erfuhr er nicht.
Zwei Soldatinnen hielten Wache an der Treppe. Niedergeschlagen griff Yakoub nach seinem Smartphone, aber die Karte funktionierte nicht. Ihm war elend zumute; er fühlte sich kraftlos. Seit Langem hatte er nichts gegessen. Da wurde er ohnmächtig.
Sanitäter wurden gerufen und versorgten ihn mit Sauerstoff. Langsam kam er wieder zu sich. In der Ambulanz maßen sie seinen Blutdruck, machten ein EKG und tröpfelten ihm Glukose ins Blut. Am Abend wurde er zurück in die Transithalle gebracht. Auf dem kurzen Weg ins Flughafengebäude sah er die Sonne tief am Horizont stehen, tiefer, als er es aus Ägypten oder Gaza gewohnt war. Zwei Nächte verbrachte er in der Halle; unruhig schlief er auf Stühlen. Erst am dritten Tag konnte er ein Flugzeug der Turkish Airlines besteigen. Damit kehrte er nach Istanbul zurück.
Soldaten machen mir Angst, sagte Layla.
Auf dem Flughafen hab ich keine Polizisten gesehen, nur Soldaten.
Minsk wäre nichts für mich.
Yakoub sagte: Von Istanbul flog ich nach Amman. Aber sie wollten mich nicht ins Land lassen. Weil die Russen meinem Pass ein Papier beigefügt hatten. Was weiß ich, was darauf stand. In Weißrussland unerwünscht oder so. Was hast du angestellt, fragten sie in Amman, was verbrochen? Nichts, beteuerte ich, nichts. Doch sie wollten mir nicht glauben. Dabei war ich auf Jordanien angewiesen, um in Akaba das Schiff nach Ägypten zu nehmen. Sie aber drohten, mich nach Istanbul zurückzuschicken. Dafür hab ich kein Visum, sagte ich. Entnervt gaben sie auf und ließen mich durch.
Du hast Glück gehabt, lachte Layla. Einen Verbrecher wie dich hätte ich nicht aufgenommen.
Ich hab viel Geld verloren, sagte er. Aber bald brach ich wieder auf. Flog nach Istanbul. Wollte nach Griechenland, Athen.
Zu fünft liefen sie über das Feld, auf dem nur da und dort ein Baum stand. In der Ferne ragte ein Grenzturm auf. Es war taghell. Nicht weit von ihnen zog sich ein Gitterzaun entlang. Dieses Gitter kannte Yakoub aus Gaza. Oben, in die Brüstung, waren Splitter eingesteckt. Darüber würden sie eine Decke werfen müssen, um sich nicht zu verletzen. Auf der anderen Seite lag Griechenland. Wie auf ein Zeichen liefen sie schneller.
Unversehens tauchte ein Soldat aus einem Erdloch auf und legte das Gewehr auf sie an; kurz darauf ein zweiter, ebenfalls bewaffnet. In Panik kehrten sie um. Der erste Soldat folgte Yakoub und bekam ihn zu fassen. Auf Arabisch stieß er hervor: Ihr macht es uns ganz schön schwer. Vor Erleichterung schnappte Yakoub nach Luft.
Warum bei Tageslicht?, fragte der Soldat. Niemand versucht am Tag, die Grenze zu überwinden.
Weil wir die Mafia fürchten, sagte Yakoub. Nachts ist sie überall und hinter unserem Geld her.
Alle fünf mussten im Bus nach Istanbul zurückfahren.

Vor ein paar Tagen hatten sie in Edirne kurze Messer gekauft, um gegen die Mafia gewappnet zu sein. In der Dunkelheit pirschten sich Autos an Flüchtlinge heran. Entdeckt von der Polizei, rasten sie mit aufheulenden Motoren davon. Die fünf hatten sich auf eine Mauer gerettet. Dort hockten sie, bis alles wieder ruhig war.

