Die mittlere Schwester

Ralph Hammerthaler

 

Am Abend ging sie in die Küche, um ein Glas Wasser zu holen. Nesrin trug Jeans und ein Top mit Spagettiträgern. Wie ruhig es hier sein kann, dachte sie, ganz so, als würden alle schon schlafen. Sie stellte sich vierhundert Menschen vor, die in ihren Betten liegen, Männer, Männer, größtenteils Männer, aber auch Frauen, ungefähr fünfzig, heißt es, sind in dem Block untergebracht. Sie nahm ein Glas und drehte den Hahn auf, das Wasser ließ sie laufen, bis es kühler wurde, dann erst hielt sie das Glas unter den Strahl. In diesem Moment spürte sie den Druck von Händen auf ihren Hüften, sie dachte sich nichts dabei, weil sie Freunde hatte, denen sie eine leichte Berührung nachsah, aber als eine Hand an ihre Brust griff, fuhr sie herum: ein Security-Mann. Sie schrie auf. Er drückte ihr seine Hand auf den Mund, doch sobald sie sich befreit hatte, schrie sie erneut auf, lauter als vorhin, und schüttete ihm das Wasser ins Gesicht. Darauf zog er sich eilig zurück.

Am Morgen meldete sie den Vorfall der Heimleitung. Aber nichts passierte. Und wieder befiel sie diese Müdigkeit, von der sie geglaubt hatte, sie wäre verflogen. Wieder sah sie sich als müdes Mädchen, dazu bestimmt, die Dinge geschehen zu lassen. Sie konnte sie nicht beeinflussen. Kurz darauf rief sie sich ihre Kraft ins Gedächtnis, die sie aufbrachte, wann immer die Schwestern ihr beistanden. Die ältere, Roj, lebte seit Jahren in Schweden, die jüngere, Xezal, nach wie vor in Iran. Vor nicht langer Zeit war das müde Mädchen ausgerissen, sie war in die Türkei geflohen und dann in einem Kahn ans Ufer einer griechischen Insel. Den Namen der Insel hatte sie vergessen.

In Motala, oben in Schweden, lagen Roj und Nesrin einander lange in den Armen und weinten.
Wo, wenn nicht auf dem Bahnhof, sagte Roj, darfst du weinen, solange du willst.
Ich stinke, antwortete Nesrin und löste sich aus der Umarmung. Ich bin müde, ich bin dreckig, und ich hab Durst.
Gut, gehen wir.

Aufgewachsen in Iran, lebte Nesrin in einer kurdisch geprägten Stadt. Auch sie war Kurdin. Noch keine zwanzig, hörte sie ihren Vater sagen, dass sie heiraten werde, einen älteren, wohlhabenden Mann, für alle das Beste. An diesen Worten wäre sie fast zerbrochen. Und hätte ihr Xezal nicht aus der Not geholfen, sie wäre, dessen war sie sich sicher, nicht mehr am Leben.

Persisch sprach sie so gut wie Kurdisch, aber kein Englisch, Schwedisch mit jedem Tag schlechter, Deutsch mit jedem Tag besser. Sie liebte die deutsche Sprache, und gern würde sie sich schon verständigen können, sei es auch nur, um eine Beleidigung abzuwehren wie neulich auf dem Alexanderplatz, als eine wütende Frau auf sie zutrat und sie beschimpfte: Ihr, ja du, dich meine ich, ihr habt unser Land vermüllt.
Nesrin sah zu, dass sie wegkam.
Nach Monaten in Schweden war sie aufgefordert worden, das Land zu verlassen. In Deutschland nämlich seien ihre Fingerabdrücke hinterlegt. Also müsse sie dorthin zurück. Mit den Regeln war sie nicht vertraut, aber sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass sie willkürlich und je nach Laune ausgelegt wurden. Denn Fingerabdrücke hatte sie nicht nur in Deutschland hinterlassen. Ihr kam es so vor, als wären sie ihr in jedem Land, das sie durchquerte, abgenommen worden. Ganz so war es nicht, aber in Griechenland bestimmt, in Serbien, vielleicht auch in Kroatien.
Warum schon wieder?, fragte sie den serbischen Polizisten. Vor zwei Tagen haben sie mich in Athen registriert.
Tut nicht weh, besänftigte er sie. Willst du wissen, warum?
Mir egal.
Weil ich dich heiraten will.
Nesrin sagte: Ich bin schon versprochen.
Nach der Ausweisung durch die schwedischen Behörden fuhr sie mit dem Zug nach Hamburg, dann weiter nach Berlin. Beim Abschied hatte sie keine Tränen vergossen, während Roj ohne Unterlass weinte.
Tut mir leid, sagte sie, dass ich so heule.
Macht nichts, gab Nesrin zur Antwort. Auf dem Bahnhof ist Weinen okay.
Warum weinst du nicht mit mir?
Weil ich selbst dafür zu müde bin.

