Beirut (Du sagst, wir nennen es Asphalt)

Senthuran Varatharajah

 

Baba, es regnet.

Baba, erinnerst du dich an den Umfang der Sonne? Baba, erinnerst du dich an ihren Stand, als sie kurze Schatten auf unsere Straße warf? Baba, erinnerst du dich? Baba. Ich erinnere mich an deine Stimme, als du mich gerufen hast. Baba. Hast du mich gesehen? Baba, hinter unserem Auto habe ich auf dich gewartet. Baba, hörst du den Regen wie er auf die Scheibe fällt, hörst du das gleichmäßige Trommeln auf dem Dach, Baba, hörst du es, über uns? Baba. Wo sind wir?

Baba, sag mir, wie die Berge heißen.

Baba, der Himmel ist niedrig. Baba, kannst du ihn mit deinen Händen berühren? Baba, bring ihn zu mir. Baba, ich möchte einen Körper teilen. Baba, kannst du mich im Rückspiegel sehen? Baba, ich sitze hinter dir mit fast geschlossenen Augen. Baba, wusstest du, dass dieses Auto schwarz sein wird wie diese Nacht, als du es letztes Jahr mit Ami gekauft hast? Baba, wusstest du, dass man uns auf dieser Straße, in ihren Biegungen und auf ihren Schlaglöchern nicht sehen wird? Baba. Wir sind diese Nacht. Baba. Ich weiß, dass du es wusstest. Baba, das Fernlicht bleibt im Nebel hängen. Baba, er ist vor uns. Baba. Wie lange fahren wir noch?

Baba, sieh mich an.

Baba, ich sehe dich.

Baba, ich sehe dich durch den kleinen Spalt, den meine Lider bilden. Baba, warum sagst du nichts? Baba, riechst du den Hunger durch unsere geschlossenen Münder, Baba, kannst du ihn riechen? Baba, kannst du etwas durch den Regen sehen, die Felder, von denen du uns erzählt hast, einen Fluss, der ansteigen wird wie Angst, die Berge, die namenlosen Berge, Steine, Geduld? Baba. Brich mir den Rücken. Baba, ich möchte telefonieren. Baba, ich möchte Jedo und Tete anrufen. Baba, ich möchte ihre Stimmen hören. Baba, ich möchte, dass sie hier sind. Baba. Warum sind sie nicht hier? Baba, warum? Baba, warum liebst du Assad nicht? Baba, ich liebe, ich liebe, ich liebe –

Baba.

Ich sehe nichts.

Der Geruch der Straße, ihr Geräusch. Diese Straße riecht anders. Sie klingt anders. Du sagst, wir nennen es Asphalt. Ich höre ihn durch das Fenster, durch diese Lücke, die so breit ist wie ein Finger, ich höre ihn unter den Reifen. Ich will meine Hand gegen den Wind halten, ich will, dass sie die Luft durchschneidet wie ein stumpfes Messer, ich will seine Abdrücke sehen auf dieser Haut, wie er an ihr zieht, wie er sie formt, wie er seine Spuren hinterlässt. Ich will es sehen. Ich falte meine Hände mit falsch verzahnten Fingern. Der Geruch der Straße. Ihr Geräusch. Du sagst, wir nennen es Asphalt, und ich habe es gesagt, als du mit diesem Auto, dem BMW, gekommen warst, nach der Arbeit, unsere Straße, Damaskus, diese Sonne, ihr Stand, ihr Umfang über uns, Stimmen, diese Stimmen aus einem Fenster, aus den Läden, ich höre sie, ich kann sie sehen, nicht das, was vor uns liegt, Baba, was liegt vor uns, im Nebel, hinter dem Nebel, ist es Nebel, der vor uns liegt, Baba, fahren wir durch ihn, Baba, wo fahren wir hin? Baba. Sag es mir. Du bist so still, Baba. Baba. Wo ist deine Stimme? Links wohnen Ami und Amti, rechts wohnen Jedo und Tete. Links wohnten Ami und Amti, rechts wohnten Jedo und Tete. Baba? Wo wohnen wir? Baba, wo werden wir jetzt bleiben?

