Der Hase und die Furcht

Sabine Peters

 

Erfan packte die Tasche so wie immer, wenns zum Jobben ging. Seine Kamera, eine Nikon-Spiegelreflex, war ganz neu. Geschenk vom Chef. Der hatte die übrigen Sachen im Auto, noch mehr Kameras, Halogenlampen, Reflektoren, Kabel, Akkus, Stativ undsoweiter. Der Chef war ein freundlicher Mann. Er war in letzter Zeit noch freundlicher geworden.

Vielleicht lags daran, dass er seinen Sohn vermisste. Der hatte, hieß es, als/wie ein Löwe zu Ehren des iranischen Vaterlandes gekämpft und war zum Märtyrer geworden. Ein Land war stolz, ein Vater traurig. Länder bestanden aus Erde und Steinen, Väter aus anderen Sachen. Der Chef hätte vermutlich gerne einen Sohn gehabt, der sich als Hase in der Furche duckte und lebte, lebte.

Erfan mümmelte an einem Rest vom trocknen Fladenbrot. Seit Tagen fühlte er sich etwas matt, aber jetzt war nicht die Zeit, zu trödeln. Er zog Hoodie und Jogginghose aus, nahm saubere Jeans, ein weißes T-Shirt, das gute Jackett. Das war seine Uniform als Aushilfsfotograf bei Hochzeiten. Er sprang als Lakai vor den Königen, vor den Kunden. Er tat, was immer sich die Brautpaare wünschten. Man konnte froh sein, dass es in Zeiten permanenter Selfies noch Leute gab, die einen Hochzeitsfotografen orderten. Und dass es überhaupt noch private Hochzeiten gab. Viele Studentenpaare feierten billig im Amphitheater an der Uni Teheran, fünfhundert Leute wurden gleich in einem Rutsch getraut. Er verstand sie, war schließlich selbst nicht reich.

Sein Chef war sehr gut. Ein Fotograf, Freigeist und Hexer. Der konnte draußen die Sonne anzünden, wenn wieder Smog über Teheran und Umgebung lag. Der schnipste mit den Fingern, und schon war der Himmel blau, geschmückt mit Schäfchenwolken. Der Chef war auch ein Organisationstalent. Der zauberte einmal sogar die alte Polaroid herbei. Die Sofortbildkamera aus den Achtzigern. Wie sollte Erfan als Jahrgang ’98 denn wissen, was das war? Die Brautleute waren digital natives wie er. Aber spät abends fiel ihnen ein, wie geil doch Retro ist. Da hätten sie auch gleich einen Steinmetz bestellen können und sich in Alabaster schlagen lassen. Die alte Polaroid, der zweifelhafte Charme von verwackelten Bildern. Der Chef kam damals direkt vom Himmel gesegelt und packte den Faustkeil aus. Bei dieser Hochzeit hatte er sich auch ganz nebenbei als Heiratsvermittler betätigt. Rückte die fette Brautcousine in das rechte Licht, und klick. Gab die Fotos an den bekifften Großneffen vom Bruder der Bräutigamstante weiter. Oder so ähnlich. Wer blickt schon bei Verwandtschaft durch? Der rotäugige Jüngling vertiefte sich in die Bilder. Siehe da, Abrakadabra, schon sah er eine göttliche Prinzessin in dem fetten Weibsstück.

Der Chef war ein Fantast, ein Philosoph, er lobte Mohammed und Buddha, Jesus und Maria. In einem Atemzug sprach er von Brot und Wein! Und er hatte ein Herz für Witwen und Waisen. Ein Herz vor allem für Erfans Mutter, sonst hätte er ihm, Erfan, wohl nicht den Job gegeben. Die Mutter war schon lange Witwe, Näherin in Heimarbeit. Flickte viele Kissenrisse, schneiderte selten Hochzeitskleider. Davon konnten sie und der Sohn und zwei Töchter nicht leben. Erfan jobbte hier und da, hoffte auf eine Ausbildung zum Fotografen. Oder er würde vielleicht Brillenoptik lernen.

