Launische Logik

Sabine Peters

 

Die Welt war aus Honig und Nüssen gemacht. Die Welt war ein süßer Kuchen.
Mein Vater war kein armer Bäcker, der den Teig mit Füßen stampft. Mein Vater war Konditor. Er hatte zwei Filialen in der Stadt, in Mahabad, Iran. Wir wohnten in einem großen Haus: drei Etagen. In Vaters Backstube stand ich auf einem Stuhl, mit einem langen Löffel rührte ich im Kuchenteig. Ich trug ein Küchentuch um den Hals, das reichte mir bis zu den Füßen. Ich klebte im Gesicht und an den Händen. Süßer kleiner Hossein.

Die drei großen Brüder Nawin und Youssef und Malik halfen dem Vater oft. Aber sie hatten auch eigene Köpfe. Von Nawin weiß ich nur wenig, er war viel älter als ich. Vieles geht durcheinander.

In der Backstube stand ich auf einem Stuhl auf Zehenspitzen, rührte im Kuchenteig. Es gab ein Bild davon.

Doch einen Bruder Nawin hat es nicht gegeben, das muss klar sein. Ich war zu klein, drei Jahre oder vier? Ich bin geboren 1991. Was weiß ein kleines Kind? Ich wusste, wo mein Zuhause war, und kannte alle Namen der Verwandten. Niemand von uns hieß Nawin. Nawin war im Mai nicht auf dem Platz in Mahabad. Alle aus der Familie und alle seine Freunde haben es bestätigt. Nawin sollte Beweise liefern. Beweise, dass zwei seiner Vorderzähne schon seit langem fehlten. Wie soll er es beweisen, wenn es ihn doch selbst nicht gibt? Niemand ist auf dem Platz gewesen. Was heißt Verwandte, was heißt Freunde? Es kann auch falsche Verwandte und Freunde geben. Niemand war auf dem Platz. Es gab keinen Platz, es gab keine Stadt. Es gab gar keinen Mai. Ich war klein und habe nichts verstanden. Doch alle anderen konnten bezeugen: Nawin war wie eine Schnecke in seinem Haus, war stumm in diesem Haus. Jeder konnte schwören: Nawins Gedanken waren nie aus seinem Schneckenhaus hinausgekommen. Nawins Gedanken waren niemals Vögel, die frei flogen. Verstehe einer die Launen der Logik. Kein Nawin, also auch keine Gedankenvögel.

Wir hatten schöne Vögel, als ich klein war. Sie wohnten in großen Volieren, deren Türen standen offen. Immer waren sie unterwegs zwischen drinnen und draußen. Nur die Kanarienvögel waren faul. Ich wollte gern dem Papageien meinen Namen beibringen. Der Papagei war leider taub. So konnte er meinen Namen nicht hören, er hätte ihn aber raten können. Wie die Müllerstochter in eurem Märchen! Heißest du Hinz? Heißest du Kunz? Oder heißt du etwa Rumpelstilzchen? Der Papagei starrte mich an, riss seinen Schnabel auf und gab sich alle Mühe.

Es kamen nur traurige Töne.

So traurig wie mein Deutsch. Sag nicht, ich spreche gut nach zwei Jahren. Da frag mal meinen Deutschlehrer mit seinem lustigen Namen. All eure Namen sind lustig. Listig. Schwer auseinanderzuhalten. Hintsch und Hinz und Kunz und Conz und Muller, Müller, Meier.

Mayer, sagt der Lehrer, aber mit e und i, wie soll das ein Mensch begreifen. Rumpelstilz, den Namen gibt es nur im Märchen.

Ich erzähle den Kindern in Kreuzberg oft Märchen, spreche und spiele mit ihnen. Das Arbeitsprojekt heißt „Schule des Friedens“. Die Kinder sind alt und neu, also, es sind manche von ihnen schon lange hier und manche noch nicht. Ihre Namen sind bunt wie die Welt.

Niemand heißt Rumpelstilz. Das ist aber kein schlechter Name. Ich glaube nicht, dass dieses Männchen mit der Müllertochter eine schlechte Absicht hatte. Der Rumpelstilz wollte kein Gold und Geld, er wollte nur lebendige Gesellschaft. Er würde ihr Kind nicht essen, sondern mit ihm sprechen.