Der Geruch der Straße.

Ihr Geräusch.

Du legst eine CD ein.

Ich lege meinen Kopf ans Fenster, ans Glas, und es ist glatter und kühler als in meiner Vorstellung. Ich sehe wieder den Regen, ich höre ihn, wie er fällt, ich sehe den Riss am Horizont, diese gebrochene, entfernte Linie, Bergspitzen, diese Konturen, die sich vom Himmel abheben, sie sind schwarz. Meine Schläfe. Sie wird einen Abdruck in der Beschlagung hinterlassen, einen Kreis, so groß wie eine Münze. Ich schließe meine Augen. Baba, ich weiß nicht, ob ich dir davon erzählt habe, von diesem Geräusch, das leer klang, leerer, als ich es erwartet hatte, es kam, Baba, es kam, es kam, ich weiß nicht, woher es gekommen war. Ich war in der Schule. Es war an einem Dienstag, ich weiß es, als wäre es gestern gewesen, aber es war nicht gestern, es war nicht gestern, als du vor dem Fenster standest und ich die Form deines Rückens sehen konnte, diese gebrochene, entfernte Linie, die an deinen Schultern beginnt, und die dort abfällt. Baba, wo war der Strom? Wir saßen im Wohnzimmer. Ich hatte Teelichter aus der Kommode geholt, dort, wo sie liegen, übereinandergestapelt, vier übereinander, sechs in einer Reihe, im zweiten Fach, links, unten, dort, wo wir immer Licht geholt haben, wenn der Strom ausfiel. Es war das zwölfte Mal, das zwölfte Mal in dieser Woche. Die ganze Stadt war dunkel. Ich habe nicht gezählt, aber du hast es gesagt, diese Zahl, gegen das Glas, das glatt war und vielleicht kühl, das war alles, Baba, das war alles, was du gesagt hast, Baba. Ich lege einen Finger ins Wachs. Er ist weiß und wärmer. Eine Pfütze. Wir saßen im Wohnzimmer, und ich wusste noch nicht, dass du namenlos sein wirst, an diesem Abend, gestern, gestern, aber es war nicht gestern, Baba, es war nicht gestern, als du vor dem Fenster, vor diesem Fenster standest, namenlos wie ein Berg, wie ein Stein, wie Geduld, du warst stumm wie sie. Aber das war gestern, Baba, es war ein anderer Tag, ein anderer Morgen, ein anderer Abend, eine andere Nacht, es war gestern, als wir mit Ami und Amti, mit Jedo und Tete im Wohnzimmer saßen, es war gestern, als Mama keinen Tee aufsetzen konnte, aber das war gestern, war es gestern, Baba? Baba. Wie lange fahren wir noch?

Baba, wie weit ist ein Morgen?

Baba. Wann warst du das letzte Mal im Libanon? Baba, wie lange ist es her? Baba. Das Glas ist kalt. Ich spüre es an meiner Schläfe, die unebene Straße, diese Geschwindigkeit. Wie weit gestern zurückliegt. Baba. Wie weit fahren wir noch? Wie zwei Hände, wie zwei Handflächen, die gegeneinanderschlagen, einmal, ein lautes plötzliches Klatschen, so klang es, so klang dieses Geräusch, es kam, ich weiß, ich weiß nicht, woher es gekommen war. Es klang wie ein lautes Klatschen oder so, als hätte jemand etwas fallen lassen, einen leeren Körper aus einer Höhe. Es klang wie dieser Körper. Es klang wie ein Kran, der einen Container ohne Inhalt fallen lässt. Es klang wie Stahl. Ich weiß nicht, wie ein leerer Container klingen würden, aber an ihn, an ihn und an zwei Hände, an zwei Handflächen und an diesen leeren Container denke ich, wenn ich es beschreiben müsste, dieses Geräusch, aber dir muss ich es nicht beschreiben, Baba, du kennst es. Du kennst es, du kennst dieses Geräusch. Du hast es gehört. Baba. Ich wollte mich unter dem Tisch verstecken. Ich wusste noch nicht, was es war. Ich wusste noch nicht, dass Bomben so klingen würden, wie zwei leere Hände, wie zwei Handflächen, die gegeneinanderschlagen, wie ein Kran, der einen leeren Container aus einer unbstimmten Höhe fallen lässt, wie ein Holraum aus Stahl, der auf Asphalt trifft, wie das Fallenlassende, das Fallende und dieser Fall, wie dieses Fallen, ich wusste es nicht, bis zu diesem Augenblick, aber ich wusste, ich werde es wissen, und ich wusste es. Baba, ich weiß es. Baba. Ich weiß nicht, ob ich dir davon erzählt habe.