In Istanbul beschloss Yakoub, sich einem Schleuser anzuvertrauen. In der Stadt zogen unzählige syrische Flüchtlinge umher, die unentwegt angesprochen und mit teuren Angeboten überhäuft wurden. So erging es auch ihm. Statt zuzugreifen und sein Geld aufs Spiel zu setzen, ging er in einen weithin bekannten Laden, in dem er für die Strecke von Istanbul nach Athen 2.200 Euro hinterlegte. Dafür erhielt er eine Quittung und ein Passwort. Dieses Passwort sollte er in Athen einem Agenten nennen, damit dieser die Summe abrufen könne.
Aus Sorge, seinen Pass zu verlieren, schickte er ihn mit der Post zu seiner Mutter nach Schweden.
Erst im Taxi, dann im Privatwagen wurde er in einer Gruppe von Flüchtlingen Richtung Grenze gebracht. Der Wagen fuhr ohne Licht. Als am Wegrand ein Polizist die Hand hob, bremste der Fahrer. Ein zweiter Polizist ging um den Wagen herum. Yakoub dachte: Es ist gelaufen. Alle stiegen aus, doch niemand wurde verhaftet. Die Polizisten erwiesen sich als Komplizen und schienen nützliche Hinweise zu geben. Darauf zog der Schleuser ein zusammengefaltetes Schlauchboot aus dem Kofferraum und forderte die Gruppe auf, ihm zu folgen. Immer wieder mussten sie sich auf den Boden werfen, um nicht entdeckt zu werden. Am Flussufer wurde das Boot aufgepumpt; dann ließ sie der Schleuser allein. Zwei Stunden, drei Stunden. Es war kalt, eine Nacht im Dezember. Yakoub betete, dass alles gut gehen möge. Was machen wir jetzt?, fragte eine Frau aus der Gruppe. Keiner gab Antwort. Endlich kam der Schleuser wieder. Yakoub roch, dass er getrunken hatte, und dachte: Er hat sich Mut angetrunken.

Seit jeher hatte er Angst vor Wasser. Zu Hause in Gaza waren immer wieder Menschen im Meer ertrunken. Er stieg als Letzter ins Boot; niemand trug eine Schwimmweste. Doch ehe ihn die Angst überwältigte, waren sie schon drüben. Es hieß, in Griechenland. Kurz darauf mussten sie einen zweiten Fluss überqueren. Diesmal stieg Yakoub als Erster ins Boot. Das jenseitige Ufer führte steil aufwärts, sodass er sich mit den Fingern in die Erde krallen und langsam nach oben klettern musste. Hell schien der Mond, wie eine Leuchte am Himmel. Im Dorf schlugen Hunde an, als sich die Gruppe näherte, ein ohrenbetäubendes Kläffen. Überall in den Fenstern ging das Licht an. Kurz darauf schweifte ein Suchscheinwerfer übers Gelände, sodass alle sich hinlegten. Sie standen wieder auf und setzten ihren Weg fort. Höchstens ein paar Minuten harrten sie an einer Abzweigung aus. Dann raste ein kleines Auto heran und bremste scharf. Ohne Verzug quetschten sich alle hinein. Yakoubs linke Wange wurde gegen das Autodach gedrückt, er bekam kaum noch Luft. Anhalten!, rief er, ich ersticke! Aber der Fahrer trat nur umso stärker aufs Gas. Später wechselte die Gruppe in ein größeres Fahrzeug. In der Hast ließ Yakoub Jacke und Schuhe liegen. Nur seine Reisetasche hatte er mitgenommen.

In Athen stieg er in Socken aus dem Auto. Nachdem er sein Passwort mitgeteilt hatte, sagte der Agent: Du kannst gehen. Yakoub schüttelte den Kopf und wies auf seine Füße. So kaufte ihm der Agent ein Paar Schuhe.

Yakoub kam unter bei einem syrischen Bekannten seiner Familie. Gemeinsam wollten sie mit dem Flugzeug nach Stockholm. Er erhielt einen schwedischen Pass mit identischem Vornamen. Das Gesicht auf dem Foto vergaß er, kaum dass er es angesehen hatte. Ohne Probleme bekam er die Bordkarte ausgehändigt. Auch die auf Flüchtlinge spezialisierte Polizei ließ ihn in Ruhe. Kurz vorm Einsteigen stellte ihm die Frau am Gate eine Frage auf Schwedisch. Er antwortete: Yakoub, weil er dachte, sie hätte nach seinem Namen gefragt. Darauf wiederholte sie ihre Frage, und wieder gab er Yakoub zur Antwort. Die Frau runzelte die Stirn und sagte auf Englisch: Ich hab dich nach deinem Alter gefragt. Tut mir leid, aber wir müssen dich kontrollieren. Geh bitte zur Seite.

Nachdem ein Vorgesetzter das Passfoto lange betrachtet hatte, blickte er Yakoub ins Gesicht: Sorry, aber das bist nicht du. Der da auf dem Foto ist ein anderer. Besser du siehst zu, dass du wegkommst.

Längst war der syrische Bekannte im Flugzeug verschwunden. Und Yakoub blieb nichts anderes übrig, als in die ihm schon bekannte Wohnung zurückzukehren.