Ich heiße Hossein, das muss klar sein. Jeder kann es bestätigen. Ich kann es selbst beweisen. Hier steht es, auf dem vorläufigen Ausweis. Mein Vater hat mich Hossein genannt, nach langer Überlegung. Ein vorsichtiger Mann. Erst hatte er einen anderen Namen im Sinn. Hossein oder Hussein, das ist im Iran ein weit verbreiteter Name, er ist in ganz Nahost bekannt. Denk mal an die Prinzen und die Präsidenten, an Könige und Kalifen. Tausendundeine Nacht, es gibt so viele Menschen dieses Namens, wie es Nächte gibt, Tage und wieder Nächte. Hussein, der Enkel Mohammeds, wird heute noch als Märtyrer gefeiert. Mein Vater ist zwar Moslem, aber nur die Mutter betet oft.

Unter den Kurden findest du alle Religionen: Sunniten, Schiiten, Aleviten, Jesiden, auch einige Christen, Juden, Zoroastrier, und Unfromme gibt’s auch. Wenn du nicht taub bist wie mein Papagei, dann weißt du Bescheid. Mahabad ist eine kurdische Stadt im Nordwesten von Teheran im Iran. Also heiße ich Hinz oder Kunz, ich heiße Hossein oder Hussein. Mein Name ist nicht Adir, kurdisch „das Feuer“, das muss klar sein.

Da lachst du und ich lache auch. Nun weißt du meinen ersten Namen, keiner sonst weiß ihn hier in Deutschland. Er wurde nicht einmal bei uns in der Familie gebraucht. Wir wussten ihn, zu Hause, und vergaßen ihn, und wussten ihn, und so weiter.

Aber nun will ich nichts Trauriges denken. Adir, das Feuer, ist ein Freund der Menschen, doch es braucht den Gegenspieler Wasser. Wie der Hinz den Kunz braucht, das ist Dialektik. Das habe ich studiert. Denke nicht, wir alle sind nur Ziegentreiber, die in Erdlöchern hausen und mit Maschinengewehren tanzen. Beim Tanzen hab ich mir mal den Knöchel verknackt, nein, es war Fußball, egal, ich bin nicht gemacht fürs Springen, Rennen und Stürmen. Ich bin gern langsam, eine Schnecke. Wer weiß, ob Schnecken huschen können? Ich rauche gern Shisha. Blubberndes Wasser, die Glut des Feuers, ich denke an Gegensätze, die sich bewegen, und wie sie zu einer Spirale werden. Langsam, aber stetig. Die Schnecke trägt ihr Haus mit sich, streckt vorsichtig die Fühler aus.

Was willst du wissen? Wir sind hier schließlich beieinander, damit ihr Ureinwohner hört, was Flüchtlinge erzählen. Du fragst mich, wo mein Bruder Nawin ist? Er wohnt in keinem Schneckenhaus, auch nicht in einem Erdloch. Es gibt keinen Nawin.

Aber mein Bruder Youssef lebt. Seine Adresse ist ganz klar, das ist der weiße Bau. Das Evin-Gefängnis bei Teheran.

2005 gab es in Mahabad Proteste, nachdem ein Student erschossen worden war. Auf der Flucht erschossen, sagte die Regierung. Youssef lief mit auf dem Tschuar-Tschira-Platz. Die Leute trugen Fahnen und Sprüchetücher. Mich hat der Vater zu Haus eingeschlossen, damit ich nicht demonstriere. Nun ist Youssef eingeschlossen, in Evin. Die Regierung sagte von ihm und seinen Freunden: Es sind Hooligans und Terroristen, die den Staat angreifen wollten. Sie schickten uns reichlich Soldaten nach Mahabad.