Draußen hupte es, vielleicht schon länger. Er fühlte sich benommen, Holzwolle im Kopf. Er sprang auf, schnappte die Tasche, rief einen Gruß in Mutters Nähzimmer. Aber dort war sie nicht. Er rannte aus der Wohnung, zwei Stockwerke runter. Die Mutter stand im Flur vor der Haustür, als wolle sie sie versperren.

Er stöhnte. Sie mochte seinen Job nicht, das verstand er. Alle Hochzeitspaare sahen anfangs unschuldig und rein aus wie der helle Tag. Aber manche wollten, wenn der offizielle Teil des Fests vorbei war, sexy Fotos, dirty pictures. Die Mutter fand, er sei mit seinen siebzehn Jahren dafür noch zu jung. Solche Bilder wären gegen den Koran. Sie wären auch gegen den Propheten Jesus, sagte sie im Hinblick auf den Chef. Sie wusste von seiner christlichen Neigung. Sie wusste auch, dass er Erfan manchmal zu heimlichen Hauskreisen einlud. Der Chef hatte ihr gesagt, Jesus ist für die Liebe. Aber die Mutter war gegen Extreme. Liebe und Krieg, das waren die beiden gefährlichen Pole, die der Mensch meiden müsse. Krieg ist Liebe und umgekehrt, hüte dich, Erfan. Ihr Mann hatte sie und die Kinder aus Liebe geschlagen. Mit dem linken Arm, den rechten hatte er schon früh im Krieg verloren. Und früh war er gestorben, aber am Krebs in der Lunge.

Krebs ist ein Krieg in dir selbst, sagte die Mutter oft. Halt dich vom Tabak fern, und auch vom Wein, von Frauen und Musik. Er fand, sie war zu ängstlich. Immer sah sie irgendwo am Horizont Gefahren. Oft genug hatte er ihr einen Vers zitiert: Der Hase flieht nicht, weil er sich fürchtet. Er fürchtet sich, weil er flieht. Aber der Dichter hatte leicht reden.

Erfan würde bald zum Militär müssen, vielleicht in den syrischen Krieg. Der Chef hatte zwar neulich angedeutet, dass er mit der Polizei verhandeln wolle. Aber das war kein Freibrief für die Zukunft. Trotzdem, es war gut, solch einen Chef zu haben. Ein Chef wie ein Vater.

Draußen hupte es wieder. Die Mutter stürzte ihm entgegen. Umklammerte ihn. Erfan machte sich sacht los. Ich fahr nicht in den Krieg. Ich fahr nur zu der Hochzeit. Du weißt, es kann ein bisschen spät werden.

Er stieg ins Auto seines Chefs, ohne zurückzusehen. Er wusste, sie sah ihm nach.

Das Auto war ein cooler Peugeot, aber nicht made in France. Made in Iran. Also quietschte es und klapperte, stieß Abgaswolken aus, dabei gab es schon genug Smog.

Der Chef rieb sich die Augen. Das lag aber nicht am Dreck in der Luft, das war die Degeneration der Makula. Armer Kerl. Erst achtundfünfzig, und dann schon bald das Auge mulsch, ausgerechnet das Knipsauge, das er doch brauchte. Der Chef murmelte sein Mantra. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Erfan hatte das Vaterunser manchmal im heimlichen Kreis gehört. Da wurde Wein getrunken und gebetet, aber das Beten hatte gegen die Augenkrankheit bisher nicht geholfen. Deshalb durfte Erfan, anfangs Handlanger, im letzten halben Jahr mehr Verantwortung übernehmen. Auch heute würde der Chef hauptsächlich repräsentieren. Er würde die weinende Brautmutter trösten, Schluchz, nun geht die jüngste Tochter dahin, Na was denn, endlich tanzt sie nicht mehr auf deiner Nase rum! Der Chef würde mit dem Bräutigam Witze reißen, würde sich vollstopfen mit Baklava und Kokoslokum. Und Erfan würde vor der Festgesellschaft stehen, geschützt durch die Kamera vorm Gesicht.

In Gesellschaft mochte er sein Gesicht nicht zeigen.

Seine Freundin Laleh fuhr ihm mit ihren Federfingern über die Stirn.