Als sie am Berliner Hauptbahnhof ausstieg, wusste sie nicht, wie weiter. Zwar war ihr eine Adresse gegeben worden, von einer Unterkunft irgendwo in der Stadt, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie dorthin gelangen sollte. Auf Deutsch konnte sie keine Frage stellen, nicht mal Hallo sagen, auf Englisch genauso wenig, und da sie nirgendwo ein Wort Kurdisch oder Persisch hörte, fing sie an zu verzweifeln. Vor lauter Kommen und Gehen, vor lauter Gesichtern, die aufblitzten und verglühten, wurde ihr schwindlig. Sie lehnte an einem Fahrkartenautomaten und rutschte langsam zu Boden. Jetzt weinte auch sie. Sie schluchzte auf Schwedisch: Ich will zurück zu meiner Schwester.

Als sie ein Gesicht erblickte, kniff sie die Augen zusammen, als würde es dadurch verschwinden. Aber als sie die Augen wieder öffnete, war es immer noch da. Eine junge Frau beugte sich zu ihr herab und redete sanft auf sie ein. Warum bist du so traurig? Etwas in der Art. Nesrin gab ihr den Zettel mit der Adresse, und die junge Frau half ihr auf. Sie nahm sie mit in die S-Bahn, dann in die U-Bahn. Etliche Stationen fuhren sie und fuhren. Noch eine Station, gab ihr die junge Frau zu verstehen, und du bist am Ziel. Leider muss ich hier aussteigen.

Nesrin stand an der Tür, aber als der Zug an der nächsten Station anhielt, wusste sie nicht, wie sie die Tür öffnen sollte. Schon setzte der Zug seine Fahrt fort. Erst beim nächsten Halt schaffte sie es, den Waggon zu verlassen. Wieder brach sie in Tränen aus. Wo bin ich? Wohin soll ich gehen? Weil sie Durst hatte, kaufte sie am Kiosk Mineralwasser. Als sie die Flasche öffnete und einen Schluck daraus trank, hörte sie ein Kind nach seinem Papa rufen, auf Persisch. Sogleich stürzte sie auf den Vater zu und bat um Hilfe. Er brachte sie bis vor die Tür ihrer Unterkunft.
Zuerst ging Nesrin unter die Dusche. Danach rief sie ihre Schwestern an, die ältere in Schweden, die jüngere in Iran. Ich bin gut angekommen.
Bist du Kurdin?, fragte sie ein junger Mann auf dem Korridor.
Und du?, fragte sie zurück. Kurde oder was?
Ja, ich bin Kurde. Wenn du möchtest, kann ich dir wie ein Bruder behilflich sein.
Diese Masche kannte sie. Alle Männer, ob kurdisch, persisch, türkisch oder arabisch, empfahlen sich einer Frau, die ihnen gefiel, als Bruder. Ginge sie jedes Mal darauf ein, sie könnte sich vor Brüdern nicht retten.