Es dauerte nicht lange, und er bekam einen spanischen Pass zugeschickt. Dieser Pass gehörte seinem Cousin, der dasselbe Alter hatte und ihm zum Verwechseln ähnelte. Sogleich fing Yakoub an, Spanisch zu lernen, auf die wichtigsten Fragen die richtigen Antworten zu geben. Sein Schwager, der Mann seiner ältesten Schwester, die in Schweden lebte, flog nach Athen und besorgte ihm ein illegales Ticket. Italienische Fluggesellschaft, sagte er, funktioniert garantiert. Am Schalter aber wurde Yakoub abgewiesen; sie wollten das Ticket nicht akzeptieren. So ging er zu einem Automaten, der die Bordkarte anstandslos herausgab. Anders als beim letzten Mal wurde er von der speziellen Flüchtlingspolizei nach seinem Pass gefragt. Leider hatte er die Unterschrift nicht eingeübt. Aber als er eine Kostprobe davon gab, wurde sie nicht beanstandet.
Ich muss los, sagte Yakoub. Sonst verpasse ich meinen Flug.
Hast du einen spanischen Personalausweis?, fragte einer der Polizisten.
Nein, hab ich nicht mit.
Welches ist das bessere Team? Real Madrid oder FC Barcelona?
Aber Yakoub musste die Antwort schuldig bleiben. Denn sie entzogen ihm seinen Pass.
Nie wieder wollte er auf dem Athener Flughafen um sein Fortkommen bangen. In ihm reifte der Entschluss, es auf dem Landweg zu versuchen. Ein wohlhabender arabischer Geschäftsmann bezahlte ihm ein Zugticket nach Thessaloniki, noch dazu einen Schleuser, der ihn nach Mazedonien bringen sollte.

Stundenlang folgten sie den Schienen nach Norden. Sie waren zu siebt. Einen großen schwarzen Jungen hielt Yakoub für den Stärksten von ihnen, aber der Schwarze weinte die ganze Zeit. Unerwartet stießen sie auf eine große Gruppe, an die vierzig Leute. Die Meinungen zu großen Gruppen waren zwiespältig.
Yakoub sagte: In diesem Haufen sind wir sicher. Die Mafia wird es nicht wagen, uns Geld abzunehmen.
Aber alle können uns sehen, klagte der schwarze Junge. Wie sollen wir uns verstecken?
Näherte sich ein Zug, sprangen alle aus dem Gleisbett und gingen in Deckung.

In Serbien empfing sie eine bestens organisierte Schleusermafia. Gleichzeitig witterten sie überall Gefahren. Stiegen sie in ein Auto, stellten sie fest, dass es einem anderen Auto folgte. Das erste Auto erkundete die Lage. Keiner der Schleuser sprach mit ihnen. Höchstens Anweisungen wurden gegeben. Sie durften sie nicht fotografieren und niemandem verraten, dass sie für die Hilfe bezahlten. Einmal verbrachten sie zwei Tage in einem abgelegenen Haus; eine Wirtin versorgte sie mit Essen. Danach wurden sie an die ungarische Grenze gefahren. In einer Gegend mit Wäldern und Sümpfen hatten sich unzählige Menschen versammelt. Nur Schritt für Schritt, immer wieder durch schwarzes Wasser watend, kamen sie voran. In der Kälte des Januars fröstelten sie. Schon jenseits der Grenze, sahen sie, dass die Ersten in ein Auto stiegen. Kurz darauf ertönte der Ruf: Patrouille! Kontrolle! Alle zurück! Erschrocken drehten sie um, Yakoub und der schwarze Junge jetzt am Ende des Zugs. Drüben, auf serbischem Gebiet, fuhr Polizei vor. Einige der Rückkehrer wurden festgenommen. Diesem Schicksal wollten Yakoub und der schwarze Junge entgehen. Mit drei weiteren Männern scherten sie aus und flüchteten in einen Wald.

Nach kurzer Zeit hatten sie jede Orientierung verloren. Wo war Norden, wo Süden? Wo lag Ungarn, wo Serbien? Wiederholt kreuzten Wildtiere ihren Weg. Als sie von fern ein Auto hörten, wenig später ein anderes, liefen sie in diese Richtung, um auf eine Straße zu gelangen. Dort hielten sie das nächste Auto an. Der Fahrer kurbelte das Fenster ein wenig herunter. Soll ich euch ein Taxi rufen?
Ja, sagte Yakoub, ein Taxi wäre nicht schlecht.
Darauf griff der Fahrer nach seinem Telefon und machte Angaben in einer unverständlichen Sprache. Anschließend fuhr er davon.
Als Yakoub ein Polizeiauto kommen sah, wusste er, wen der Fahrer verständigt hatte. Keiner von ihnen wollte fliehen. Willig ließen sie sich Handschellen anlegen und auf die Wache nach Szeged bringen. Nur der schwarze Junge weinte.
Ihr habt zwei Optionen, sagte ein Polizist. Entweder ein paar Monate in die Zelle und dann zurück nach Serbien. Oder ihr nehmt den Zug nach Budapest.
Die Entscheidung fiel nicht schwer. Alle fünf sprachen sich für Budapest aus. Danach wurden ihre Fingerabdrücke abgenommen. Zum Abschied erhielten sie ein Formular, das ihnen in Ungarn als Ausweis dienen sollte.
Gut gemacht, sagte der Polizist zu Yakoub. Als Minderjähriger kommst du leichter durch.