Seine Freundin sagte: Er ist wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes. In seinem Schatten zu sitzen, ist mein Begehr, und seine Frucht schmeckt süß meinem Gaumen.

Erfan hatte ihr einmal die Wahrheit gesagt. Dein Apfelbaum hat Schrunden.

Und die Akne auf seiner Stirn blühte tatsächlich. Immer neue Bläschen sprangen auf, sie rissen, eiterten und bluteten, obwohl er nie Baklava aß.

Im Auto in Gedanken sagte er zu Laleh: Schön sind deine Wangen im Zieratgehänge, dein Hals im Kettenschmuck. Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin. Auf, meine Schönste, komm! Denn siehe, vorbei ist der Winter, der Regen verschwunden, vergangen.

In Syrien regneten Bomben vom Himmel.

In Teherans Straßen das Hupen, Brüllen, Reifenkreischen. Der Chef fuhr so wie immer, so wie alle. Aber sonst zitterten doch seine Hände nicht. Erfan war ruhig, schon seit Tagen überaus ruhig. Das Hasenherz, das sonst in seiner Brust schlug, gab es nicht. So wenig wie ein Hasenhirn. In seiner Brust schlug Laleh den Takt. Alles andere vergaß er neuerdings lieber schnell. Kopfloser Erfan. Ohne Kopf kein Helm auf dem Kopf. Ohne Kopf keine Augen, die durch ein Zielfernrohr blicken. So einfach war das.

Der Chef sagte: Nachher bei der Feier folgst du mir aufs Wort. Verstanden? Erfan zuckte mit den Schultern, nickte. Er hatte immer alles mitgemacht. Auch wenn bei Nacht die Hochzeitsleute sexy Bilder wollten, auf denen die Liebe ein Krieg war. Er selbst wollte mit Laleh sein, in einem stillen Garten wollte er die Liebe ohne Krieg.

Draußen schon immer und immer weiter die kalten und heißen Kriege. Gegen den großen Satan USA, den kleinen Satan Israel, gegen den Irak und mit und gegen Syrer. All diese Kriege waren nicht seine Liebe. Erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. Aber wer ist es, der tatsächlich Kraft hat?

Wer konnte ihn vor dem Militärdienst schützen? Er würde seiner Meldepflicht nicht folgen. Sein Chef hatte ihm einen Arzt genannt, der vielleicht ein Attest ausstellen könnte. Manche Jungen konvertierten zu den Christen, hatten damit einen Fluchtgrund. Aber der Hase fürchtet sich, weil er flieht. Als Ausweg vor dem Militär blieb noch die Selbstverstümmelung.

Besser nicht daran denken. Er brauchte alle zehn Finger für Laleh.

Wie ein Streifen von Scharlach sind deine Lippen, und lieblich ist dein Plaudermund. Wie ein Granatapfelstück erstrahlt deine Schläfe hinter deinem Schleier.

Der Chef behauptete, die Verse kämen von Juden zuerst, dann hätten die Christen sie übernommen. Erfan kannte die Sätze als den Song von einer Band. Pop vom Feinsten, gesungen und geflüstert in der Sprache des großen Satans. Amerikanisch. Ihm war das egal, die Band sprach in seinem Namen.

Ilyas Yalcintas war auch nicht schlecht. Das Türkisch hatte er sich übersetzen lassen. Schau, meine Flügel sind gebrochen, sei mein Regen, regne über mein Gesicht. Lass uns brennen, wenn es das ist, was du willst.

Der Peugeot stieß schwarze Wolken aus. Erfan verschränkte seine Arme vor der Brust, klemmte die Hände unter seine Achseln, da sollten sie bleiben. Immer liefen seine Finger ihm davon, die Pickel auf der Stirne blühten, brannten. Was musste er auch ständig daran rumfummeln.

Die Locken meines Freundes sind Dattelrispen, wie die Raben so schwarz. Seine Augen sind wie Tauben in Wasserbächen, gebadet in Milch. Süßigkeit ist sein Gaumen, ja, das ist mein Freund.