Die Stadt, aus der sie stammte, hieß Sarpole Zahab. Als ihre Eltern sich scheiden ließen, wollte sie, genauso wie ihre Schwestern, zu ihrer Mutter, aber das ließ der Vater nicht zu. Später zog sie zu ihrem Bruder, der auf sie acht gab wie ein Wächter. Er kontrollierte alles, was sie tat. Auch der Vater sah immer wieder nach dem Rechten. Sie durfte nicht anziehen, was sie wollte, sie durfte kein Handy benutzen, und sie durfte das Haus nicht verlassen, ohne dass der Bruder zugestimmt hatte.
Ein Scheißleben, sagte sie sich.
Ihr Vater ging eine neue Ehe ein. In der Verwandtschaft der Stiefmutter gab es einen älteren Mann, der ein Auge auf Nesrin geworfen hatte. Ihm stellten sie eine Hochzeit in Aussicht. Dabei war beiden klar, dem Vater ebenso wie der Stiefmutter, dass Nesrin in einen Jungen verliebt war, den sie um nichts auf der Welt aufgeben wollte. Wenn du dich der Hochzeit verweigerst, drohte die Stiefmutter, dann erzähle ich allen, dass du eine Nacht mit dem Jungen verbracht hast. Dann bist du für alle Zeit erledigt.

Davon eingeschüchtert, ließ sich Nesrin auf eine Begegnung mit dem künftigen Bräutigam ein. Sie fand im Haus ihres Vaters statt. Feierlich wurde aufgetischt. Nie hatte sie solche Köstlichkeiten gesehen. Dieser Mann aber kam ihr nicht älter und auch nicht alt, sondern uralt vor. Er hatte kaum Haare auf dem Kopf. Und er stank aus dem Mund. Im hinteren Zimmer waren sie plötzlich allein, der Alte drückte die Tür hinter sich zu.
Er sagte: Ich will dich zur Frau nehmen. Und dann versprach er ihr, was ein Mann einer Frau nur versprechen konnte, er werde alles Erdenkliche für sie tun.
Nesrin nahm allen Mut zusammen und murmelte: Nein. Sie blickte auf seine Schuhe. Ich will Sie nicht, nein, nicht heute und auch nicht morgen. Ich könnte Sie nicht ertragen, niemals.
Darauf schlug er ihr mit der Hand ins Gesicht. Er packte sie an den Schultern und rüttelte sie, damit sie zur Besinnung komme.
Mit beiden Händen drängte sie ihn aus dem Zimmer. Gehen Sie, bitte, gehen Sie. Bevor ein Unglück geschieht.
Wenig später kam die Stiefmutter herein und wiederholte ihre Drohung. Wenn du nicht einwilligst in die Verlobung, dann mach ich dich fertig.
Nesrin klappte zusammen und gab wimmernd ein Ja von sich, ja, dann soll es so sein.
Ihr Freund, mit dem sie damals ging, verstand die Welt nicht mehr. Warum, Nesrin, warum? Sind wir nicht glücklich gewesen? Was hab ich verbrochen, dass du mich so brutal von dir stößt? Nichts hat er verbrochen, dachte sie, gar nichts, ich liebe ihn so, wie ich ihn immer geliebt habe. Oh Gott, ich kann nicht mehr, ich hab ihn verraten, aus Feigheit, ich bin eine verdammte Verräterin.
Er schlug ein Treffen vor, in einem Haus nicht weit von dem ihres Bruders. Ein befreundetes Paar würde dazukommen.
Sie wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Also rief sie Xezal an, die mit ihrem Mann in einer Großstadt lebte.
Xezal sagte: Das ist zu gefährlich.

