Der persische Cocktail. Oder: Zu Gast im Golestan

Kerstin Hensel

Rot und weiß, gemischt, gesprenkelt
Wüsst ich Schönres nicht zu schauen;
Doch wie, Hafis, kommt dein Schiras
Auf des Nordens trübe Gauen?
(Goethe, Westöstlicher Divan)

 

Auf zum Ort des Vergnügens: einer der berühmten Blumengärten (Golestan), die sich zwischen den Städten Teheran und Shiras befinden. Der Garten ist friedlich, bewacht vor Einbrechern, Mördern, Kriegern und gedankenlosem Getier. Offen steht er für alle Wohlwollenden, Neugierigen; bunt ist er, bestückt mit Zypressen, Platanen, Maulbeeren, Granatäpfeln, Weinstöcken, Gewürzen, Datteln und Feigen. Rosen natürlich. Rosen über Rosen. Duft herrscht und erfreuliche Einsicht ins Leben. Nichts sonst. Die Sonne: hell, mild, das Große & Ganze: ein Labsal für Leib und Sinne.

Der Golestan = unwirklich wahr.

!AHLAN WA SAHLAN HERZLICH WILLKOMMEN!

Zum Verweilen eingeladen haben: die unsterblichen Perserpoeten Muscharraf ad-Din Abdullah, genannt: Saadi, sowie Hage Sams ad-Din Mohammed Hafez-e Sirazi, genannt: Hafis. Auf deren Gästeliste: Jasper und Jasmin, ein aus dem Iran stammendes kurdisches Paar, vor 15 Jahren geflüchtet, über tausendundeinen Irr- und Umweg nach Deutschland; sowie ich, (sterbliche, „westländische“, würde Goethe sagen) Dichterkollegin, die das Schicksal der beiden jungen Liebenden als musischen Anreiz für einen literarischen Text nehmen soll. Ich weiß nicht: träumte oder wachte ich, als ich, auf der Suche nach passender Gelegenheit zu solchem Abenteuer, von unbekannter Kraft auf eine Fahrt ins Blaue (besser: Bunte) geschickt wurde? Ohne Reiseleiter und Pauschalbuchung? Wie immer es gewesen war, man hat mir einen Ausflug spendiert an einen Ort, der höchste Ungezwungenheit für Gespräche ermöglicht.

Alle sind sie entwichen des Lebens Schatten, verschwunden
Sind mir die Menschen, und klar stehet der Mensch nur vor mir.
(Schiller, Die Idealwelt)

Wir schreiben das Jahr 2017. Die Welt dreht am Rad → # Welt. Wir, die wir den Durchblick anstreben, versuchen zu bremsen. Können nicht mehr tun, als uns miteinander zu verständigen, was wie zu machen sei. Über Zeiten, Grenzen, Sprachen hinweg, changierend zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem, Wissen und Vermutung, Macht und Ohnmacht. Doch dazu müssen wir uns kennenlernen. Dazu sind wir im Golestan. Aber wie ohne Dolmetscher? In babelndem Radebrech? Mit Händen und Füßen? Na! Nein! Die Unsterblichen wiegen ihre weisen Köpfe, muslimisch gelassen. Das orientalische Leben, erfahre ich bei Goethe, ist „an sich selbst nicht gesprächig; der Despotismus befördert keine Wechselreden, und wir finden, dass eine jede Einwendung gegen Willen und Befehl des Herrschers allenfalls nur in Zitaten des Korans und bekannter Dichterstellen hervortritt“. Bevor ich des Geheimrates Behauptung prüfen kann, kommt mir Saadi zuvor. Er schnipst mit den Fingern, und herbei eilt ein schöner Mann unbestimmten Alters. Dieser verneigt sich vor uns Gästen und spricht: „Mein Name ist Nehemia. Man kennt mich aus dem Tanach und der Bibel. Ich habe die Stadtmauer von Jerusalem wieder aufgebaut und lange als Mundschenk im Amte meines Königs gearbeitet. Das ist vorbei. Heute stehe ich euch zu Diensten; und indem ich euch diene, bewirte ich mich selbst. Ich bin so frei. Was darf ich anbieten?“

Ich, keiner Fremdsprache mächtig, habe jedes Wort verstanden. Aber: War das Hebräisch? Persisch? Arabisch? Ein Beduinendialekt? Oder beherrscht der Mann eine Allerweltssprache, die auf transzendentaler Lautgebung gründet? Wie auch immer – wir nehmen seine Dienste an.

„Wir hätten gern eine Erfrischung“, bitten Jasper, Jasmin und ich im Chor.

Unsere Zungen sind trocken. Obwohl wir offenbar von einer höheren Macht ins Morgenland gebeamt wurden, befinden wir uns etwas kopfmüde, wie nach einer langen Autofahrt.

„Mixe uns deinen coolsten Drink“, sagt Hafis, dem Mundschenk über die schwarzmelierten Locken streichend.

Nehemia lächelt, zieht ein Öllämpchen aus seinem Gewand hervor, reibt daran, und in einer riesigen, nach Anis duftenden Wolke schweben fünf mit milchtrüber Flüssigkeit gefüllte Gläser auf die Erde. In jedem Glas steckt ein kleiner seidener Sonnenschirm.

Der Persische Cocktail: 60 ml Arak 58 Vol.-%, 45 ml Grapefruitsaft, 5 Grapefruitsegmente, 30 ml Zitronensaft, 60 ml Wasser, 1 TL Zucker, 2 Salbeiblätter, gestoßenes Eis.

Verheiße denen, die glauben und das Rechte tun, dass Gärten (Paradaidha/Paradies) für sie bestimmt sind, durcheilt von Bächen […] von Wasser, das nicht verdirbt, und Bäche von Milch […] und Wein, köstlich dem Trinkenden. (2. Sure/25, 47. Sure/15)

Zwar glaube ich nicht an Gott, aber ich habe – Gott ist mein Zeuge – stets das Rechte getan. Also trinke ich ungeniert. Nehemias Cocktail schmeckt besser als jedes Spitzengewächs. Selbst Korankenner wie Saadi und Hafis, die sowohl im Golestan als auch im Diwan dem gegorenen Traubensaft in zahlreichen Qasiden und Ghaselen gehuldigt haben, müssen es zugeben.