Die Militärbehörde würde diesen Freund ganz sicher nicht vergessen. Ihm blühte bald der Heldentod als Märtyrer. Weil er flieht, hat der Hase Furcht. Das war ein falscher Satz. Der Dichter hatte die einfache Wahrheit verdreht, weil er an Helden glaubte.

Erfan hatte keine Furcht, würde nicht fliehen. Wohin auch. Er war Fotograf und auf dem Weg zur Hochzeit. Nur zu viel Holzwolle im Kopf und überall. Als wäre er ein ausgestopfter Hase.

Und das erzählte er wahrheitsgetreu, als er viele, viele Stunden später im Flughafengebäude Berlin-Tempelhof saß, in einem kleinen Raum an einem kleinen Tisch, vor einem uniformierten Deutschen. Neben ihm ein Dolmetscher. Denn der Deutsche verstand Erfans Englisch nicht, kein Wunder, das kam schließlich größtenteils vom Hören satanischer Songs.

Der Chef war mit Erfan zu dem Event gefahren. Sie hatten Fotos gemacht: Braut und Bräutigam, deren Eltern, Verwandte. Bilder vom sofreh aghd, der traditionellen Hochzeitsdecke. Verschwenderisch lag weiße Spitzenseide über dem Vermählungstisch, darauf die symbolischen Gaben für das junge Paar. Der Spiegel bedeutete Ehrlichkeit, Reinheit. Die beiden Tafelleuchter mit brennenden Flammen sprachen von der Gleichwertigkeit der Liebenden. Das Fladenbrot sagte Wohlstand voraus. Farbig ziselierte Eier wünschten, dass die Ehe fruchtbar würde. Und all die anderen Gaben in silbernen Schalen, all die Mandeln und Nüsse, Äpfel und Granatäpfel, die Kräuter und der Kandis, all das waren Glücksbeschwörungen.

Der Deutsche wollte nichts davon hören, trommelte auf den Tisch, hatte Fragen.

Nochmal. Und nochmal. Name. Geburtsort. Datum der Geburt. Wie kommst du an das Visum? Name des Vaters? Tot? Spucks aus, wer hat getürkt?

Erfan wusste nichts mehr. Nur die Hochzeitsdecke stand gestochen scharf vor seinen Augen. Der Hase fürchtet sich, weil er flieht. Er flieht, weil er sich fürchtet.

In Teheran war der Chef immer wieder zur abgeschotteten deutschen Botschaft gegangen. Sein Antrag auf ein Visum für Erfan wurde abgelehnt. Er beschaffte eine Einladung der Schwester eines Freundes in Berlin im Stadtteil Moabit. Er brachte einen Nachweis über deren finanzielle Verhältnisse bei. Und dann hatte er Glück. Dann eilte es. Nach außen musste alles so wie immer scheinen, denn die Nachbarn im Haus spionierten ständig. Der Chef trichterte Erfan das Vaterunser ein. Übte mit ihm eine Geste. Und noch was musst du behalten. Du bist verwandt mit Frau Fatah in Moabit. Fatah, Stadtteil Moabit! Ansonsten, denk nicht so viel nach. Gedanken sind Hunde, viele Hunde sind des Hasen Tod.

Erfan hatte schon vor Tagen alle Hunde abgeschafft.

Er saß in einem kleinen Raum im Flughafengebäude. Kleine Tasche. Keine Kamera. Er wusste nicht, wer ihm die Spiegelreflex gestohlen hatte. Mechanisch tippte er sich auf die Stirn, das Herz, dann auf die linke Schulter, schließlich auf die rechte. Vater, Sohn, heiliger Geist. Die vielen Fragen waren viel zu viele Fragen. Angehörige in Berlin? Ihr Wohnort? Er sagte, Stadtteil Rabbit.
Einer fragte, Meint er Hasenheide?
Ein Zweiter rief, Der will uns mit dem Osterhasen kommen!
Ein Dritter fragte, Was hast du mit Jesus am Hut? Dann erzähl uns doch, was du vom Osterlamm glaubst. Soll ich dir vorsagen? Es nimmt hinweg die Sünden, na, wie geht’s weiter?
Der Zweite starrte den Dritten an, Sag bloß, du kennst diesen Hokuspokus.
Ein Vierter kam auf Erfan zurück. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ist für ihn zuständig. Er soll seinen Glauben dem Amt erklären. Diese Iraner drücken sich doch alle vor dem Militärdienst.