Trotzdem ließ sie sich auf das Treffen ein. Sie war glücklich, als ihr Freund sie in seine Arme nahm. Er wollte sie nicht mehr loslassen. Er küsste sie einmal, zweimal, dann so lange und innig, dass das befreundete Paar aus dem Fenster blickte.
Keine zehn Minuten waren vergangen, als es an der Tür schellte. Die vier erstarrten wie ertappt. Nesrin sprach aus, was alle dachten: Revolutionsgarden.
Es schellte erneut, mehrmals, als drücke jemand ein ums andere Mal auf die Klingel.
Niemand ging aufmachen.
Durchs Fenster beobachteten sie, dass schwarz gekleidete Gardisten über die Mauer kletterten. Nesrin und die zweite Frau liefen im Treppenhaus nach oben und sprangen aus dem ersten Stock in eine Gasse. Aber dort wurden sie schon erwartet und unverzüglich festgenommen.

Auf der Wache wurden Fotos gemacht und Akten angelegt. Nesrin flehte die Gardisten an, nichts von ihrer Verfehlung an den Vater oder den Bruder zu verraten. Aber die Männer lachten nur und führten sie in eine Zelle. Tags darauf eilte die Mutter herbei, dermaßen beschämt, dass sie sich die Wangen aufgekratzt hatte. Von einem Gardisten erfuhr Nesrin, dass Nachbarn angerufen hätten, und zwar etliche, die zwei junge Frauen mit zwei jungen Männern in dieses Haus hatten gehen sehen.
Sie wurde müde.
Dem Untersuchungsrichter sah sie seine Bösartigkeit an. Gut gelaunt, forderte er die Gardisten auf, Nesrin auszuziehen und zu fesseln, um sie nackt durch die Stadt zu treiben. Niemandem solle ihre Schande verborgen bleiben. Außerdem regte er hämisch an, die Unschuld der verdorbenen Person festzustellen. Nesrin beteuerte, dass sie noch Jungfrau sei. Aber die Männer lachten. Aus heiterem Himmel schlug der Untersuchungsrichter einen Handel vor. Gebt uns ein Haus, und ihr seid frei. Sein Begehren richtete sich auf die Erbschaft der zweiten jungen Frau, die mit Nesrin aufgegriffen worden war. Diese Frau stimmte dem Handel zu.

Das war es, sagte sich Nesrin. Ich will nicht mehr. Und dann fasste sie den dunklen Entschluss, ihrem Los zu folgen. Der alte, aus dem Mund riechende Mann sollte sie zur Frau bekommen, aber nur für einen Tag. Denn noch am Tag der Hochzeit würde sie sich das Leben nehmen, um allen zu zeigen, was sie ihr angetan hatten.

Wieder und wieder erinnerte sie sich an ein Bild, das sie als Siebenjährige gesehen hatte. Ein grausiges Bild. Es war das Bild ihrer am Baum erhängten Cousine, der Fliegen, die den Leichnam umschwirrten, der Schlangen, die an den Füßen züngelten. Ihre Cousine war einer Liebschaft überführt worden.

In einem Kahn sollten sie auf eine griechische Insel gebracht werden. Dieser Kahn hatte ein Leck, und so fuhren sie mit Schälchen oder bloßen Händen über die Planken, sammelten Wasser und schütteten es ins Meer. Nesrin hockte auf Rucksäcken, genauso wie eine schwangere Frau neben ihr. Sie achtete darauf, sie nicht zu stoßen. Das Handy trug sie, eingewickelt in Plastik, zwischen ihren Brüsten.

Die Schleuser waren in der Türkei geblieben. Darum bediente ein junger Perser den Motor, so gut er konnte. Er wirkte stark und zuversichtlich, selbst dann noch, als der Motor erstarb und sie richtungslos dahintrieben. Bleibt ruhig, Leute, bleibt ruhig. Es war sieben Uhr früh. In der Ferne erahnten sie den Umriss der Insel. Einige fürchteten, niemals dorthin zu gelangen. Ununterbrochen greinten Kinder, Frauen jammerten und schluchzten. Als selbst Männer zu weinen anfingen, schwante Nesrin, dass sie so gut wie verloren waren. Nur der Perser versuchte unermüdlich, den Motor wieder zum Laufen zu bringen, und ermahnte alle zur Ruhe. Haltet durch, Leute, haltet durch. Als ein türkisches Patrouillenschiff ihren Kahn anpeilte, winkten sie wie verrückt, damit sie nicht gerammt würden. Das Schiff fuhr scharf an ihnen vorbei, ohne ihre Not erkennen zu wollen. Von Deck aus machte die Patrouille Fotos, ehe das Schiff Richtung Küste verschwand.