In Budapest wurde Yakoub von einem Mann, den er nie zuvor gesehen hatte, herzlich umarmt. Es war der Halbbruder seines Vaters. Da die Geschäfte gut liefen, verfügte der Halbonkel über etliche Immobilien. Ohne lange nachzudenken, schenkte er Yakoub zweitausend Euro.

Pass auf, mein Lieber, sagte er. Du hast die Wahl. Bleibst du hier, so kannst du für mich arbeiten. Es soll dir an nichts fehlen. Bleibst du nicht hier, so kenne ich jemanden, der dich für tausend Euro nach Berlin fährt. Für Benzin musst du selbst aufkommen. Der Fahrer stammt aus Kosovo, kein Albaner, Serbe.

Mit diesem Fahrer gelangte Yakoub, ohne dass ihn Grenzer herausgewinkt hätten, erst nach Österreich, dann nach Tschechien. In Prag jedoch riet der Fahrer, lieber den Zug zu nehmen, da er, was die deutsche Grenze betreffe, für nichts garantiere. Zu viel Polizei. Nach kurzem Bedenken stimmte Yakoub zu. Am Bahnhof kaufte der Fahrer ein Ticket für ihn und wünschte viel Erfolg.
Im Abteil zog Yakoub die Schuhe aus und machte es sich bequem. Kaum hatte der Zug Prag verlassen, nickte er ein.

Im Prager Heim durften sie Handys nur eine Stunde am Tag benutzen. Aber Yakoub fand heraus, dass während des Schichtwechsels niemand darauf achtete. So ertrotzte er eine weitere Stunde. Seitdem er aufgebrochen war, verband ihn das Smartphone mit der Familie, seinem Vater, seiner Mutter. Alle wichtigen Informationen bezog er aus dem Internet. Mit der Familie stand eine Schar von Helfern hinter ihm. Andernfalls wäre er schnell verlorengegangen. Seinen Halbonkel in Budapest hätte er nie kennengelernt.
Wir müssen hier weg, sagte Layla.
Fliehen?
Was sonst.
Am Eingang saß ein Pförtner. In der Regel war die Tür verschlossen. Nur durch eine Steckkarte ließ sie sich öffnen. Über diese Karte verfügten sie nicht.
In den ersten Wochen durften sie nur in Begleitung außer Haus. Später dann auch ohne, aber nicht länger als zwei Stunden.

Die Familie zog ein paar Fäden. Auf dem Wenzelsplatz sollte Yakoub einen Mann treffen, der ihn nach Berlin fahren würde. Die Reisetasche umgehängt, ging er auf die Tür zu. Der Pförtner schien zu ahnen, dass er, derart bepackt, nicht wiederkommen werde. Aber er ließ ihn ziehen. Vor Wenzels Reiterstandbild wartete Yakoub gut eine Stunde. Nervös sah er die Frist seines Ausgangs verstreichen. Was tun? Ihn befiel das Gefühl, dass er gar nicht wegwollte. Ihm war nicht danach, es zu ergründen. Für einen Moment dachte er an Layla, ihr Lachen, das lockige Haar. Doch er verscheuchte den Gedanken gleich wieder. Kaum zurück im Heim, erhielt er die Nachricht, dass der Fahrer auf dem Wenzelsplatz eingetroffen sei.
Ich kenn da einen Araber, sagte Layla, aus dem Maghreb. Er könnte uns weiterhelfen.