! Hoch die Tassen ! ! Lehaim ! ¡ be-salāmati ¡

Arak → arabisch: „Schweiß“, vulgärmuslimisch: „Kamelmilch“ → klarer, ungesüßter Anisschnaps, der bei Berührung mit Wasser trübe wird. → Nicht zu verwechseln mit dem Palmschnaps Arrak!

Ein zweiter Cocktail rundet unser Wohlbefinden ab. Ergeben seufzend lehnt sich Jasmin an Jaspers Brust: „Nach der Hölle wird gelebt.“

Jasper küsst Jasmin und sagt: „Ich bin für alles bereit.“

Saadi streicht sich über den Bart. Hafis, der dem Kollegen seit mehr als achthundert Jahren Verehrung erweist und selbst den weißen Turban trägt, kopiert dessen Geste. Fehlt nur noch Goethe, denke ich, doch von dem ist kein Bild mit Bart überliefert. Geschweige mit Turban. Man liest, trinkt, spricht – nach orientalischer Sitte – wunderbar durch die Blume.

Nach einer Weile schwächelt meine Zunge. Ich will mir die Füße vertreten, fühle den Boden unter mir schwanken. Nicht übelkeiterregend wie nach einer Zechtour durch Berlin-Mitte, sondern wattewelligweich, ins Unbekannte treibend. Ich gelange zum baldachinüberdachten Pavillon. Amber, Moschus, Zimt und Zibet durchduften die Luft. Ich bin gleichzeitig wach und müde. In zartem Singsang locken Teppiche, Kissen, Matratzen: „Komm her zu uns, Prinzessin, hier findst du deine Ruh!“ – Prinzessin nennt man mich! Wenn das meine Enkelin wüsste. Jetzt zieht’s mir die Beine weg. Ich finde mich auf einem (wen wundert’s) Perserteppich und räkle meinen Leib auf Wolkenbändern, Ranken, Pflanzen, Arabesken. Gleich hebt der Teppich ab, schwebt durch den Baldachin, ach, und eine unbestimmte Furcht vor Falschmeldung schießt mir in die Sinne: Das kann alles nicht wahr sein. Das ist doch ein Fake!

Plötzlich tauchen Fragen auf nach deutscher Art: Wer bin ich? Und wo? Und wohin geht mein Weg? Zweifelnden will eine natürliche Weltordnung sinnvoll erscheinen, doch sie finden keine Ordnung. In Träumen vielleicht, in Gottesbegriffen, Räuschen, hochgezüchteten Utopien. In der Liebe, womöglich. In der Poesie, gewiss. Wer also bin ich, die da im Haltlosen schwebt? Naheliegend: die, die meinen Namen trägt?

Namô, nomen, Name = dienlich der Unterscheidung von anderen. Wer allein ist, hat keinen Namen nötig, denn es ist keiner da, mit dem er verwechselt werden könnte. JasperJasminHafisSaadiNehemia, jeder der Seine.

Gott schuff sie ein menlin und frewlin […] und hies iren namen Mensch. (1 Mos. 5,2)

NUN HÖRT MEINEN NAMEN, WER ICH SEI. (Hans Sachs)

Und ich? Mein Nachname bedeutet: „kleiner Hans“. In Kinderliedern und Märchen taucht er als armer Bursche auf, der von Zuhause weggeht und nach langer Zeit zurückkehrt: Hänsel saß im Schornstein und flickte seine Schuh … // Hänschenklein ging allein / in die weite Welt hinein … // Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald …) → Hans, Johannes, Yochanan = „Der HERR hat Gnade erwiesen“. So weit, so ungut. Meine Fluchten, die ich bislang unternommen habe, geschahen weniger vor finanzieller als vor geistiger Armut. Jetzt sitze ich anisgeistbenebelt, mit Wohlgefühl beschenkt auf’m fliegenden Teppich und drehe am onomastischen Zauberwürfel. Dient alles der Sinnfrage!, zwitschert ein vorbeiflatterndes Vögelein. Wie heißest du?

KERSTIN → skandinavische Form von Christiane → die Christin, die Gottestreue, die Gesalbte.

Einen Namen erhalten, erlangen, verdienen, erben, borgen, tragen, annehmen, bekommen. Meine Eltern hießen nach Sitte ihres kriegerischen Jahrgangs althochdeutsch: Werner („Heerschar“) & Gisela („Geisel“) – warum haben sie mich Kerstin genannt?
„Weil’s damals schick war“, höre ich Mutter antworten.
Kerstin war in Ost- und Westdeutschland der 1960er ein Must-have-Name. Eine schwedische Filmfigur (aus: Sie tanzte nur einen Sommer, 1951) trug diesen Namen, sieben andere Mädchen aus meiner Klasse ebenfalls. Keine einzige der „gottestreu“ genannten hatte irgendetwas mit dem christlichen Glauben zu tun. Die Gott-lose DDR. Ich trage also einen falschen Namen! Kerstin = Etikettenschwindel. Muttern: „Nu bleib mal off’m Deppich mit solch’n Behauptungen!“

Ich bleibe auf dem Teppich, schwebe sogar in höhere Sphären! Doch wohin des Weges? Tief unter mir sehe ich Jasper & Jasmin, von unseren Gastgebern auf Rosenblätter gebettet, trinkend und winkend: Hallo, Kerstin! Christin! – Meine zwei lieben, mir zugesellten Menschen. Kriegsflüchtlinge. Die die Gefahren, das Leiden, das Widerwärtige europäischer Bürokratie hinter sich haben. Hoffe ich. Und ich selbst?

Ich hatte niemals eine Flucht, sondern immer nur Reisen geplant. Auch für diesmal hatte ich ein Ziel, aber kenne es nicht mehr. Ich bin kein Weltenbummler, kein Jetsetter, kein Backpacker, kein Pauschaltourist, kein Sightseeing-Sammler. Wenn ich reise, lasse ich mich am liebsten einladen von Menschen, denen ich dienlich sein kann. Ich schaue fremde Länder, Landschaften und Gesellschaften in Begleitung von Guides, die keinen Profit aus meiner Neugier schlagen wollen; die mir, hinter perfekt geknüpften Oberflächen, die Knoten und Risse der Lebenswirklichkeit zeigen. Nun fläze ich mich beschwipst auf meinem magischen Flugtransporter, der zwischen Jahrhunderten und Kulturen kreuzt, der mich, hoffentlich, an ein Ziel teleportiert. Ein Risiko, dem ich mich hingebe, doch verzweifelnd über mein Ungenügen, die Anderwelt wirklich verstehen zu können.