Youssef kam in den weißen Bau. Dort ist er taub geworden. Wie der Papagei. Mancher ist gehörlos von Geburt an. Aber auch Schläge auf die Ohren können Mensch und Tier taub machen. Ich würde nie einen Vogel schlagen, erst recht keinen essen. Keinen Papageien und keinen Kanarienvogel und keine Taube, wir hielten zu Hause Ringeltauben, ruckediguh, das ist noch ein deutsches Märchen, das von dem Blut im Schuh. Es gibt Schläge, die liefern kein Blut, keinen Bluterguss, keinen Beweis für Gewalt. Die Tiere können nur im Märchen sprechen. Im Gefängnis laufen Flügellose. Das sind zum Beispiel Spinnen und, warte, mein Smartphone hilft immer, Silberfische, so nennt ihr sie hier. Auch Ameisen verlieren ihre Flügel. Das Leben der Tiere im Knast, und was sie vom Menschen sehen, darüber kann man denken oder fantasieren.

Ich sehe die Verwunderung der Ameisen. So viele Verhöre haben sie schon miterlebt. All die Beschimpfungen, den Hohn und die Flüche: Schwein, Hurenbock, Sohn einer Hure. Was sollen Ameisen mit Menschenwörtern anfangen? Sie gehen ihren eigenen Wegen nach, auch noch im Knast. Sie laufen an den dicken Wänden längs, suchen nach Nahrhaftem. Ein Mann fällt hin. Die Ameisen wissen nicht, heißt er Hinz oder Kunz, Nawin oder Youssef, das schert sie nicht. Aber sie sehen sein Gesicht noch oft, denn er stürzt wieder, und sie sehen seine Augenbrauen, seine geschlossenen Augen, einer seiner Zähne liegt auch am Boden, zwei, vielleicht drei, die Ameisen können nicht zählen. Aber sie können sich wundern. Der Mann wird wieder hochgezerrt, sie hören Schläge prasseln, sie hören Schreie und Stöhnen, sie sehen rotes Blut in einem weißen Kachelraum in einem Trakt.
Was fragst du mich?

Ich möchte an etwas Schönes denken. Sagen wir, an Kuchen. In einem eurer Märchen kriegt ein Dummling Aschekuchen von der falschen Mutter mit auf seinen Reiseweg. Weil er ihn mit den Tieren teilt, wird aus dem Aschekuchen etwas Feines. Etwas mit Honig, Nüssen, Datteln, Kardamom und Rosenwasser. Es war eines von unseren Märchen, ist egal. Alle Märchen wandern schon seit Ewigkeit mit allen Dummlingen und allen Weisen durch die Welt. Die Geschichten enden immer gut. Aber das stimmt nicht ganz, denn schließlich kommt es auf die Perspektive an. Die Guten bleiben als Sieger übrig. Wer schlecht ist, Beispiel falsche Mutter oder Hooligan oder auch Terrorist, der tanzt am Ende in glühenden Schuhen.
Kein schöner Gedanke.

In der Backstube war es warm, es roch süß, doch nicht nach süßem Blut, denn Blut schmeckt nach Eisen. Jeder weiß das. Dafür muss man nicht im Knast gewesen sein.

Vor drei Jahren ist mein dritter Bruder Malik verhaftet worden. Ihm droht die Todesstrafe. Der erste Rechtsanwalt verschwand spurlos. Vielleicht im Gefängnis, vielleicht auch unter der Erde. Der zweite Rechtsanwalt war falsch, der dritte sehr teuer. Das muss man verstehen, er lebt gefährlich. Wir bezahlen illegal. Wir, das sind die Eltern, meine kleine Schwester Mehrin, ich. Natürlich noch die anderen Verwandten. Einige leben in den Dörfern rund um Mahabad, andere sind ausgewandert, in den Irak, nach England. Wir halten zusammen, aber es ist ökonomisch schwer. Ich habe Wirtschaften studiert, Buchhaltung, um dem Vater im Betrieb zu helfen, um zu wissen, wie man es macht mit dem Geld. Geld als Hilfe für die Brüder, für die Backstube, für meine jüngste Schwester. Sie soll lernen und auf eigenen Beinen stehen. Geld regiert die Welt. Das ist schon wieder kein schöner Gedanke. Ein alter Gedanke, aber kein schöner. Ich wollte von Herrschaft nicht so viel wissen. Denn sie macht, dass unsere Welt zerfällt. Ich wollte lieber wissen, was die Welt zusammenhält.