Am Ende eines Ausflugs in die Stadt stieg die ganze Gruppe in die U-Bahn. Unmerklich entfernten sich Yakoub und Layla von den übrigen. An der nächsten Station sprangen sie, kurz bevor der Zug wieder anfuhr, auf den Bahnsteig. Yakoub hatte nicht viel dabei, immerhin sein Smartphone, doch all sein Geld musste er im Heim zurücklassen. Layla rief den Araber an; er las die beiden an der Station auf und brachte sie in seine Wohnung.
Schweden hat seinen Preis, meinte der Araber und zog an einer Zigarette. Ehe er weitersprach, bot er Yakoub die Schachtel an.
Ich rauch gern eine mit, sagte Layla.
Wie viel?, fragte Yakoub.
1.300 Euro.
Tags darauf holte er das Bündel in bar am Schalter von Western Union ab. Ein Onkel hatte die Summe vorgestreckt. In der Wohnung des Arabers saß bereits der Fahrer für die Strecke nach Schweden. Er verwickelte Yakoub in ein belangloses Gespräch, während der Araber die Scheine zählte. Draußen, ehe sie ins Auto stiegen, fiel Layla Yakoub um den Hals, löste sich aber schnell wieder von ihm. Zwei Schritte zurück, dann wieder einen nach vorn. Sie strich ihm mit der Hand über die Wange und sagte: Pass gut auf dich auf.
In der Nähe einer Autovermietung parkte der Fahrer ein. Er sei gleich wieder da. Laylas Warnung im Ohr, filmte Yakoub mit dem Smartphone das Auto von innen. Er öffnete sogar das Handschuhfach und zog ein Papier heraus, das die Identität des Fahrers bezeugte. Anschließend zählte er sein Geld nach. Als der Fahrer zurückkehrte, mit einer Mappe unterm Arm und einem Autoschlüssel, sagte Yakoub: Sechshundert Euro sind weg.
Der Fahrer gab sich bestürzt.
Sechshundert Euro!
Der Fahrer sagte: Bestimmt hat sie der Araber geklaut.
Wie soll ich jetzt –.
Gib mir, was du hast, forderte ihn der Fahrer auf. Den Rest gibst du mir später.
Scheiße.
Komm jetzt, drängte der Fahrer, wir müssen los. Dort hinten steht unser Mietwagen.
Als auf der Armatur ein rotes Lämpchen aufleuchtete, scherzte der Fahrer: Schau, ein Kaffeekännchen. Das heißt, wir sollen eine Pause machen, weil auch das Auto eine Pause braucht.

In der Raststätte tranken sie Kaffee und witzelten über Gäste. Die Stimmung war gelöst, denn sie hatten die Grenze nach Deutschland ohne Weiteres überqueren können. Auch der Fahrer stammte aus dem Maghreb. Er schärfte Yakoub ein: Verrate niemandem, dass ich dich für Geld nach Schweden bringe. Sag einfach, du hättest mich auf der Raststätte angesprochen. Nehmen Sie mich mit nach, sagen wir, Kopenhagen?
Der Fahrer schrieb den Namen der Stadt auf ein Stück Pappe.
Er sagte: Damit bist du in mein Auto gestiegen.
Zügig setzten sie die Fahrt fort. Am Abend erreichten sie die Grenze zu Dänemark. Jetzt verlor der Fahrer die Nerven: Verdammte Scheiße! Sag nichts, sag niemandem irgendwas.

Noch auf deutscher Seite wurden sämtliche Fahrzeuge gefilzt. Eine Kolonne von Polizeiautos stand auf dem Parkplatz. Und Polizisten fragten nach Papieren und stöberten herum. Leichter Regen nieselte herab.
Ich komme aus Spanien, täuschte Yakoub vor. Meinen Ausweis hab ich vergessen.
Er versuchte es mit der Identität seines Cousins, Name, Vorname, Geburtsdatum. Aber das hatte schon in Athen nicht geklappt, auf dem Flughafen. Die Überprüfung erbrachte nichts Positives.
Mit einem Lächeln im Gesicht gab er auf: Ich bin Palästinenser.
Breit lächelten die Polizisten zurück, wurden aber gleich wieder ernst.
Nachdem Yakoub ihnen seinen Ausweis auf dem Smartphone gezeigt hatte, nahmen sie ihn mit. Da und dort sah er Menschen, teils ganze Gruppen, die festgehalten wurden. Sein Fahrer entfernte sich in die entgegengesetzte Richtung; er sah ihn nicht wieder.
Am frühen Morgen wurde er in einem weißen Bus nach Flensburg gebracht. Nur eine Nacht schlief er im Flüchtlingsheim. Er war so deprimiert, dass er seiner Mutter keine Nachricht schickte.

Am Flensburger Bahnhof nahm er den ersten Zug Richtung Dänemark. Da er nur noch vierzig Euro hatte, konnte er den Preis für das Ticket nicht bezahlen. So trickste er die Schaffner aus. Mehrmals wechselte er seinen Sitzplatz. Oder er stieg an einer Station aus, um, weiter vorne, in denselben Zug wieder einzusteigen. Oder er schloss sich auf der Toilette ein. Einem jungen dänischen Schaffner jedoch konnte er nicht entwischen.
Kein Ticket, gestand Yakoub, kein Ausweis.
Wohin willst du?
Nach Schweden.
Der junge Schaffner setzte sich neben ihn. Er fragte: Woher soll ich wissen, dass du kein Krimineller bist?
Darauf erzählte Yakoub seine Geschichte.
Also gut, sagte der junge Schaffner. Bis Kopenhagen bleibst du hier sitzen. Aber weiterhelfen kann ich dir nicht. Weil ich in Kopenhagen selbst aussteige.
Als Yakoub am Bahnhof seinen Schwager anrief, hörte er ihn sagen: Ich komm dich holen.
Nein, entgegnete Yakoub. Ich schaff es allein bis nach Malmö.
Auf den letzten Kilometern forderte ihn ein Schaffner auf, den Zug zu verlassen. Er stieg aus, um in den nächsten Zug wieder einzusteigen. Vor dem Bahnhof in Malmö erspähte er einen Taxifahrer, der arabisch aussah. Er fragte, ob er ein Telefongespräch führen dürfe. Mit seinem Smartphone könne er keine Verbindung herstellen. Der Taxifahrer gab ihm sein Handy. So verabredete sich Yakoub mit seinem Schwager.
Das Auto fuhr vor, die Scheinwerfer blendeten. Der Schwager sprang heraus und drückte Yakoub an seine Brust. Er sagte: Du bist ein Löwe.