Den Moschus erkennt man am eigenen Duft,
nicht durch des Händlers Suaden.*

Abendland, Morgenland → sagenhafte, schwärmerische Worte. Europäische Glaubensmuster, nach Sonnenauf- und -untergang geknüpft, von Luther umsäumt, von den Romantikern sehnsuchtsbefleckt. Die Suche nach Identität, das alles schwingt noch heute mit, doof- und dünngehechelt bei nationalistischen Knallköpfen, weltweit.

„Mir sinn geeschen die Islamisierung des Oobendlands, mir lassen uns das ni länger gefalln, die Neescher, Araber, Kanacken, die nehm uns alles weg, und die Oorschlöcher von Bollidickern gucken zu und macht nischt dageeschen, da müssmer ebdnd selber was machen, müssmer da!“ (PEGIDA, original Heimatidiom)

Okzident, Orient → jüdisch, christlich, muslimisch – der Kreuzzug der Worte. WAS WEISS ICH, abendländisch, vom Morgenland?

Da stehen vor meiner Vorstellungspforte: Derwische, Kalifen, Wesire, Mullahs, Sultane & Sultaninen, Scheichs, Dschinnen, Schahrasad, Ali Baba, Kalif Storch, Kleiner Muck, Sarotti-Mohr, die Weisen aus dem Morgenland, Laurenz von Arabien, Westöstlicher Divan, Aladins Wunderlampe, fliegender Teppich, Turban, Pluderhose, Kamele, Karawanen, Harem, Bauchtanz, Kümmel, Koran, Mokka, Moschee, Sesam öffne dich!: Allah ist groß, Allah ist mächtig / Allah hat Käsfüß von drei Meter sechzig (Kinderreim); Es war einmal ein Muselmann, / der trank sich einen Dusel an. / Er rief dann stets das Muselweib, / wo es denn mit dem Fusel bleib … (Heinz Erhardt), hahaha, Salemaleikum, Simsalabim …

Der bunte Cocktail aus Märchen, Kunst, orientalischem Budenzauber und alberner Reimspielerei! Apropos Cocktail. Die Wirkung vom Persischen Cocktail lässt langsam nach. Der Teppich senkt sich sanft aus den Lüften, setzt zur Landung im Hauptquartier an. Aniswolken, Beifall, Rosenblätter stieben. Die Welt des Blumengartens hat mich wieder. Nehemia, in arakischer Euphorie, reicht mir sogleich ein gefülltes Glas. Mein Durst ist ehrlich und stark, meine Freude über das Wiedersehen mit der Gesellschaft ebenfalls. Ich höre die Namen der Freunde. Klang = Wesen. Oder täuscht sich die, die behauptet, den falschen Namen zu tragen? Der onomastische Würfel zeigt an:

HAFIS → „der den Koran auswendig kann“.
SAADI → Pseudonym nach dem Shirazer Fürsten Sa’d ibn Zangi → eigentlich Muscharraf → „der Erwählte“.
JASMIN → Yasaman, die duftende Blume, Sinnbild der Liebe.
JASPER → altpersisch: ghaz = der Schatz + bar = verwalten, der Schatzmeister also.
NEHEMIA → hebräisch: „Jahwe tröstet!“

Alles gut, alles passend. Nomen est omen. Ich trinke, plaudere über Erlebnisse meiner Flugreise, zweifle nach deutscher Art und Sitte und würde gern wissen, was Jasper und Jasmin vom Land der untergehenden Sonne gewusst haben, bevor sie dortselbst vor Anker gegangen sind. Das Paar, gerade aus seligeren Sphären erwacht, lächelt und schweigt. Mit gekreuzten Beinen hocken Saadi und Hafis auf dem Boden, nippen vom Arak und zitieren wechselweise aus ihren Werken. Hafis, mit Fingerzeig auf das Pärchen: „Hast du, was du liebst, gefunden, lass die Welt, du hast genug!“

„Du sprichst uns aus dem Munde“, sagt Jasmin und wundert sich über ihren feinen Ausdruck.

Nehemia weiß es besser. Er schenkt den jungen Leuten reines Wasser ein und meint, von Hafis’scher Diktion inspiriert, dass der Mensch nur durch Wissen zur Menschlichkeit komme.

WAS WISSEN JASPER & JASMIN, morgenländisch, vom Abendland?

Da stehen vor ihrer Vorstellungspforte: Hitler, Krieg; der große, blonde blauäugige Germane; Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit, blitzgescheit, perfekte Organisation, das deutsche Wesen: unfreundlich, trocken, lacht nicht, arbeitet wie eine Maschine; Deutschland = Sauberland; Wohlstand, gutes Wetter …

Der übersäuerte Cocktail aus Feuilletonfetzen, Geschichtsschnipseln und teutonischer Geisterbahn. Wahrheitsfünkchen, die von der Realität gelöscht wurden.

„Um ehrlich zu sein“, gesteht Jasmin, „Deutschland war nicht mein Traumland. Ich wollte nach Schweden oder den Niederlanden, wo ein Teil meiner Familie lebt, aber nicht nach –.“

„Denn ich kam ins Spiel!“, wirft Jasper, der Schatzbewacher, ein.

Jasmin: „Ja, wir haben uns durch Freunde kennengelernt und ineinander verliebt. Seinetwegen bin ich in Deutschland.“

„Du befindest dich im heiligen Golestan, liebes Fräulein“, berichtigt Hafis.

Jasmin verdreht die Augen. Nenn mich nicht Fräulein!, denkt sie, und: Der Alte muss echt dazulernen.

Die Scheichs der persischen Weltliteratur erheben sich. Ihre Kaftane aus Sammet und Seide, safrangelb, chinablau, leuchten im ewigen Zeitenlicht.

„Wir wollen nun den Garten in seiner vielfältigen Schönheiten kennenlernen“, schlägt Hafis vor.