Ich wurde Student der Philosophie in Urmia. Unter unseren Professoren waren viele fromme. Leider. Scheuklappen vor den Augen, lange Bärte und geballte Lappen auf dem Kopf. Ist egal, was einer auf dem Kopf hat, ob er die Lappen trägt oder den Irokesen oder Bubi oder Glatze. Gute Meister kann man an der Kopfbedeckung nicht erkennen, und bei uns gab es die auch. Sie lehrten uns, Kant und Marx und Nietzsche zu lesen. Ihr seid das Land der Dichter und Denker, sind Denken und Dichten Gegensätze? Ich meine, die Vernunft ist herzlich. Himmelblau. Und die blaue Farbe unseres Planeten kommt nicht nur vom Wetter und von der besonderen Zusammensetzung vieler Elemente. Die Himmelsfarbe schützt uns vor dem schlechten Blick, und unsere Erde leuchtet blau von all der herzlichen Vernunft der vielen großen Geister.

Denk mal an Sokrates, Diogenes, Erasmus, Galileo Galilei und Voltaire und an Camus, das alles waren helle Köpfe. Hast du Die Pest gelesen? Es ging um die vom Feind der Pest besetzte Stadt. Alltag im Zustand der Belagerung. Für Camus in Frankreich waren damals nicht die Deutschen eine Pest, sondern die Nazis. Auch viele heutige Iraner, Iraker und Türken sind für Kurden keine Pest. Sie können Freunde sein im Kampf gegen Tyrannei.

Wir haben gut und gern studiert, wir haben an der Universität Urmia viel diskutiert. Über Vergangenheit und Gegenwart, über die Politik heute und hier. Ich bin in Berlin, mit „hier“ meine ich also dort, die Logik hat Launen, ich meine, wir diskutierten damals dort die Politik von uns Wilden in dem Gebiet, das ihr hier den Nahen Osten nennt.

Wie nah ist ein Land, und wie weit. Was sind Kurden? Immer wechseln die Behauptungen. Jetzt sind sie Freiheitskämpfer, und jetzt sind sie wieder Terroristen. Sie streiten gegen den IS und werden unterstützt von der Gemeinschaft aller anderen. Sie fordern Recht auf eigenes Land und eigene Kultur, sie bekommen als Antwort den Hagel von Bomben.
Da werden Fragen wach und wandern. Fragen ziehen leise weite Kreise. Meine Freunde waren helle Köpfe.
Leider war der Geheimdienst schlauer als wir. Nicht hell, aber schlau.

An einem Abend rief mich mein Vater an, ich rauchte gerade langsam eine gute Shisha im Café. Die Polizei war zu Hause gewesen. Meine Freunde waren verhaftet worden. Mein Vater sagte mir, bleib weg von uns, die dir nicht helfen können.

Ich sprang aus dem Café, warf mein Telefon fort. Ich rannte zu meinem Auto. Ich stürmte zu den Verwandten im nächsten Dorf. Die brausten den Wagen zurück in die Stadt. Stellten ihn ab, irgendwo. Jeder kann bezeugen, da steht ein Wagen auf Husseins Namen. Die Verwandten kehrten im Bus zurück in ihr Dorf. Oder auf einem Besen. Oder auf einem Blitz.

Im Abendland weiß man, die Morgenländer sind Märchenerzähler. Orientalen schrammen an der Wahrheit knapp vorbei und reden in bunten Girlanden.

Meine Verwandten und deren Freunde und dann wieder deren Verwandte waren wie eine Girlande für mich. So glitt ich weiter von Dorf zu Dorf. Es war keine bunte Reise. Staub, Enge und Angst. Dann wieder viel Springen und Rennen und Stürmen. Ich war eine Schmuggelware geworden, kam über die Grenze, in den Irak. Von dort aus wollte ich nach England. In London wohnt ein Onkel mit Familie.