Erst am folgenden Tag fuhr Yakoub mit dem Zug nach Kristianstad. Seine Mutter weinte und weinte; sie brachte lange kein Wort heraus. Als er sie in dieser aufgelösten Verfassung betrachtete, dachte er daran, dass sie die Stärkste in der Familie war. Sie hatte die Gabe, alles, was geschah, in einem tröstlichen Licht zu sehen. Obwohl die Familie in Armut lebte, ließ sie nicht nach, für die Zukunft der Kinder zu kämpfen. Sie sollten lernen und studieren. Am liebsten wäre es ihr, wenn alle nach Schweden kämen. Nie äußerte die Mutter irgendwelche Ängste. Selbst in Gaza hatte sie Zuversicht verbreitet. Unser Schicksal, sagte sie ein ums andere Mal, liegt in Allahs Hand.
Allah hat dich mir zurückgegeben, stellte sie nüchtern fest. Sich die Tränen trocknend, fügte sie einen Gebetsspruch hinzu.
Yakoub wusste, was er seiner Mutter und ihrem Glauben verdankte. Durch sie hatte er gelernt, niemals aufzugeben. Wurde es brenzlig, suchte auch er Zuflucht in einem Gebet.

Die Wohnung war eng, aber mit dem Nötigsten ausgestattet. Sein kleiner Bruder schlief zwischen zwei kraushaarigen Stoffpuppen in einem Gitterbett. In der Nachbarschaft lebte ein Onkel mit Familie.
Schon nach zwei Tagen fing Yakoub an, im Tabakladen des Schwagers zu arbeiten. Lottoscheine wurden angenommen, allerlei kleine Aufträge erledigt. Ein ganzes Jahr brachte er mit dieser Tätigkeit zu, ehe er einen Brief von der Ausländerbehörde erhielt.

Mit einem mulmigen Gefühl saß er der Sachbearbeiterin gegenüber. Von ihr sollte er erfahren, ob er in Schweden bleiben dürfe. Er dachte: Der Brief war eine Falle. Sonst hätten sie mir die Entscheidung gleich mitgeteilt. Telefonisch verlangte die Sachbearbeiterin nach einer Dolmetscherin und schaltete den Lautsprecher ein. Die Stimme klang nicht unsympathisch, selbst als sie einen offiziellen Ton anschlug. Ganz offiziell wurde Yakoub darüber aufgeklärt, dass ihm die Ausweisung bevorstand. Europäische Union war das eine Stichwort, Dublin-Verfahren das andere. Zuerst habe er in Ungarn europäischen Boden betreten; dies sei durch seinen Fingerabdruck bezeugt; folglich müsse er nach Ungarn zurück. – So leid es uns tut.

Yakoub stand auf: Jetzt werde ich gehen und nicht mehr wiederkommen. Vielleicht heirate ich eine schwedische Frau.
Bitte setzen Sie sich, sagte die Sachbearbeiterin. Das Gericht hat entschieden, dass Sie dieses Gebäude nicht verlassen dürfen. Bis zu Ihrem Flug nach Budapest.
Er griff nach der Klinke und zog die Tür auf. Aber zwei Polizisten hinderten ihn daran, das Büro zu verlassen. Sogleich tasteten sie ihn ab wie einen Verbrecher und durchsuchten seine Taschen. Entmutigt sank er auf den Stuhl nieder.
Drei Wochen später wurde er nach Kopenhagen gebracht. Weil er keinen Widerspruch eingelegt hatte, der, wie es hieß, mit Sicherheit abgelehnt worden wäre, verschonten sie ihn mit Handschellen. Er hockte in einem Kleinbus, zwei Männer vorne, einer neben ihm. Auf dem Flughafen konnte er sich frei bewegen. Einen großen Koffer gab er als Sperrgepäck auf.