Erfan bat, die Mutter in Teheran anrufen zu dürfen. Sie gaben ihm eine Minute Sprechzeit. Die Mutter sagte ihm: Bleib weg von uns, die dir nicht helfen können.

Deutsche Beamte kamen und gingen. Der Dolmetscher war ärgerlich. Einer der Uniformierten wurde väterlich. Junge, was haben sie dir in den Tee getan?

Erfan wusste es nicht. Der Tee war wirklich tagelang besonders süß gewesen. Ihm fielen nur Bruchstücke ein. Sein Chef hatte ihn von der Hochzeitsfeier weggeholt. Am Himmel erste Streifen, Tagesanbruch. Er hatte ihn in das Auto eines Bekannten gesetzt, weil er selbst länger bleiben musste. So war es oft gewesen. Der Bekannte gab Erfan einen kleinen Zettel, den musste er lesen, zerkauen und schlucken. Moabit, Fatah, Vaterunser. Das Papierchen schmeckte honigsüß.

Der Bekannte führte ihn durch den Imam-Khomeini-Airport. Wie auf Wolken war Erfan gegangen, durch wenige Türen. Er sagte ja, und alle sagten zu ihm ja. Dann war er auf Wolken geflogen. Im Flieger konnte er die Schrift der Bildschirme nicht lesen. Wusste nicht mehr, läuft Farsi von links nach rechts oder andersrum? Und Englisch von unten nach oben? Er hatte geschlafen. Der Landeplatz Berlin sagte ihm nichts. Das Wort, das er sich merken sollte, hieß Merlin oder Merlot oder Mohoir. Aber natürlich wusste er die Namen europäischer Hauptstädte. London, Paris, Berlin, Rom, Madrid. Merlot war ein Wein. Mohoir eine Wolle. Wo lebte die fremde Verwandte? Aleppo war die falsche Richtung.

In seinem Kopf drehten Soldaten mit Hunden rennend Kreise, hetzten Hasen.

Es gab keinen Hasen, der seinen Balg retten wollte, es gab ein Reh. Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie Zwillinge einer Ricke, die unter den Lilien weiden.

Der Dolmetscher rief, in seinen Sätzen ist kein Gran Verstand. Erfan nickte.

Im Iran ist frei vom Militärdienst, wer keinen Verstand hat. Frei ist, wer verstümmelt ist, am Kopf oder an den Händen.
In Deutschland, Flughafengebäude Tempelhof, fiel Erfan in Ohnmacht.
Alle seine zehn Finger waren da, als sie ihn wieder hochgepäppelt hatten. Er wusste nicht, ob der Verstand noch da war oder wiederkommen würde. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht, dessen Fenster vergittert waren. Das Personal war freundlich. Zwei Wochen wohnte er dort, erkannte, die Patienten hatten alle einen Schaden an der Waffel. Wie er selbst. Er schlief den Hasenschlaf mit offnen Augen. Er kniff ein Auge zu, um sexy pictures zu schießen. Laleh sagte, siehe, da kommt er, springend über die Berge, hüpfend über die Hügel. Mein Geliebter gleicht dem Junghirsch, da, schon steht er hinter unserer Mauer, schaut durch die Fenster, späht durch das Gitter.
Das alles ist schon mehr als ein Jahr her. Erfan geht’s gut.

Derzeit lebt er in Berlin im Wohnheim. Kein Kontakt mit Frau Fatah in Moabit. Beim einzigen Treffen sagte sie ihm, sie kann ihm nicht helfen. Heute weiß er kaum, ob er sie je gesehen hat, ob es sie gibt. Er denkt nicht zu viel nach, denn Gedanken sind Hunde.