Was willst du wissen? Es gab zu Hause keinen Streit zwischen Vater und mir. Wir sprachen wenig über Politik. Er wünschte von den Kindern, dass sie aufpassen und wachsam sind. Er wünschte sie lebendig. Er hatte den Schah erlebt, seine Gewalt. Aber er fürchtete noch mehr die neuen frommen Tyrannen. Das hat er mir gesagt, als Warnung. Aber er wollte mich nicht einsperren. Er hätte mich gern bei den Briten gesehen, bei den Verwandten dort. Ich war im Bus unterwegs, zu Fuß, die Richtung England war klar. Sage nichts gegen das Wandern auf Schusters Pferden, auf eigenen Füßen. Erzähle mir nichts vom Ärmelkanal, der England vom Kontinent trennt. Wenn euer Jesus oder unser Isa übers Wasser wandern konnten, warum nicht auch ein Hossein? In Märchen geht alles. Ich bin leider keins. So gern hätte ich meinem Vater ein Bild geschickt, von mir dort bei den Briten. Vielleicht ein Bild, auf dem ich vor dem Buckingham-Palast der Queen zuwinke? Doch ich war erst in Deutschland. Da gab es in Paris den Anschlag auf die Zeitung, Charlie, alle sind Charlie, niemand ist Nazim, egal. Die Grenzen wurden verriegelt. Ich konnte frei entscheiden: Entweder gebe ich meinen Fingerabdruck und hoffe auf die Duldung. Oder ich falle fort.
Du fragst mich, was das heißt? Ich weiß es nicht. Egal.

Aber so blieb ich in Berlin bis jetzt. So gibt es jetzt hier unter vielen Husseins und Hosseins noch einen weiteren. Vielleicht hat das seine guten Seiten. Denk mal, Müller oder Muhler, Meier mit ai und y und Hintsch und Hinz und Kunz und Conz, das wird ja auch mal fade. Vielleicht kann ich mich demnächst Husch nennen. Aber das passt für Leute aus dem Clan der Schnecken weniger.
Ich weiß nicht: Gab es einen Nawin? Wie lange gibt es noch Youssef und Malik?

Die Polizei in Mahabad besuchte meinen Vater. Sie kamen zu dritt. Sie sahen sich ein wenig um. Sie sagten: Wenn Ihr Sohn Hossein sich meldet, sagen Sie, er soll nach Hause kommen. Es wird keine Strafe geben.
Und eins und eins sind drei, und die Erde ist eine Scheibe, und Eva ist aus dem Adam gekommen statt umgekehrt.

Ich telefoniere selten mit Zuhaus. Der iranische Geheimdienst kontrolliert bis heute, was mein Vater mit mir spricht. Unsere Smartphones sind Fallen. Wir wollen Sprachen finden, die sie nicht verstehen. Schöne Sprachen, unerhörte Sprachen, Sprachen wie vom tauben Papageien, wenn er in seinen Träumen Lerchenstrophen singt.
Aber der schreit, für unsere Ohren jedenfalls.
Aber du weißt, die Papageienfrau hört das ein bisschen anders.
Warum willst du ein Bild von meinem Vater sehen?
Mein Smartphone ist leider fast leer, es ist noch neu.

Auf dem alten waren viele Bilder von uns, von meinen Eltern und Geschwistern, von Freunden, auch welche vom kleinen Hossein. Er steht auf einem Stuhl. Das Küchentuch reicht ihm vom Hals bis zu den Schuhen. Er rührt in einer großen Schüssel. Auf seiner Schulter Vaters Hand.
Egal. Alles gedichtet, alles Girlanden.
Auf dem neuen Smartphone gibt es nur ein Bild von meinem Vater. Es wurde nach meiner Flucht gemacht, als er auch mich vermisste. Hier siehst du, er ist sehr alt geworden. Das ist, weil ihm jetzt alle seine Söhne fehlen. Was fehlt denn dir? Du kennst ihn nicht. Oder warst du jemals im Iran? Na also. Vielleicht erinnert er dich an einen andern Menschen. An einen anderen traurigen Alten.