In München musste er umsteigen. Unmittelbar vor dem Flugzeug warteten Polizisten auf ihn. Es herrschte sommerliche Hitze. Yakoub war so erbärmlich zumute, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Als der Kapitän das Cockpit verließ und die Treppe hinunterstieg, um ihm die Hand zu schütteln, entfuhr ihm ein schauerliches Lachen, als spielten sie alle nur Komödie.
Wir fliegen nach Budapest, sagte der Kapitän. Hast du vor, Probleme zu machen?
Nein, antwortete Yakoub, keine Probleme. Gut. Willkommen an Bord.
Nachdem ihm die Stewardess einen Platz zugewiesen hatte, schloss er die Augen. Nach dem Start fragte die Sitznachbarin, eine ältere Frau, warum er nach Ungarn fliege.
Darauf erzählte Yakoub seine Geschichte.
Ich bete für dich, sagte die ältere Frau.
Und Yakoub sagte: Ich bete für Sie.
Versunken ins Gebet, bewegten sie stumm ihre Lippen.
In Budapest empfing ihn wieder Polizei und händigte seine Papiere aus. Mit einer Gruppe von andernorts Ausgewiesenen wurde er zu einer Behörde gefahren, wo sie die üblichen Fragen stellten. Die Nacht verbrachte er, Brot und Käse zum Abendessen, in einer Zelle. Tags darauf teilten sie ihm ein Heim in Debrecen zu, in einer ehemaligen Kaserne nahe der Grenze zu Rumänien.
Am Tor der Kaserne fragte er, wo er schlafen könne.
Zunächst wollten sie ihn abwimmeln. Erst als er den Bescheid der Budapester Behörde vorlegte, ließen sie mit sich reden. Ihr Englisch war gebrochen und schwer verständlich.
Nix Bett. Nix. nix, nix.
Irgendwo müsse er unterkommen, sagte Yakoub.
Palästina? Oder egal?
Gern könnten sie ihn zu Palästinensern stecken.
Das Treppenhaus starrte vor Schmutz. Schon auf dem Weg zum Gebäude war Yakoub der herumliegende Müll aufgefallen. Im zweiten Stock öffnete ein Mann um die vierzig und sagte auf Arabisch, sie hätten keinen Platz. Yakoub hörte heraus, dass der Mann nicht aus Palästina stammte. Nach einigem Hin und Her wurde er hineingelassen. Das Zimmer stank und kam ihm so dreckig vor, dass er nichts als wegwollte. Die Matratze war von kleinen Fliegen übersät. In der Küche griff er nach einer Dose mit Würsten, die als Verfallsdatum einen Monat im Jahr 2029 nannte.
Zurück am Kasernentor, trat er ins Pförtnerhäuschen und ereiferte sich: Wie können Sie diese Zustände akzeptieren? Das ist unmenschlich.
Der Pförtner zuckte die Achseln: Du bist nicht in Schweden.
Aber er ließ Yakoub in einem Sessel schlafen.
Am Morgen nahm er den ersten Zug zurück. Leider musste er feststellen, dass sein Halbonkel inzwischen nach Ramallah umgezogen war. Doch dessen Bruder gab ihm den Schlüssel für die Wohnung in Budapest. Vier Zimmer, zwei Bäder. Yakoub mochte die Stadt, den Sommer, das lebhafte Treiben. Vermittelt durch den Halbonkel, fand er Arbeit in einem Ramschladen. Doch insgeheim spürte er, dass die Kollegen ihn ablehnten. Er sprach so gut wie kein Ungarisch.

Auf Facebook korrespondierte er mit Freunden. In alle Winde waren sie zerstreut, da er überall auf seinem Weg welche kennengelernt hatte, die, ebenso wie er, nur weiterwollten. Eine Freundin in Gaza schrieb ihm regelmäßig. Er ersehnte ihre Berichte. Schon mit fünfzehn war sie verheiratet worden, sie hatte vier Kinder. Während eines Krieges, und immer wieder war Krieg, nahm sich ihr Mann das Leben. Nach altem Brauch ehelichte der Bruder des Verstorbenen die Witwe und sorgte für sie und die Kinder.
Wie gern würde ich Gaza besuchen, teilte ihr Yakoub mit.
Bloß nicht, gab sie zur Antwort. Alles ist kaputt. Menschen bringen sich um, weil sie nicht mehr ein noch aus wissen. Es mangelt an allem.
Ihm leuchtete ein, dass sie Facebook nicht alles anvertraute, was ihr durch den Kopf ging. Auch sie fürchtete die Kontrolle durch den israelischen Geheimdienst. Im Stillen träumte sie davon, Gaza den Rücken zu kehren. Aber jeder Gedanke an Flucht zerschellte an der Abriegelung. Sie konnte Gaza nicht entkommen.