Aber er besucht die Deutschkurse. Bekommt Belohnungs-Smileys für die Hausarbeiten, spricht mit den anderen Teilnehmern im Chor den Satz von Fischers Fritz. Und hinter Hase Heinis Haus da hängen hundert Hemden raus. Manchmal geht er zur katholischen Herz-Jesu-Gemeinde in Charlottenburg. Für deren Jugendgruppe ist er eigentlich zu alt, aber man drückt ein Auge zu. Mit dem anderen starrt man ihn an. So scheint es ihm oft. Da wünscht er diesen Christen manchmal eine ordentliche Augenkrankheit an den Kopf. Sie können dort alle gut sehen, stellen sich aber beim Kicken und beim Darten wie Blinde an.

Die Monate ziehen ins Land. Immer wieder muss er bei ständig wechselnden Behördenleuten vorsprechen, im Amt für Migration und Flüchtlinge. Die wissen, wie der Hase läuft. Erfan ein Christ?

Er kann das Vaterunser rückwärts, auf den Händen stehend oder hakenschlagend aufsagen. Das wollen die nicht sehen. Sie wollen auch seine Gedanken über die Liebe nicht hören, über das Liebesmahl aus Brot und Wein, nehmt und gedenket meiner. Gibt es in Teheran eine Laleh, die an ihn denkt? Der letzte Behördenmensch fand, Erfan ist informiert, doch nicht persönlich berührt. Seine Konversion ist nur ein Nachfluchtgrund, ungültig. Erfan bleibt bis auf weiteres höchstens geduldet.

Er möchte keinen Amtsgott anbeten, sich vor ihm ducken oder Männchen machen.

Er hört lieber Musik. Große Wasser können die Liebe nicht löschen, und Ströme spülen sie nicht hinweg. Er möchte sich und Laleh sehen, im Amphitheater an der Uni Teheran und dann im stillen Garten.
Komm, mein lieber Himmel, sei mein Atem, die Sünde ist mein.
Laleh schreibt Erfan nicht mehr, skypt nicht, ruft nicht an.
Hättest du doch gewartet, bis die Feigen auswachsen und von deinen Schwüren einen einzigen gehalten.

Erfans Zimmermitbewohner Hossein mag all die traurige Musik der Amerikaner nicht hören, schon gar nicht Ilyas Yalcintas. Also steckt Erfan sich den Knopf ins Ohr, geht an die Luft und dreht voll auf.
Doch Hossein ist gut. Obwohl er sich Kurde nennt. Der hat den Tipp gehabt, wie man an eine Spiegelreflex kommen kann, gebraucht und bezahlbar. Der hat aber selbst null Ahnung. Bis der mal das Belichten lernt, das dauert bis zum jüngsten Tag.

Manchmal laufen sie zusammen durch Berlin, ermitteln locations. Erfan träumt davon, Kunstfotograf zu werden. Er hat die locations gerne schön schaurig. Wie auf den Videos von Ilyas Yalcintas mit Regen, Rauch und Nebel. Mit graffitibesprühten oder gleich pechschwarzen Wänden. Parkhauscharme ist auch nie verkehrt, sagt Hossein. Erfan findet das abgedroschen.

Sie stehen eines Abends in der Gedenkstätte für Roma und Sinti gleich hinter dem Brandenburger Tor. Hossein hätte gern ein neues Bild von sich, ein richtiges, mit der Spiegelreflex gemacht. Der Tümpel da ist doch als Hintergrund nicht schlecht? Und gerade erst hat er den Schädel frisch rasiert.

Erfan sagt, wie oft muss ich dir das noch sagen, deine Frisur ist unwichtig. Wir retuschieren nachher, dann siehst du aus wie gemalt. Wichtig ist zuerst, die Lichtverhältnisse zu checken.
Blitz ja, Blitz nein? Das ist die Frage.
Hossein stellt sich vor dem runden Wasserbecken auf. Starrt zum dunklen Himmel rauf.
Erfan ruft, nun sieh mal zu mir her! Kuckuck, hier ist das Vögelchen! Und Klick.

Auf dem Weg zur U-Bahn Brandenburger Tor kommen sie an der Akademie der Künste vorbei. Beide waren mehrfach dort zu Gast. Das Kunstvolk zeigt Interesse für die Flüchtlinge, organisiert Begegnungen.