Saadi nickt. Auch Nehemia zeigt Bereitschaft zur Erkundung des Golestan per pedes. Er hüllt sich in einen Mantel aus türkischrotem Satin, vor dem jede Rose neidvoll verblüht. Auch trägt der Mundschenk ein Körbchen mit Datteln, Pistazien und kühlem Quellwasser bei sich, um die Gäste im Zweifelsfall zu erquicken. Saadi, der die Architektur des Gartens bis in den letzten Winkel kennt, sie in Vers & Prosa gebannt hat, verweist in seiner Routenplanung auf die acht Pforten zum Paradies: „Wenn’s Recht ist, lasst mich beim Eintritt in jede einige selbstverfasste Verse zitieren.“
Huldvoll hebt Hafis die Hand.
„Unbedingt!“, sage ich.
Jasper flüstert mir ins Ohr: „Saadi kenne ich aus der Schule. Seine Gedichte mussten wir auswendig lernen, aber ich habe sie nie richtig verstanden, vor allem nicht diesen ganzen Blumenkram.“
Jasmin zu den Dichtern: „Schön, aber dürfen wir auch mitreden?“
Unschlüssig wackeln die Weisen mit den Köpfen.
„Was habt ihr denn zu sagen, was nicht schon von uns gesagt ist?“
„Alles, was uns so durch den Kopf geht“, meint Jasmin.
Hafis denkt: Allah steh mir bei! Saadi grinst in seinen Bart. Nehemia wird röter als sein Mantel, als er bemerkt, dass ihn Jasmins Betragen in Erregung versetzt.
„Ich weiß nicht …“, sagt Hafis, sich unterm Turban kratzend.
„Ich weiß nicht …“ – Saadis Echo.
Ich nehme mein Gastrecht wahr und beschließe: „Wir sind keine Philosophen, aber wo wir können, reden wir mit. Das ist schließlich unser Reiseziel.“

Einverstanden! – !Twâfgh

҈ ҈ ҈

Acht Gartenabteilungen, die wir beschreiten, besichtigen, bewundern, befragen. Ich, die aus dem Abendausland Angereiste. Jasper & Jasmin, die auf utopischen Wegen zurückgekehrten Flüchtlinge. Der alttestamentarische Mundschenk. Unsere Guides, die die Ruhe weghaben. Doch nicht der Weisheit letzter Schluss wird bemüht, nicht die Pacht der jahrhundertschweren Gedanken verlängert, sondern neu nach-gedacht, oder voraus oder kreuz oder quer, simsalabim!

1 – Von Königen und dem Hofleben

Wenn’s dem Bedrängten den Verstand verschlägt,
Und wie ein Kater er dem Köter an die Kehle geht,
Kann er in krasser Not kein Fersengeld mehr zahlen
Und nimmt das Schwert und köpft das Drachenhaupt der Qualen.*

„In diesem Sinne sage ich euch: Es lebe der gerechte König.“
Saadi verneigt sich vor einem in unschuldigem Weiß blühenden Rosenbusch.
Schnell und einmütig entgegnen Jasper & Jasmin: „Verzeiht, verehrter Saadi, wenn die Unterdrückten den Herrschern die Schädel einschlagen, kann das gerecht sein. Jedoch ist es nicht weise. Wir empfehlen: eine Welt ohne Kaiser, Könige noch Fürsten; ohne Machtmenschen, Tyrannen und Herrschaften. Und wo keine Herren sind, ist kein Herrscherleben.“
„Ja, Freiheit!“, ruft Nehemia, und: „Keine Gewalt!“
Hafis, den Mundschenk am Haar ziehend: „Halt deinen schönen Schnabel. Du bist der Letzte, der hier das Wort führt.“
Saadi zu Jasper & Jasmin: „Kein Herrscher? Soll der Löwe seinen Stand an ein Kätzchen abgeben? Soll ein Bauernbursche das Land geistlos beackern? Oder ein Küchenweib Königin sein?“
„Warum nicht? Wir wünschen uns eine freiwillige Regierung, die sich ihren Aufgaben stellt, aus vollem Herzen und Verstand die Volks- und Weltenläufe regelt. Die Länder sollen ohne Grenzen sein, freie Wege für jeden. Auch das Geld gehört abgeschafft – der Teufel hat’s gebracht; der Teufel soll’s holen. Jeder nimmt sich, was er braucht, doch das Maß des Lebens soll nicht das Maß der Dinge sein.“
„Meine Rede“, sagt Nehemia und fängt sich von Hafis abermals einen kritischen Blick ein.
„Und was ist mit Arbeit?“, frage ich.
„Sie sei keine Pflicht! Freiwillig arbeite, dem Arbeit ein Wunsch ist.“
„Bin ich dabei“, meint Nehemia, legt sich sogleich auf die faule Haut und eine Frage nach: „Muss ich in eurer Welt zum Militär?“
„Es wird keines mehr geben.“
„Bravo!“ Nehemia öffnet sein Gewand, atmet durch.
„Und was ist mit Gott?“, will Hafis wissen.
Jasper & Jasmin: „Gott ist der oder das, was wir selbst bestimmen, das heißt: Wir wählen und nennen ihn nach unserer Art.“
„Allah ist verzeihend und barmherzig“, murmelt Hafis.
Saadi zieht seinen Turban über die Ohren, bleibt aber entspannt.
„Darf ich auch ohne Gott glücklich sein?“, werfe ich vorsichtig in die Runde.
„Unser Garten ist bunt“, meint Hafis, „du darfst sein, wer und was du willst, doch bedenke: Religion hält die Menschheit zusammen.“
Jasper & Jasmin: „Mag sein, aber Religion gehört ins Haus, nicht in die Öffentlichkeit. Als Machtinstrument führt sie die Menschheit direkt in die Hölle.“
„Lasst uns weitergehen“, bittet Saadi, „wir wollen uns doch hier nicht an Dornen wundreißen.“
Nehemia erhebt sich von seiner faulen Haut, verteilt frische Feigen, sesamsüßen Halva und für jeden einen Schluck unverdünnten Arak: „Für Frieden und Freundschaft!“
Seid bereit!, liegt mir auf der Zunge, kann’s aber gerade noch runterschlucken.
Saadi (nach dem Feuer des Schnapses): „Nehmen wir uns das nächste Areal vor: das der Poesie, Klugheit und Askese.“
Die Dichter führen uns vom Rosenbusch fort, an eine Stelle des Golestan, wo die Sonne unbarmherzig brennt und wir im Schatten eines Tamariskenstrauches Kühlung erhoffen.
„Dieses selbstlose Gewächs erinnert an einen Derwisch“, belehrt uns Hafis, „und um solchen wird es in der zweiten Abteilung gehen.“
Ehrfurchtsvoll berühre ich die bräunlichen fedrigen Blätter des Strauches, die kleine Salzkristalle absondern. Nehemia meint altklug Tamarisken aus der Bibel zu kennen, und Derwische, naja, mit denen könne man nichts Vergnügliches anfangen. Er jedenfalls nicht.