Ich möchte an Schönes denken. Da ist ein Bild von Mehrin. Meine kleine Schwester wohnt noch bei den Eltern. Sie lernt Krankenschwester, und danach will sie studieren.
Du sagst, sie ist so schön wie eine Bergblume?
Das stimmt.
Aber ihr Name bedeutet Morgensonne. Oder Sonnenaufgang.

Mein altes Smartphone ist gestohlen worden, gleich zu Anfang in Berlin. Ich lebte vierzehn Monate in einer Turnhalle. Auch das kann einen hellen Kopf manchmal zu einem Dummkopf machen. Immerhin war diese Turnhalle ein hohler Raum und kein Massiv, sonst hätten wir doch höchstens auf dem Dach noch Platz gefunden. Man hätte uns stapeln müssen wie leere Eimer. Gut, dass Häuser innen hohl sind. So waren wir nur wie Fische gedrängt in der Dose.

Ein Raubfisch hat sich mein Smartphone geschnappt. Mit all meinen Erinnerungen. Ich habe Zettel angeschlagen, habe Belohnung versprochen. So viel Geld, wie ein ganz neues Smartphone kostet. Ich bin sogar zur Polizei gegangen. Keine leichte Übung. Uniformen machen aus den Menschen keine Bergblumen. Uniformen wachsen Menschen vielmehr ins Gesicht, bis man es nicht mehr sieht.
Mein Smartphone wurde leider nicht gefunden. Da bleibt nur, sich zu sagen: Ausländer sind Scheiße.
Scheiße gehört zu den ersten Wörtern, die man hier lernt. Alles klar, alles gut, no prob, sehr gern, das waren andere erste Wörter.

Da spricht doch der Orientale ganz anders. Der redet mehr blumig, so wie die Blume vom Berg, mehr indisch, diese Richtung, beim Orientalen ist alles ein bisschen die launische Logik. Es war einmal die Suche von Columbus nach dem Seeweg Richtung Osten, Süden, Richtung Indien. Seit dieser Zeit sind wir im Nahen Osten für euch wie die wilden Indianer. Denk mal an Karl May. Weißer Mann viel gut. Muss Rothaut Frieden machen. Winnetou ist ein Christ, leb wohl.

Hier und heute in Berlin kann ich sie alle anbeten, Manitu, Allah, Jahwe, Jesus, eine heilige Taube, einen tauben Papageien, einen mächtigen Keks, das alles ist no prob. Ich brauche keinen Gott.

Aber sehr gerne würde ich nochmal in Mahabad bei der Familie sein. Hier in Berlin haben all meine Verwandten da und dort nur einen einzigen Namen, und der heißt Heimweh.

Wenn mein Vater lächelte, bekam er Grübchen. Sein Schnurrbart konnte hüpfen, sagt man so?

Was fehlt denn dir? Ich fürchte, mein Vater wird nicht sehr alt. Wir sprachen, glaube ich, niemals von Lebewohl. Oder von Sterbewohl. Oder von Religion und Jenseitsglaube. Wir sprachen vom Wissen.
Er hatte große Kenntnisse in seinem Fach.
Ich stelle mir gern Schönes vor.
Hier ist also das Rezept von seiner besten eignen Kreation, sie heißt auf kurdisch xevnar sirin. Auf Deutsch in etwa „süßer Traum“. Kannst du gern mitschreiben:

Dies ist die Kunst, einen Kuchen wachsen zu machen, dass er von einem Tag auf den andern das Dach eines Hauses hebt. Zum Ersten binde ein Küchentuch um, das dir vom Hals bis zu den Füßen reicht. Zum Zweiten versieh dich mit vier auf dem Ofen gedörrten Datteln, jede zwei Spannen lang, gut einen Daumen dick und mittig geschlitzt, doch nimm ihnen nicht ihre Steine. Zum Dritten verpflocke elf fein zerriebene und zum Hügel gehäufte Kokosnüsse des Nachts zwischen zwölf und eins mit besagten Datteln, indem du jede von ihnen drei Schuh von der Mitte des Kokoshügels entfernt in den Boden treibst, jede in einer anderen Himmelsrichtung, beginnend bei Mitternacht und im Abend endend. Zum Fünften gib deinem werdenden Kuchen Hefe, Honig, Rosenöl, auch gestoßene Mandeln, Zimt, Sesam und Salz bei. Siebtens und letztens, nachdem du dies alles singend verrichtet hast, sollst du den Kuchen neunmal umschreiten und sprechen, was ich dir sage. Atte katte nuva, atte katte nuga, e missa, gü müsu, dolymutago. Hexokolimyse yota!