Streng genommen läuft das auf den kulturellen Diebstahl raus, sagt Hossein. Wer selbst kein Leben hat, schreibt andere Leute ab. Unstreng gedacht, mit Hoffnung gedacht, verändert sich der Schreiber dabei selbst. Das kann ein dialektischer Prozess werden. Viele alte Philosophen haben es versucht. Ich werde sie studieren, alle! Leider sind die Studenten von der Künstlerjugend in Berlin so tugendhaft. Beißen sich ins Gewissen, bis von einer ganzen Runde nichts mehr übrigbleibt. Die exorzieren sich selbst!

Sie sehen, wie sich vor der Akademie eine Gruppe sammelt. Der Bau ist gut, ein beinahe anonymer Unterschlupf, wenn einem die Stadt in den Ohren saust. Doch Hossein und Erfan haben zu wenig Geld, um drinnen im Café noch was zu trinken. Sie kaufen einen Liter Wein im Pappkarton und schmuggeln ihn ins Wohnheim.

In ihrem Dreibettzimmer sagt Hossein, du bist ein Vampir. Ich trinke Wein, einer wie du schluckt Götterblut.

Wenn du nicht so gut backen könntest, wärst du schon längst verscharrt, ohne je wieder aufzustehen, sagt Erfan. Seine Pickel sind längst weg, er mag Hosseins Baklava gern.

Das Zimmer ist abgewohnt, etwas muffig, da kann man lüften, so viel man will. Der dritte Mitbewohner hockt im Tagesraum, ein Kurde aus der Türkei, ein Scheißtyp, Fakt. Soll das Amt ihn doch zurückschieben nach Istanbul. Diesen Finsterling will nicht einmal der Herr der Hölle bei sich haben.

Hossein öffnet die Blechdose mit selbstgemachtem Baklava, öffnet den Wein, er füllt zwei Gläser mit I-love-Berlin-Aufdruck. Hattest du heute deinen Termin in der Akademie, mit dem Dichter?
Von wegen Lyrik. Prosa. Eine Frau im Alter meiner Tanten. Die hieß, wie sie hier alle heißen.
Müller, sagt Hossein, oder Maier.
Marie, sagt Erfan.
Wie sah sie aus?
Wie so ein halbalter Bürger nun mal aussieht. Fast weißhaarig, mit einer Eulenbrille. Bisschen rund, eher die Neigung zur Kuh als zur Ziege. Aber ihr Kopf war spitz. Wie die Zunge. Reichlich studiert. Wollte mir was von iranischen Comics erzählen, Marjane Satrapi, Persepolis.
Den Namen hab ich nie gehört, sagt Hossein. Und sonst? Hat diese Frau nur selbst geredet, oder dich auch was gefragt? Die üblichen Fragen? Sag mal, war sie klein und hielt sich krumm und hatte abstehende Ohren? Dann war das die Marie, die mich neulich gelöchert hat! Was hast du ihr auf die Nase gebunden?
Erfan sagt, Du sollst kein falsches Zeugnis abgeben. Sonst werden sie alle traurig, das Bundesamt für Flüchtlinge, die Kanzlerin, der Papst und die Dichter.
Hossein hebt den Zeigefinger. Du musst dialektisch denken! Denk ans Kicken! Immer hin und her zwischen Dichtung und Wahrheit!
Hase und Igel, sagt Erfan. Ich bin schon da.
Sie stoßen an und trinken einen Schluck.
Erfan sagt, Die Fragen fremder Leute nach Vergangenheit und Perspektiven sind schamlos. Wollen diese einheimischen Schreiber selbst danach gefragt werden?

