Hammoudy 7/8

Katerina Poladjan

 

Ich kann von Gemüse erzählen.
Die Mutter macht vorsichtig die Blätter ab,
dann wird es gekocht und mit Fleisch gefüllt,
mit Reis vielleicht.
Gemüse hat viele Farben.
Kennst du die weißen Beeren?
Niemand hier kennt diese weißen Beeren,
die aussehen wie weiße Himbeeren.
Die gibt es nur in Syrien.
Vielleicht
werde ich später vom Dach fallen.

Einige Namen der Bäume hier kenne ich.
Ich kann mit Kastanien nichts anfangen,
Birken sind mir fremd.
Bei uns gibt es solche Bäume nicht – bei uns
wachsen Satellitenschüsseln auf den Dächern.
Ich liebe es, auf einem Dach zu sitzen und
eine Zigarette zu rauchen – das ist das Beste.
Ich hole ein Foto aus meinem Beutel.

Auf dem Stoffbeutel steht: CDU.
Auf dem Foto ist das Dach eines Hauses zu sehen.
Es ist unscharf.
Dort ist meine Schule.
Rechts ist der Wasserturm.
Links weht die UN-Flagge,
weht die syrische Flagge,
weht die palästinensische Flagge.
Die UN-Leute waren nett und sie taten ihre Arbeit.
Das sind meine Freunde.
Mein bester Freund heißt Mohammed
und mein anderer bester Freund heißt auch Mohammed.
Alle meine Freunde heißen Mohammed,
wie ich.
Der beste Mohammed der Welt musste zur Armee.
Vielleicht
lebt er noch.
Ich war viel auf dem Dach.
Wir haben Fußball gespielt auf dem Dach.
Manchmal, wenn es wichtige Spiele gab,
wurde der Fernseher aufgestellt.
Dann saßen wir zusammen, und wir haben uns das Spiel angesehen.

Auf dem Schulhof in Aleppo kämpfen die Kinder. Wie oft ist er verprügelt worden? Aber das ist normal, sterben tut man anders. Einmal, in der großen Pause, ist ein Hubschrauber in den Schulhof gestürzt.

Wir sind also auf dem Dach.
Und es ist ein wichtiges Spiel.
Katzen trinken gezuckerte Milch.
Jemand bekommt einen Windstoß ins Genick.
Eine Schirmmütze
segelt
vom Dach.
Das Licht in Berlin ist ein anderes.
Kein schlechtes Licht, aber anders.
Fahre ich nachts mit dem Bus, leuchtet alles.
Vielleicht
kann man nicht alles
auf Deutsch
sagen.
Manchmal träume ich auf Deutsch.
Dann wache ich auf und erschrecke
vor mir.
Das bin ich,
das bin ich,
das bin ich.

Ich habe einen Vater.
Seit zwei Jahren habe ich ihn nicht gesehen.
Ich kann mich kaum an sein Gesicht erinnern.
Immer will ich mit ihm sprechen, aber
wenn er mit mir spricht, kann
er nichts sagen, weil
er weinen muss.
Ich frage ihn nicht,
wann kommst du.
Ich frage ihn,
wie geht es dir?
Und er antwortet nicht,
er fragt,
wie geht es dir?
Gut, sage ich, eigentlich sehr gut.
Mein Vater heißt Arafat – wie Jassir Arafat, der Held.
Meine Mutter vermisst Arafat.
Die Handys funktionieren nicht immer.
Das ist eine Katastrophe.

Zwölf Stunden im Taxi bis zur türkischen Grenze. So lange hat es gedauert. Alle waren still. Sogar die Kinder waren still. Er erinnert sich an die Augen des Fahrers im Spiegel. Ein Soldat trat ans Auto. Man konnte sein Gewehr sehen. Der Onkel sollte aussteigen. Sag eine Sure aus dem Koran, befahl der Soldat. Die Tante presste die Stirn an die Scheibe.

Auf dem Dach kaputte Stühle und kaputte Tische.
Ich liebe kaputte Möbel.
Da links beginnt die Autobahn Richtung Damaskus.
Bahngleise, ein blauer Himmel und vier weiße Autos.
Sand, gekalkter Beton,
alles flüssig geworden unter der falschen Belichtung.
Ich war zehn und bei den Gleisen wartete ich auf Mohammed
und es war langweilig
und ich habe den großen Stein auf das Gleis gelegt,
wollte sehen, was passiert.
Dann kam der Schnellzug, und der Stein
sprang in mein Gesicht.
Ich war blutüberströmt.
Das Blut floss in mein Ohr.
Und ein Mann rief:
Bist du der Sohn von Arafat?
Ja, ich bin, sagte ich,
ich bin.
Ich bin.
Vielleicht
denke ich zu wenig nach.
Ich interessiere mich für Turnschuhe.
Von Nike.
Ich habe fünf Paar Turnschuhe.
Mit den Fingerkuppen streiche ich zart über die Sohle.
Vielleicht
denke ich zu viel nach.
Ich kann von Tauben erzählen.
Auf dem Dach hatte mein Vater hundert Tauben.
Er liebt Vögel.
Sie kamen immer zurück.
Vielleicht weil sie dumm sind.
Mein Vater
pflegt seine Mutter,
und weil er sie pflegt,
kann er nicht bei uns sein.
Und mittags ist der Himmel voller Tauben.
Im Sommer ist es heiß.
Kalt wird es selten in Aleppo.
Schnee gibt es keinen.
Im November kommt der Regen.
Die Tauben verkriechen sich.

Eine Grenze. Ein Zaun. Hundegebell. Eine andere Grenze. Viel Wald. Sie sind allein durch den Wald gelaufen. Sie haben in einer Moschee geschlafen. Es hat geregnet und es schien die Sonne. Ihre Kleider stanken. Seinen Körper hat er nicht gespürt. Er erinnert sich nur an seine Gedanken, aber nicht an seinen Körper. Und vielleicht ist es genau umgekehrt.

Ich kann von Fußball erzählen.
Als Kind mochte ich Real Madrid.
Bayern München mag ich auch.
Wir nennen die deutsche Mannschaft
die deutsche Maschine.
Ich kann von Mädchen erzählen.
Ein Mädchen, das ich mag,
trägt das Haar bis zu den Knien.

Meine Mutter und meine Schwester
tragen Kopftuch.
Mir ist das egal.
Ich warte auf die richtige Frau.
Einmal wird sie mich warten lassen.
Ganze fünf Zigaretten lang. Bei der sechsten
werde ich sie sehen.
Sie kommt langsam auf mich zu und lächelt.
Nie werde ich dich verlassen.
Fairuz singt:
Shayef el Bahr – Siehst du,
wie groß das Meer ist? Ich liebe dich
so, wie das Meer groß ist.
Siehst du,
wie weit der Himmel ist? Ich liebe dich
so, wie der Himmel weit ist.“

Manchmal sitze ich nachts im Bus
und höre dieses Lied.
Davon kann ich erzählen.
Ich kann vom Meer erzählen.
Ein Lastwagen, ein leerer Strand.
Kein Mensch,
keine Soldaten.
Nur das Meer.
Einfach auf die andere Seite.
Es geht schnell.
Das Wasser ist schwarz.

Und wieder habe ich das Schwimmen nicht gelernt,
denn wieder hat es den ganzen Sommer geregnet.