Du hast mich unterbrochen. Der Spruch war noch nicht fertig! Was? Es fehlen im Rezept die Punkte vier und sechs? Jetzt weiß ich, warum mir der Kuchen bisher nicht gelang. Hossein, der süße, dumme jüngste Sohn. Das Hänschenklein. Der Jüngste hatte Glück. Er schmachtet nicht im Verlies bei Tyrannen, er zieht in die Welt hinaus. Doch zu Hause grämen sich die Eltern. Da besinnt sich das Kind, kehrt nach Haus geschwind.
Schön wäre es, den Vater noch einmal zu sehen. Es muss der Ort nicht die Backstube sein.

Wir könnten uns auch treffen bei Diogenes, dem Philosophen. Im kleinen Schatten seiner großen Tonne würden mein Vater und ich ausruhen, wir würden geruhsam Wasserpfeife rauchen. Konditor ist nicht mein erster Berufswunsch.
Bis in eine Backstube bin ich hier in Berlin noch nicht gekommen.

Legale Arbeit ist illegal. Wir Scheißausländer nehmen Deutschen einerseits die Arbeit, weil wir illegal schuften. Für ein paar Glasperlen und für den Gotteslohn der Kirche räumen wir den Müll weg und waschen die Alten. Andererseits sind wir Scheißausländer Schuld daran, dass die Deutschen sich unter den Steuern krümmen, um uns zu hätscheln. Auch mit zwei Jobs kommen sie kaum ans Monatsende. Nicht die Konzerne tragen die Verantwortung für Scheißbedingungen. Für die Konzerne ist es besser, wenn scheißkleine Leute als Rivalen gegeneinander arbeiten. Das ist vielleicht logisch, doch Logik ist überall launisch.

Also habe ich kaum Hoffnung, eines Tages wenigstens einmal in einer Brotfabrik zu arbeiten. Und die Maschinen zu bedienen, die mit ihren Füßen Teig treten. Doch unverhofft fand sich ein Job. Als Aushilfe, vorläufig.

Denn es hat der Freund von einem Bekannten aufgehorcht, als ich von meinem Vater sprach, von dem Konditor. Der Freund kennt jemanden, der einen kennt, der arbeitet bei Müller oder Moller. Ist egal. Großer Betrieb. Gut unübersichtlich. Wir schweißen alles ein, Geschirr und Spielzeug, Bücher, Lebensmittel. Auch Tiere werden eingeschweißt, doch ich selbst würde nie Papageien oder Tauben oder Lerchen einschweißen. Überhaupt nichts Lebendiges. Sie beschäftigen mich beim Brot. Weil doch mein Vater ein Konditor ist. Sie sagen, berufsnahe Arbeit. Das Brot heißt Pumpernickel, ich habe im Smartphone eine Erklärung gefunden. Schwarzes Brot war früher für die Armen. Der Pumpernickel ist ein grober Mann vom Land, ein Bauerntöffel und Furzkerl. Wikipedia in seiner Weisheit deutet an, ein Nickel ist vielleicht ein kleiner Nikolaus. Ein Kobold vielleicht, so wie der Rumpelstilz. Eure alten Geschichten und Namen sind lustig wie unsre.

Aber Rumpelstilz war nicht lustig. Was macht es, dass die Welt zerfällt? Warum muss sich der kleine Mann entzweireißen am Ende der Geschichte? Ich selbst möchte das nicht, wenn ich in die Zukunft denke, ans Ende.

Ich möchte lieber mich zusammensetzen aus allen Farben der Erde. Aus der herzlichen Vernunft von Philosophen und Fischern, Müllern und Meiern, Bäckern und Bauern, Konditoren und Klempnern. Ob sie nun Hinze heißen oder Hossein oder auch Husch.