Möglicherweise sind sie Spione, sagt Hossein. Für den iranischen Geheimdienst oder für das deutsche Amt. Wer kann sich den Luxus der Wahrheit schon leisten?
Erfan sagt, Manchmal weiß man die Wahrheit selbst nicht mehr.
In Hosseins Kopf taucht ein Name auf. Nawin. Sein großer Bruder in der Backstube in Mahabad.
Erfan sieht seinen Chef, der poltert im Peugeot durch Teheran und reibt die Augen, seine Hände zittern. Der Chef war ein mutiger Mann, kein Angsthase. Der hat sich in Gefahr gebracht, der soll darin nicht umgekommen sein. Aber wie hat er es geschafft, ihn, Erfan, aus dem Land zu schleusen? Und wie lange wird er selbst hier bei den Deutschen bleiben können oder vielleicht wollen? Laleh. Meine schöne Freundin. Die Musik ein Ohrwurm. Ich bin so erschöpft. Der Rauch in mir, der meine Wunden aufreißt, lässt sich nicht vertreiben.
Wie soll ein Erfan einem deutschen Dichter Perspektiven nennen, wenn alles voll Rauch ist?
Hossein legt ihm eine Hand auf die Schulter, Wir wollen fröhlich sein und trinken.
Zukunftsaussichten, sagt Erfan. Ich kann nicht gut weit sehen. Ich sehe immer nur die nächsten kleine Schritte. Die Deutschkurse, A1, B1, undsoweiter. Ich sehe nur Gänseschritte von Hasenfüßen.
Hossein lacht ihn an. Iss Baklava und stärke dich. Du bist kein Mümmelmann. Und wenn, was machts? Der Hase geht eines Tages zu zweit ins Gebüsch, bald kommt er zu siebt wieder raus.
Sein Gesicht verschließt sich. Sie waren zu Hause sieben. Vielleicht.
Er gibt sich einen Ruck. Erfan soll noch ein Foto von ihm machen, für den Vater.

Erfan nimmt die Spiegelreflex, den größten Schatz, den er hier hat, sagt, cheese. Unzufrieden sieht er seine Finger an. Immer noch Kinderfinger. Und keine Freundin mehr an der Seite.
Hosseins Lächeln wirkt ein bisschen schief.
Erfan kann es verstehen. Jeden Tag die Schwerarbeit, all dem Vergangenen ein Stück Berliner Gegenwart hinzuzufügen.
Hossein trinkt von seinem Wein. Was hast du der Marie gesagt?

Erfan zuckt die Schultern. Diese Nordwestländer nehmen sich von uns doch, was sie wollen. Trinken statt Muckefuck Türkenkaffee, lernen Karate, tanzen Samba, rauchen Indianerkraut. Marie hat draußen gequalmt wie ein Schlot, das ist Krieg mit sich selbst! Lieber sollte sie sich Henna in die Haare schmieren, dann sähe sie besser aus. Ich bin nicht der Typ, diesen Kartoffelessern Sushi zu verbieten. Selbst die Kartoffeln haben sie geraubt, damals, den Rothäuten. Lass sie. Speziell die Künstler fabrizieren, was sie wollen. Für die sind wir ein Material. Wir sind die Apfelbäume, sie essen die Früchte, dann spucken sie Kröten aus. Kannst du dich vielleicht erkennen in dem Machwerk, das Marie angeblich über dich geschrieben hat? Aber warte! Wir Übermorgenländer singen eines Tages Spottverse aufs Abendland, aufs Nachtland. Dann fliegt auch der Marie vom spitzen Kopf der Hut!

Hossein winkt ab: Die Länder kann man allesamt demnächst vergessen. Das eine ertrinkt, das andre verbrennt. Morgen und Abend sind auch bald geschenkt, bei dem Smog überall. Die Welt hat Fieber. Die Welt ist ein kranker Hase.

Hossein und Erfan leiden unter starken Stimmungsschwankungen, hieß es beim Arzt. Es hieß, das sei normal in ihrer Lage und in ihrem Alter. Sie ziehen sich gegenseitig runter und rauf.

Erfan sieht Hossein an und weiß, jetzt ist er selbst mit Raufziehen dran.

Er gießt Wein nach. Die Hasenmetapher ist meine! Und die Welt ist kein Meister Lampe! Aber du sollst nicht vergessen, was der Weise von ihm sagt: Der Hase ist ein Bruder Leichtfuß und ein Bruder Lustig und ein Bruder Lebtgern. Also flüchtet er, wenn er gehetzt wird. Da werden Jäger und Hunde müde und haben nicht Kraft, ihn zu fassen. So kommt er heil davon. Basta, Amen, Inschallah!