Baba.

Schläft Mama?

Baba.

Es regnet.

Baba.

War das Syrien?

Baba.

Die Lichter, als wir uns näherten.

Baba.

Die Lichter, als wir gingen.

Baba.

Der Lauf.

Aus dem Nichts.

Baba. Und es gibt Dinge, die wir auch im Dunkeln nicht sagen. Hinter dem Auto habe ich auf dich gewartet, Baba. Baba. Assads Augen lagen auf mir. Baba, sie haben mich unter dem Tisch gefunden. Baba. Sie sehen anders aus als deine. Baba. Sie haben dieselbe Farbe. Baba. Ich sehe sie durch den Rückspiegel, aber du, du siehst mich nicht. Ich drücke mein Knie gegen deinen Sitz, aber du, du siehst mich nicht, Baba, du glaubst, ich würde schlafen. Baba. Ich schlafe auch. Ich möchte schlafen, bis wir angekommen sind, bis wir ankommen werden, falls wir ankommen sollten, Libanon, sagst du, Beirut, hast du gesagt. Baba. Hast du es gesagt? Ich habe diese Namen in deiner Stimme gehört, aus deinem Mund, sie kamen aus dieser Öffnung, sie kamen aus den beiden Linien, die du zusammenpresst. Baba. Ich sehe dich. Baba. Dein Mund ist eine Sonne, er ist so dunkel wie sie. Baba. Ich erinnere mich nicht. Ich erinnere mich nicht, ob du diese Namen gegen das Glas gesprochen hast, aber du hast sie gesagt.

Du machst die Musik lauter.

Meine Kopfhörer liegen in meiner linken Hosentasche.

Die Jogginghose ist grau.

Baba. Das Licht. Hinter uns liegt Damaskus. Hinter uns liegt unsere Straße, diese Sonne, ihr Stand, ihr Umfang, Stimmen, diese Stimmen aus Fenstern, aus Läden, ich höre sie, ich kann sie sehen, wir haben sie hinter uns gelassen. Links wohnen Ami und Amti, rechts wohnen Jedo und Tete. Wir haben in der Mitte gewohnt. Baba. Durch diese Nacht sind wir gekommen. Durch diese Nacht kommen wir. Meine Schläfe. Glas. Du bist langsamer gefahren, du bist langsamer gefahren, als es näherkam, als wir näherkamen, du hältst an. Es war keine Tankstelle. Ich habe Münder aus dem Fenster gesehen, sie kamen aus dem Nichts, kleine Öffnungen, so groß wie eine Münze, so groß wie ein Auge, so dunkel wie deine, wie die von ihm, kleine schwarze Münder, schwarze Sonnen, vier Männer haben sie um ihre Schultern getragen, sie hatten dieselbe Farbe. Baba. Ich habe sie gezählt. Baba. Fahr los. Baba. Warum fährst du nicht? Baba. Warum sprichst du so langsam, Baba, warum so leise? Baba. Wir sind diese Nacht. Vergiss das nicht. Wenn du sagst, wir werden zurückkommen, dann werden wir zurückkommen. Ich drücke meine Knie gegen den Sitz.

Der Geruch der Straße

Ihr Geräusch.

Baba, in welche Richtung ziehen Wolken?

Baba, wie lange fahren wir noch?