Irgendwann stotterte der Motor und sprang wieder an. Was hab ich gesagt?, triumphierte der Perser, und alle schöpften Hoffnung. Aber sie kamen nicht weit, denn nach wenigen Minuten versagte der Antrieb erneut. Der Perser jedoch gab nicht auf. Als das herrliche Knattern ertönte, klatschten zwei, drei Kinder in die Hände, und ein kraushaariger Afghane reckte die Arme zum Himmel.

Auf der Insel angelangt, umarmten sie einander, Helfer versorgten sie mit Wasser. Aber später, auf dem Weg zum Camp den Hügel hinauf, wurden sie von Einheimischen missachtet oder mit einem Lächeln in die falsche Richtung gelotst. Von einem Moment auf den anderen versiegten ihre Kräfte, Nesrin ging in die Knie und legte sich hin. Schlafen, lasst mich einfach nur schlafen. Ein Araber half ihr wieder auf die Beine, er sagte etwas, das sie nicht verstand, aber der Klang seiner Stimme tat ihr gut.

In dem umzäunten Camp waren so viele Menschen zusammengepfercht, dass Nesrin der Atem stockte. Angewidert bemerkte sie den Dreck überall, achtlos weggeworfenen Müll, es stank nach Pisse und Scheiße. Sie schloss sich einer persischen Familie an, Vater, Mutter, Kind. Fortan gab sie an, dazuzugehören. Sie sei die große Tochter. Trotzdem hörten die Sprüche nicht auf, die junge Männer an sie richteten. Diese Sprüche umgaben sie wie lästige Fliegen. Hey, pass auf dich auf. Hey Süße, komm lieber zu uns, da bist du sicher. Wohin so allein? Lass dir helfen, Kleine. Nie machte sie sich zurecht in diesen Wochen, nie schminkte sie ihr Gesicht, sie wollte nicht schön und begehrenswert aussehen. Aber Blicke zog sie auch so auf sich. Ein Security-Mann ließ sie nicht aus den Augen. Jedes Mal, wenn sie hinsah, zwinkerte er ihr zu. Er zwinkerte und zwinkerte, sodass sie das Zwinkern schon für einen Tick hielt. Wenigstens ließ er sie in Ruhe.

Der persischen Familie wich sie nicht mehr von der Seite. Sie hatte Glück, denn auch die Familie wollte nach Schweden. In der Nacht brachen sie zum Hafen auf, um auf das Schiff nach Athen zu warten. Am Strand ließen sie sich nieder und versuchten zu schlafen. Aber die Nacht war so kalt, dass niemand ein Auge zumachte. Noch dazu hatte Nesrin ihre Decke dem Kind gegeben. Das glaubte sie ihm schuldig zu sein.

Als am Morgen die Sonne aufging und die Straße beschien, rappelte sie sich hoch und stakste mit steifen Gliedern hinauf. Sie setzte sich mitten auf die Straße, um den warmen Teer zu spüren, die Hände drückte sie flach auf den Boden. Kurzzeitig schmiegte sie ihre Wangen an die Straße. Danach wischte sie das Gesicht mit dem T-Shirt ab. Um diese frühe Stunde gab es nur wenig Verkehr. Kam ein Auto, fuhr es vorsichtig an ihr vorbei, mal auf der linken, mal auf der rechten Seite. Nesrin wandte ihr Gesicht der Sonne zu und schloss die Augen.