2 – Von der Gesinnung der Derwische

O, der du dein Verdienst auf flacher Hand
Den Leuten zeigst, doch im Versteck der Achselhöhle
Gemeine Fehler birgst, was glaubst du denn
Was vor dem höchsten Richter du erwirkst
Mit eitlem Trug und falschem Gelde?*

„Weißt du, Westländerin, eigentlich, was ein Derwisch ist?“, fragt mich Hafis.

„In meiner Kindheit hieß es, wenn jemand wild und ausgelassen war: Der springt rum wie’n Derwisch. Einen Derwisch stellte ich mir als eine Art Rumpelstilzchen vor, das, in buntloderndem Gewand, mit Schaum vor dem Mund und rollenden Augen durch die Gegend rast.“

„Ich habe in meiner Kindheit echte Derwische gesehen“, wirft Jasper ein, „sie haben vierzig Tage in einem fensterlosen Raum gelebt und nur ein paar Rosinen gegessen. Danach sind sie wieder ans Licht gekommen und haben getanzt.“

„Heute weiß ich, und zwar nicht erst seit meiner Reise zu euch, dass ein Derwisch kein fernöstliches Rumpelstilzchen, sondern ein muslimischer Bettelmönch ist“, sage ich.

Saadi: „Sehr richtig, Christin. Freiwillig bekennt sich der Derwisch zur Armut, und darin darf er sich mit einem König vergleichen. Da er irdische Güter verweigert, überkommt ihn das sorgloseste Behagen. Nicht Rage, sondern Ekstase bestimmt seinen Tanz. Das Gewand ist weiß oder schwarz, er trägt eine kegelförmige Wollmütze (Sufi = Wollträger). Ein Derwisch dreht sich in Trance, um mit Allah in Kontakt zu treten. Es ist die komplette Hingabe an eine höhere Macht. Wie gesagt: Nicht Geld noch HabundGut, nicht Fleisches- noch Geisteslust sind sein Metier.“

Jasmin verweist den schwärmerischen Poeten auf irdische Wirklichkeit: „In der Türkei sind Derwische inzwischen Touristenattraktion. Es gibt unter ihnen sogar Frauen, Derwischinnen!“

„Allah yerhamni, Allah yerhamni …“, murmeln Saadi und Hafis.

Nehemia drängt zum Aufbruch. Hier, beim Tamariskenstrauch, ist es ihm zu heiß und zu trocken. Sein Haar wird zunehmend grau. Er setzt eine altmodische Judenmütze auf, fühlt sich plötzlich hohlknochig, und von ein paar Rosinen mag er in Zukunft auch nicht leben. Langsam schlendern wir weiter, reden noch eine Weile über asketische Hingabe.

„Könnt ihr euch vorstellen, euch dergestalt zu opfern?“, will ich von Jasper & Jasmin wissen.

„Für Jasper würde ich es tun“, antwortet Jasmin augenzwinkernd, „aber niemals wieder für eine politische Sache. Damit bin ich durch!“

„Und für Gott?“, fragt Hafis.

Jasper & Jasmin schweigen vielsagend. Nicht nur Nehemia, auch ich werde fußmüde und habe Sehnsucht nach dem fliegenden Teppich. Hafis und Saadi führen uns über zahlreiche Wege aus Sand und Kies vorbei an Steinrabatten bis zu einem ausgedehnten Beet, auf dem in gewaltigen Strauchformationen Salbei wächst.

„Durchatmen!“, befiehlt Hafis.

„Moment mal“, lenkt Nehemia ein, „von Luft und Duft allein kann ein Mensch nicht leben. Wir haben lange nichts Gutes getrunken.“

Er reibt am Öllämpchen. Augenblicklich erscheinen Arak, Grapefruit und gestoßenes Eis in fünf Gläsern.

„Barāj-e xodā! Um Gotteswillen!“, ruft Saadi. „Was soll Christin von uns denken? Dass der Heilige Golestan eine Cocktailbar ist? Wir wollen doch der Genügsamkeit die Ehre erweisen.“

„Ich nicht“, murmelt Nehemia, pflückt eine Handvoll Salbeiblätter und gibt je zwei davon in die milchige Flüssigkeit.

Wir als Gäste sind ebenfalls dem Duft von Anis und Salbei verfallen und überzeugt davon, dass man über Genügsamkeit auch im ungenügsamen Zustand des Schwelgens reden kann.

3 – Vom Wert der Genügsamkeit

Besser ist’s: im Elendswinkel
Seine Bettelkleider flicken,
Als an feine Prahlepinkel
Bettelbriefe zu verschicken.
Lieber bittre Strafverfolgung,
Leibtortur und Höllenkreischen,
Als auf fremden Füßen stehend
Sich ins Paradies zu schleichen.*

„Nun, wie schmecken euch meine Verse?“, fragt Saadi, der sie mit Stolz vorgetragen hat.

Hafis: „Genügsamkeit ist Salbei. Seine bitteren Säfte heilen jedes Leiden, wenn man sie nur zu genießen weiß. Wer sich Konfektfressern anbiedert, dem verstimmen Magen und Kopf. Saadi, ihr habt meine volle Zustimmung.“

Ich: „Ich bin eher dafür, den feinen Prahlepinkeln auf den Raffzahn zu fühlen, als Arme und Bettler in ihrer unfreiwilligen Armut zu adeln. Doch vor den reichen Säcken Betteln und Bitten nützen in diesem Fall nichts. Will man das Kapital abschalten, um den Welthunger zu besiegen, muss die Ansage deutlicher sein …“

Hafis und Saadi wehren ab: „Kapital! Schreckliches Fremdwort! Uns geht es um die edle Gesinnung der Bescheidenheit, um eine von seligem Dank erfüllte Haltung, um Enthaltsamkeit und Mäßigung. Natürlich wollen wir nicht verhungern, nicht wahr, Nehemia?“

Nehemia nickt eifrig, breitet ein Tuch mit Maulbeeren, Mandeln und durch golestanische Zauberhand frischgebackenes Taftoon (eine Art persische Pizza) aus. Jasper, Jasmin und ich greifen sofort zu. Es schmeckt köstlich.