Nicht mehr so oft wie früher, aber immer noch alle paar Tage schrieb er an Layla. Mit Hilfe des Arabers war sie unkompliziert nach Italien gelangt. Dort lebte sie bei ihrer Familie.
Ist Foggia schöner als Prag?, fragte Yakoub.
Kannst du nicht vergleichen, antwortete sie. Was hat Budapest, das Prag nicht hat? (Überleg dir, was du schreibst.)
Nichts, gab er zu. Aber mir geht es nicht schlecht.
Bleibst du in Ungarn?
Ungarn war nie mein Ziel.
Hast du Husten?, fragte der ungarische Arzt.
Nein, sagte Yakoub.
Seltsam. Irgendetwas stimmt nicht mit dir. Du musst ins Krankenhaus.
Obwohl er keine Versicherung hatte, folgte er dem Hinweis und ließ sich lange untersuchen. Ihm wurde gesagt, er trage eine Krankheit in sich, die über kurz oder lang ausbrechen werde. Der Befund blieb unklar.

Bereits die Untersuchung kostete mehr Geld, als er erwartet hatte. Die dann einsetzende Behandlung mit Medikamenten verschlang seine letzten Ersparnisse. In der Not verkaufte er seinen Computer, dann sein Smartphone. Doch mit jedem Tag fühlte er sich schwächer. Er ging nicht mehr zur Arbeit. Niemand hatte ihn über Nebenwirkungen aufgeklärt. Er litt unter schwer erträglichen Schmerzen. Ein Auge schielte nach unten. Ich krepiere, rief er in die große Wohnung. Was soll ich tun? Verzweifelt beschloss er, die Medikamente abzusetzen.

Fern am Horizont schimmerte das Wort Island auf. Es hieß, dort würden sie Flüchtlinge nicht abweisen. Zwar fürchtete er die Kälte, aber in Ungarn wollte er nicht hängenbleiben. Auch das Wort Deutschland zeigte sich. Mal würden sie Flüchtlinge abweisen, mal nicht. Der eine oder andere ermunterte ihn: Geh nach Deutschland, aber nicht nach Berlin.

Als er mit der Straßenbahn durch die Stadt fuhr, hörte er eine Stimme, die ihm bekannt vorkam, eine arabische Stimme, palästinensisch schattiert. Er drehte sich um. Tatsächlich erblickte er Mohammed, der aus Gaza stammte. Ihn hatte er in Athen getroffen. Den ganzen Tag verbrachten sie in Budapest miteinander. Auch Mohammed hatte vor, Ungarn zu verlassen. Er erwähnte einen Bekannten, der kürzlich mit dem Auto aus Schweden gekommen sei. Sobald wie möglich wolle er nach Schweden zurück.

Am letzten Tag schloss Yakoub die Wohnung ab und warf den Schlüssel in den Briefkasten. Im Supermarkt kaufte er mit den übrigen Forint Zigaretten und Proviant. Ohne Medikamente hatte er sich zusehends erholt. Doch er achtete darauf, dass er sich nicht überanstrengte.

Zu dritt fuhren sie los. Und es hatte den Anschein, als würden sie die Grenzen im Schlaf überqueren. Nirgendwo wurden sie kontrolliert. Yakoub summte eine Melodie.

In Prag kreisten sie eine Weile herum wie Touristen. Als sie zufällig das Jugendheim entdeckten, stieg Jubel auf in Yakoubs Brust. Er wollte den Jubel nicht hinterfragen. Er wusste, dass Layla längst in Italien war. Ich werde gesund, sagte er sich.
Wo soll ich euch absetzen?, fragte der Fahrer, nachdem sie Dresden hinter sich gelassen hatten. Berlin?

Yakoub und Mohammed sahen einander an. Auf diese Frage wussten sie keine Antwort. Sie hatten nur einen Weg-aus-Ungarn-Plan, aber keinen Plan, wohin es gehen sollte. Immer noch spukte Island in Yakoubs Kopf. Aber auch Deutschland. Nicht nach Berlin. Von Mohammed war nichts zu erwarten, er wirkte schläfrig und wie allem ergeben. Wenn Yakoub den Mund aufmachte, stimmte er zu.

Allmählich verlor der Fahrer seine Geduld. Jetzt sagt schon. Für Yakoub stand außer Zweifel, dass der Fahrer sie loswerden wollte. Sein Ziel hieß Schweden, und ihm war nicht danach, es durch zwei unentschlossene Palästinenser hinauszuzögern.
Berlin, Alexanderplatz, stieß Yakoub hervor. Ins nächstbeste Hostel.
Erleichtert nickte Mohammed.
Jetzt lerne ich Deutsch, schrieb Yakoub an Layla. Ich will Informatik studieren.
Und wenn sie dich nach Ungarn zurückschicken?
Sieht nicht so aus. Sie machen mir Hoffnung. Und drohen erst gar nicht mit dem Dublin-Verfahren.
Und wenn doch?
Dann bin ich im Nu wieder hier.
Haben wir alles richtig gemacht?, fragte sie.
Was meinst du damit?
Du in Deutschland, ich in Italien.
Klar, behauptete Yakoub und zögerte eine Sekunde, ehe er fortfuhr: Alles ist gut.
Bist du sicher?