Als sie die Augen wieder öffnete, saß ihr in derselben Haltung ein junger Mann gegenüber, beide jetzt mit angezogenen Knien auf dem Mittelstreifen. Er sah gut aus und lächelte nicht.
Ich weiß, was du mir sagen willst, sprach sie ihn auf Persisch an.
Nein, unmöglich, behauptete er. Oder kannst du Gedanken lesen?
Deine Gedanken sind nicht schwer zu erraten. Bestimmt willst du mir helfen.
Wo immer ich kann.
Siehst du.
Der junge Mann sagte: Ich werde dir wie ein Bruder helfen.
Ja, das habe ich mir gedacht.

Als die Schwestern erfuhren, dass Nesrin der Hochzeit zugestimmt hatte, konnten sie es nicht fassen. Erst waren sie schockiert, dann empört, dann wütend, dann traurig, und in manchen Augenblicken kreuzten sich die Gemütsregungen, sodass die Schwestern alles auf einmal empfanden. Roj rief aus Schweden an und schlug Nesrin vor, dass sie ihren, also Rojs Mann heiraten solle. Sie würde sich von ihrem Gatten scheiden lassen, damit er Nesrin aus der Bedrängnis befreie. Warum sagst du nichts? Das ist ein toller Plan.
Tut mir leid, Roj, antwortete Nesrin. Ich bin so müde, dass ich gar nicht mehr richtig wach werde.

Xezal kannte Nesrin in- und auswendig. Sie waren gemeinsam aufgewachsen. Ihr konnte sie nichts vormachen. Darum spürte sie früher als Roj, dass die Schwester ihr Schicksal nicht ertragen würde. Und dass sie das Hochzeitsversprechen mit einer Absicht verknüpfte, die alle vor den Kopf stoßen sollte. Mehrere Frauen in der Stadt hatten sich umgebracht, weil sie die Schmähungen nicht aushielten, all den Hohn und die moralische Heuchelei. Oder weil sie sich nicht in eine aufgezwungene Ehe fügen wollten. Xezal wusste, dass Nesrin die tote Cousine am Strick hängen gesehen hatte. Und sie ahnte, dass ihrer Schwester dieser letzte Ausweg vor Augen stand. Sie hörte es in der Stimme, in den immer wieder stockenden Worten.
Komm zu mir, sagte sie. Komm nach Karadsch.
Unter dem Vorwand, Einkäufe für die Hochzeitsfeier zu besorgen, gelang es Xezal, die Zustimmung des Vaters zu erwirken. So durfte Nesrin zu ihrer Schwester fahren. Fieberhaft überlegten sie, wie Nesrin am schnellsten außer Landes käme. Da traf eine SMS des Onkels ein. Er lebte in der Türkei. Die Grenzen seien geöffnet worden, also, worauf wartet ihr noch?

Roj und Xezal beschafften Geld, um Schleuser zu bezahlen. Als Nesrin in Karadsch einen Bus bestieg, sah sie sich bereits in Obhut genommen. Der Schleuser setzte sich neben sie. Von Anfang an hatte sie Angst, angefasst oder gar vergewaltigt zu werden. Fremden Atem ertrug sie nicht. Aber nichts davon sollte ihr widerfahren. Im Bus saßen ruhige Menschen, ein paar Familien. Einmal wurden sie von der Polizei gestoppt und einer nach dem anderen kontrolliert.
Sag einfach, wir seien Bruder und Schwester, sagte der Schleuser. So erregen wir keinen Verdacht.
Ohne Probleme gelangten sie in die Türkei.
Was antwortest du unserem Vater?, fragte Nesrin. Er wird wissen wollen, wo ich bin.
Ach, mach dir darüber keine Sorgen, entgegnete Xezal. Ich sag, dass ich eingeschlafen bin, und als ich am Morgen wieder aufwachte, warst du nicht mehr da.
Stimmt ja fast.
Ja, sagte Xezal, die Wahrheit unter Schwestern.