Jasmin kauend: „Was uns anbelangt, so brauchen wir keine Glückgüter, keine Luxusklamotten und müssen uns auch nicht der Völlerei hingeben. Aber wir wollen das besitzen, was wir uns mit dem Einsatz für unseren Kampf um die Gerechtigkeit verdient haben.“

„Genau so“, stimmt Jasper seiner Liebsten zu. „Wir leben nur einmal, und das wollen wir genießen. Betteln werden wir darum nicht, sondern unser Recht fordern.“

„Gemach, gemach“, bittet Hafis, der fürchtet, die jungen Gäste könnten sich in ihrem Ungestüm im Garten verlaufen.

Mit vorsichtiger Handweisung lenkt der Dichter die Reisegesellschaft von den Salbeisträuchern weg zur nächsten Gartenabteilung. Obwohl wir vom Cocktail und dem Imbiss gestärkt sind, sticht uns die Sonne weiterhin. Es schützen uns weder Turbane noch Kaftane vor der Hitze. Hafis und Saadi haben gut lachen und tun es auch. Allerdings leise, sehr leise. Über einen mit Wüstensand ausgestreuten Weg, vorbei an knorrigen Ölbäumen und toten Jerichorosen gelangen wir an einen Platz, der uns mit Kakteen, Aloen, Bromelien und Sandelhölzern empfängt. Kein Vogel ist zu hören, kein Insektensirren, kein Blätterrascheln. Ein Ort absoluter Ruhe, welche Saadi mit feingeflüsterter Weisheit unterbricht:

4 – Vom Vorteil des Schweigens

Betört auch deine Rede alle Sinne,
Bebeifallt werden Herz- und Hirngewinne.
Klug ist: die Wahrheit EINmal sagen,
ZWEI Honigkuchen liegen schwer im Magen.*

Mir scheint, diesmal finden wir uns alle in Saadis Versen wieder. Ohnehin steht uns nicht der Sinn nach ausufernden Gesprächen. Sukkulenten in ihrer trotzigen Schweigsamkeit tun das Ihre. Nehemia zaubert seidengesteppte Matratzen herbei, auf die sich unsere ehrwürdigen Poeten unverhohlen betten. Ein Baldachin wird über sie gespannt. Ein Hauch von Baldrian durchwebt die Luft. Auch mich überkommt Müdigkeit, doch bin ich mit meiner mir gegebenen Zeit geizig. Während die Morgenländer sich dem Schlaf der Gerechten hingeben, nehme ich die Gelegenheit wahr, mich mit Jasper & Jasmin über ihre Vergangenheit zu unterhalten. (Das Gespräch, leider, darf ich an dieser Stelle nicht wiedergeben, da es, über unseren paradiesischen Ort hinausklingend, in falsche Ohren geraten könnte. → Der Vorteil des Schw…..)

Hafis und Saadi erwachen. Sie fühlen sich bestens erfrischt und sind bereit, vom Ort der klugen Schweigsamkeit zum nächsten zu wechseln. Wir ziehen weiter. Der Wüstensandweg geht über in einen rasenbewachsenen Pfad. Beidseits Wasserspiele und Brunnen. Farbenfrohe Vögel schwirren umher. In tönernen Amphoren zeigen weiße und rote Lilien schamlos das Innere ihrer Blütenblätter. Jasminsträucher blühen und duften, dass uns schwindlig wird. Von einem Granatapfelstrauch pflückt Nehemia eine pfundschwere Frucht. Bevor er sie für den Verzehr aufbrechen wird, sagt Saadi seinen Satz:

5 – Von Liebe und Jugend

Es ist das Gesetz der Liebe, dass man nicht aus Sorge
um den eignen Leib das Herz vor dem Begehrten vermauert.*

Hafis: „Nehmt Platz, Jasper, Jasmin, auch du, Christin – nimm Platz. Wie behagt es euch hier?“

Jasper & Jasmin sitzen nah beieinander und versinken in ihr Lächeln, das sie, wenn sie nichts erklären oder plaudern wollen, als Schutz vor sich ziehen. Auch ich würde am liebsten die Blütenpracht, den Gesang der Vögel als auch den Granatapfel unkommentiert genießen. Doch unser Gastrecht reicht nicht ins Unendliche. Nachdem Nehemia die Frucht aufgebrochen, mit einem Messer die rotschimmernden Samen herausgelöst und sie uns in einer Kristallschale dargereicht hat, wollen die neuermunterten Alten nun wissen, wie es bei uns mit der Jugend und der Liebe bestellt ist. Der Granatapfel sei schließlich in der persischen Dichtung ein Symbol für die weibliche Brust und eine gesunde Gesichtsfarbe. Soweit Hafis. Jasper & Jasmin erröten. Ich sage, ich könne viel erzählen, wenn der Tag lang ist, aber meine Jugend liege schon ein paar Jährchen zurück, wiewohl die Liebe einen Menschen noch im Greisenalter zu packen imstande wäre …

„O gewiss“, meint Saadi, „nur möchte ich die Liebe lieber Schönheit nennen.“

Jetzt errötet Nehemia. Sonderbar, wie sich die Alten ins Thema fügen. Das Gesetz der Liebe. Jasper & Jasmin, die wiederholt betonen, dass sie erst seit vier Jahren am Leben sind und sich endlich um sich selbst kümmern können, befinden sich tatsächlich nicht mehr im Kampfmodus.

„Wir haben viel gelernt, aber nicht gelebt“, beendet Jasper, der Schatzmeister, das Gespräch.

Ich möchte entgegnen, dass Lernen auch Leben sei, lege jedoch meine altdeutsche Belehrsamkeit beiseite. Die Liebenden pflanzen sich zwischen leidenschaftlich duftende Lilien. Damit ich nicht als sinnlich verspannte Christin (die ich ja gar nicht bin) in Verdacht gerate, zitiere ich Salomo, der im Hohelied über die schöne Sulamit zu schwärmen pflegte: Deine Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, die unter Lilien weiden.

„Aus dem Koran ist das nicht“, beschwert sich Saadi, „und überhaupt: Wieso kann eine Ungläubige die Bibel auswendig?“

„Nicht auswendig“, erwidere ich, „nur ein wenig inwendig. Die Bibel ist für mich ein großartiges Märchen. Weltliteratur!“

„Weltliteratur, das sind wir“, korrigiert Hafis.

Da wir im Golestan nicht auf ernsthafte Widersprüche aus sind, lächeln wir einander zu, reichen uns süße Früchte, erfrischen uns gemeinsam am Sprühregen der Wasserspiele. Jasper steckt Jasmin eine Jasminblüte ins Haar. Nehemia leckt sich die Finger vom Granatapfelsaft. Mit einem Mal fühlen wir uns jung, und pralle Gleichnisse liegen uns auf den Zungen.

6 – Vom Schwachsein und Alter

Ach, wären doch noch ein paar Augenblicke
Vergönnt mir – ausgebremst mein Atemflug.
Gegessen hab ich an des Lebens buntem Tische
So kurze Zeit – schon sagt man mir: genug!*

Saadi, der Realist. Bevor wir uns im jugendspritzigen Lustgartenteil verlieren, hat er schon Gegenverse parat. Und zwar in jenem Areal des Hortensus conclusius, der von außerordentlichen Blüten strahlt, die jedoch keinerlei Duft aussenden: Goldregen, Hundsrosen, Orchideen, falsche Kamille. Das Altenteil des Gartens. In dem sich Saadi und Hafis wohlzufühlen scheinen. Sie lassen sich auf arabeskenbestickten Kissen nieder, ziehen ihre Barthaare in die Länge und schauen sehr enthoben drein.

„Ach erloschen ist das Herz und kalt. Und riechen kann ich auch nichts mehr“, jammert Saadi.

Hafis, ebenfalls im Winselton: „Wer nichts riecht, kann auch nichts schmecken, und wir müssen uns das Haar schwarz färben.“

Jasper & Jasmin: „Sowas haben wir nicht nötig.“

Doch auch ihre Stimmen klingen belegt. Während ich, die Mittfünfzigerin, mich nicht an der Duftlosigkeit des Ortes stoße, gesellt sich Nehemia zu mir.

„Wie sehe ich aus?“, will er wissen.

„Gut“, antworte ich wahrheitsgemäß.

„Das reicht nicht“, mault er. „Du musst sagen, dass ich schön bin. Schön, wie der junge Tag.“

„Du bist schön wie der junge Tag.“

Nehemia schlägt Rad, macht Luftsprünge, wirft sich vor die Bärte der Poeten.

Jasper & Jasmin: „Sowas haben wir nicht nötig.“

Saadis Bemerkung Aus dem Mund eines Schönen riecht der Knoblauch besser als eine Rose aus der Hand eines Hässlichen trifft den Mundschenk zutiefst. Vor den Alten ist er unsicher und erst, als Hafis Gesichtesreiz, seidene Gewänder, Duft, Lieblichkeit und Farbenglanz als unmännliche, das heißt unnötige Eitelkeiten abtut, kommt Nehemia wieder zu sich. Ich spreche mit Jasper & Jasmin übers Alter.

„Angst habe ich schon“, meint Jasper. „Vor allem vor der Unfähigkeit, gewohnte Dinge tun zu können.“

Jasmins Hauptwunsch ist es, niemals ohne den Liebsten sein zu müssen, und vielleicht sollte man nicht sehrsehrsehr alt werden, weil man in voll vergreistem Zustand nichts Erquickliches mehr erleben könne.

„An Krücken schleichen und niedersetzen ist besser als losrennen und hinstürzen“, skandieren die Poeten aus einem Munde.

Nehemia pflückt Blütentrauben des Goldregens und reicht sie uns dar.

„Greift zu, das ist ein Sonderangebot“, behauptet er.

„Wie zierlich zauberhaft“, sage ich, „trotzdem habe ich Appetit auf etwas anderes.“

„Ich mag auch kein Gemüse“, knurrt Hafis, und Saadi: „Goldregen ist für Feiglinge!“

Zustimmung von allen Seiten. Befreites Gelächter. Nehemia gratuliert der Reisegesellschaft zur bestandenen Prüfung und wirft die Blüten hinter sich.

„Wir haben noch zwei Stationen vor uns“, drängt Saadi.

Erneut brechen wir auf. Über glänzende Marmorkieswege, vorbei an duftenden Quittensträuchern, Hibisken und Tulpenbeeten gelangen wir zum Wäldchen. Zedern und Zypressen stehen beieinander, in angenehmem Wechsel Licht und Schatten spendend. Von Baumkrone zu Baumkrone schweben Eulen. Einmal narrt uns, als Zedernzapfen getarnt, eine Schlange; ein andermal ein vierköpfiges Tierlein, das wir nicht näher bestimmen können.

7 – Vom Einfluss der Erziehung

Der in Kindertagen dumm gehalten wurde,
Wird auch im Alter Weisheit meiden.
Nur der junge Stab ist leicht zu biegen,
Feuer wird den dürren Ast besiegen.
Grün nur kommt man auf ’nen grünen Zweig.
Dürrholz: Rauch, der aus der Asche steigt.*

„Willkommen im Wald der Weisheit!“

Saadi vollführt eine großräumige Geste, als sei er Dichter, Gärtner und Gott zugleich. Nehemia befiehlt seinem Öllämpchen Nussküchlein herbeizuzaubern, denn Nüsse und Honig seien Brennstoff des Geistes. Ein hochprozentiger Kräuterlikör aus Safran, Kurkuma und Kumin gesellt sich dazu, befeuert unsere Gedanken und Fantasien. Hier ist der Lieblingsplatz der Poeten. Hier tragen sie Flügel, und Worte fliegen ihnen zu, die keiner von uns kennt. Wir reden über Weisheit und Bildung, über Geist und die Seuche der Geistlosen, über Lernen und Lustlosigkeit. Nehemia, Vollkommenheit einzig in der Schönheit, Hilfsbereitschaft und Nützlichkeit seines seit babylonischen Zeiten währenden Daseins beschwörend, will sich keinem vielfältigeren Gedanken aussetzen. Er wirft einen Stock nach der Schlange, die ihn vom Zedernast herunter anzischt.

Dichter Saadi hingegen zischt: „Reiß dich zusammen, Nehemia.“

„Ich bin wie ich bin“, raunzt der zurück und setzt hinzu: „Vor allem bin ich ein freier Mann. Wenn mir jemand etwas beigebracht hat, dann ist es das Leben.“

„Immerhin warst du nicht nur deines Königs Mundschenk, sondern auch Statthalter und Geistesarbeiter“, wendet Hafis ein, doch gleich darauf: „Natürlich ist das nicht mit der Karriere meines ehrenwerten Kollegen zu vergleichen.“

„Zu gütig!“

Saadi verbeugt sich vor Hafis und gibt ausführlichen Bericht über seine Laufbahn, die er an verschiedenen morgenländischen Hochschulen und Universitäten absolviert hat, nebst Ruhmesrückschau als größter Dichter des Orients. Und das im frühen 13. Jahrhundert! Hafis, hundert Jahre älter als Saadi, erzählt nicht ohne Stolz, wie er es als Kohlehändlersohn übers Bäckerhandwerk zum Hofdichter, Koranlehrer, Hochschulprofessor bis zum Protestliedermacher geschafft hat. Dank seiner Klugheit! Jasmin verkündet lapidar, stets in der Schule die Beste gewesen zu sein. Ich erinnere mich, wie es mir in einigen Schulfächern an Eifer mangelte, ich jedoch in anderen (wie „Deutsch“ und „Kunsterziehung“) konkurrenzlos den Spitzenplatz besetzte. Jasper gibt zu, dass er in der Schule nicht zu den Versagern gezählt habe, jedoch Fußball, Computerspiele sowie andere wenig kopflastige Dinge durchaus zu seiner Bildung beitrugen.

„Unsereiner versteht vieles, aber nicht alles“, orakelt Hafis.

Saadi klatscht in die Hände. Die Eulen fliegen davon, die Schlange rollt sich zusammen. Unsere Reise durch den Golestan geht ihrem Ende entgegen. Aus dem Wald der Weisheit begeben wir uns zum letzten Areal.

8 – Vom guten Betragen

Dies Dreigespann wird untergehen:
Reichtum, der nicht aus eigner Hände Arbeit wächst.
Wissenschaft ohne Gelehrtenstreit.
Regierung ohne Gerechtigkeit.
Wer vor Bösem buckelt, fällt Gutem in den Rücken.
Wer sich vor Unterdrückern duckt, wird dem Elend zunicken.*

Ein bezaubernder Flecken empfängt uns: Magnolien blühen, üppige Rosen, Hibiskus, Lavendel, Minze. Minze in allen Varianten. Frischer Duft umschwebt die Reisegesellschaft. Saadis Verse im Ohr fühlen wir uns miteinander verbunden. MorgenlandAbendland.

„Einen winzigen Auftrieb benötigen wir dennoch“, meint Saadi und zwinkert Nehemia zu.

Der versteht sofort, reibt das Öllämpchen, und schon schwebt in einer Aniswolke der Abschiedstrunk vom Himmel. Persischer Cocktail!, der uns, die von den schönen Anstrengungen des Ausfluges Ermatteten, ein letztes Mal in süßwürzigen Taumel des Einverständnisses mit dem Großen & Ganzen versetzt. Ich trinke den Cocktail wohl etwas zu schnell, denn all die Blumen und Büsche um mich herum beginnen zu schwanken, aus ihrer Ordnung zu treten, dem Gärtner, der sie platziert hat, sozusagen auf die Füße. Ich merke schon: Es geht ums gute Betragen, um Folgsamkeit, oder was man darunter versteht. Oder nicht?

BETRAGEN → vitae ratio, Verhalten, Aufführung, gutes schlechtes seltsames rätselhaftes → nothwendiges betragen des vollkommensten wesens gottes (Grimm) → Kopfnoten: Betragen! sehr gut, gut, befriedigend, ungenügend!

BETRAG DICH!! Du sollst, du sollst, du sollst dich betragen!

(Eltern & Verwandte & Erzieher & Lehrer & Ausbilder & Vorgesetzte)

Jasper & Jasmin erzählen aus ihrer Kindheit. Jasper gesteht, er sei stets ein folgsamer, ruhiger Junge gewesen, zu Hause wie in der Schule. Der Vater sei im Gefängnis hingerichtet worden, Mutter und ein Onkel hätten ihn erzogen. Gutes Betragen, jaja, trotz allem.

Jasmin: „Ich war nicht brav. Ich wollte jedem zeigen, dass ich alles kann und weiß wie ein Junge. Doch ich war nie wirklich ein Kind, immer schon erwachsen, seit ich denken kann. Stets habe ich über das schwierige Leben reflektiert …“

„Trotzdem warst du deiner Mutter liebste Tochter, und das bei acht Geschwistern“, sagt Jasper lächelnd und: „Auch ich liebe dich, mein ungezogenes Mädchen!“

Mir bleibt nicht mehr viel Zeit, über meine Widerborstigkeiten in der Kindheit zu reden – dass ich zum Beispiel Bandenführerin war, mit Pfeil und Bogen geschossen und viel gelesen habe, nicht unbedingt nur Mädchenbücher. Im Unterricht habe ich Mitschüler aus meinen Heften abschreiben lassen, Witze gemacht, Lehrer veräppelt, das Pionierhalstuch im Klo versenkt. Kopfnoten in der Schule: Betragen – befriedigend.

Nehemia, der belustigt zugehört hat, findet unsere Berichte bizarr und bedauert, sich an seine Kindheit kaum erinnern zu können. Ein Judenjunge kenne nichts als Gehorsam, so wird es wohl gewesen sein, meint er und kippt sich einen allerletzten Arak in den Hals. Hafis tätschelt ihm die Wangen.

„Gehorsam, jaja“, murmelt er.

„Der Koran“, belehrt uns Saadi am Schluss, „ist von Gott bestellt worden, damit man sich in verschiedenen Zeiten seines Lebens schön betrage, nicht damit man die Kapitel schön dahersage. Man merkt, dass Christin den Koran nie gelesen hat.“

Ich widerspreche höflich. Der Persische Cocktail hat mir die Zunge gelockert. Hafis pflückt für jeden von uns eine Magnolie. Da senkt sich aus dem Himmel mit leichtem Brausen unser Transportmittel für die Rückreise herab. Es wird Zeit, uns zu verabschieden. Jasper, Jasmin und ich bedanken uns bei den Gastgebern, steigen auf den fliegenden Teppich und heben ab. Die drei Männer winken uns nach.

¡ KHODAHAFES LEHITRA’OT! AUF WIEDERSEHEN!

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Saadi & Hafis Nehemia Jasper & Jasmin & Christin

Über Shiras und Teheran geht unser Flug. Der wolkenlose Himmel. Die Landschaft unter uns. Menschen, die wir erahnen. Was für ein Abenteuer!, denke ich. Und frage Jasper & Jasmin: „Wollen wir zwischenlanden?“
„Nicht nötig“, antworten beide aus einem Munde.

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* Aus: Saadi, Rosengarten. Nachdichtungen von Kerstin Hensel, frei nach der deutschen Übersetzung von Karl Heinrich von Graf 1884