Diomedes

Henning Fritsch

 

Ich habe viele Namen. Such dir einen aus. Deiner Frage nach meinem Äußeren bleibe ich die Antwort schuldig. Ich vermeide den Blick in den Spiegel und habe selbst nur eine ungefähre Vorstellung. Wenn ich mich unauffällig durch die Straßen bewege, erschrecken die Menschen nicht. Vielleicht erschrecken sie, aber ich bemerke es nicht, sie laufen nicht schreiend davon. Hast du den Glöckner von Notre Dame gelesen? Frankenstein? Nur den Film gesehen? Den Elefantenmensch von David Lynch? Das ist es nicht. So ist es nicht. Wenn ich mit meiner Geschichte zu Ende bin, wirst du mich vielleicht sehen. Aber ich bleibe einstweilen hinter diesem hölzernen Paravent sitzen. Ein schönes Stück aus Persien übrigens, vermutlich spätes neunzehntes Jahrhundert, dreiteilig, fein geschnitzt und mit aufwendigen Maschrabiyya und Beineinlagen gearbeitet.
Mein Bein schmerzt.
Ah, denkst du, er hat ein Bein.
Ich habe sogar zwei und eines schmerzt. Aber lassen wir die Verletzungen beiseite. Konzentrieren wir uns auf das Hier und Jetzt. Geben wir dem Raum einen Ort, sagen wir, wir sind gemeinsam verreist, sind ein Delta hinabgefahren, haben das eine oder andere Meer überquert, sind umgekehrt, wieder aufgebrochen, nichts ist gelungen, alles war umsonst, vergeblich, erfolglos, du hast nichts verstanden. Jetzt sind wir auf den Diomedes-Inseln. Noch nie gehört? Es gibt zwei, du kannst dir aussuchen, ob wir auf der größeren oder der kleineren festsitzen. Wenn es eine einsame Insel sein muss, wähle ich die größere, denkst du. Es könnte die falsche Entscheidung sein. Warum gerade hier? Schau, da drüben die Nachbarinsel, vielleicht viertausend Schritte über das Eis, dort findest du die gleichen Steine, im Sommer die gleiche karge Vegetation, das Wasser, jetzt Schnee und Frost. Die Häuser, vom Meer aus gesehen ein paar bunte Schachteln am Fuß jäh aufragender Felsen, sind gestützt auf Holzgerüste, damit sie nicht in die Beringsee purzeln. Hast du nicht schon immer davon geträumt, an einem solchen Ort zu sein? In der
Isolation? Um dich ist das Rauschen des Windes, ein paar Seevögel.
In der Sprache der Ureinwohner heißt diese Insel die „Gegenüberliegende“. Auf der Gegenüberliegenden ist ein anderer Tag, ein anderes Datum. Du kannst nicht hinüber, denn es ist eine andere Welt. Es ist wie in einem Agentenfilm, denkst du, der Superschurke entführt den Helden an einen abseitigen und gleichsam faszinierenden Ort. Superschurke ist gut, das gefällt mir. Und natürlich bist du ein Superheld, nicht wahr? Setz deine Röntgenbrille auf und schau durch diese Spanische Wand – und, was siehst du? Ja, es ist alles verschwommen. Und der Name der Inseln?
Diomedes war ein engagierter Teilnehmer beim langwierigen Schlachten um Troja, ein Kampfgefährte des Odysseus, er saß am Ende selbst mit im Pferd. Das passt, denkst du, hier, wo die Grenze zwischen zwei Weltreichen verläuft, an einem Ort, wo die Menschen ihren ideologischen Belagerungszustand mit trotziger Hybris halten, obwohl die Natur ihnen nicht mehr als ein knappes Überleben zugesteht. Ein hübscher Gedanke, die Inseln sind aber nach einem Arzt benannt, dem man im vierten Jahrhundert aus religiösen Gründen den Kopf abgeschnitten hat, das ist keine neue Modeerscheinung.

Wollen wir Musik hören? Ich mag Heavy Metal, schlaflose Musik, denn der Schlaf ist die Hölle. Ich versuche, so wenig wie möglich zu schlafen. Lieber klassisch? Sonntagsfrühstücksmusik, Tee, Toast, okay Google, spiel etwas Passendes zu dieser exquisiten Orangenmarmelade. Tomaso Albinoni, Pachelbel, der Kanon, Weiße Folter, allmähliche Zerstörung der vegetativen Funktionen, krankhafte Veränderungen bezüglich des Schlaf-, Nahrungsaufnahme- und Urinierbedürfnisses, Kopfschmerzen, Gewichtsverlust. Ich weiß, mit so etwas scherzt man nicht. Nein? „Herr Doktor, ich leide an krankhaften Veränderungen bezüglich des Schlaf-, Nahrungsaufnahme- und Urinierbedürfnisses.“ „Waren Sie vielleicht in einem Supermax?“ Supermax nennen die Amerikaner ihre sichersten Gefängnisse, das klingt so schön nach einem King-Size-Burger, und falls du da herauskommst, bist du nicht mehr wert als die zerlaufene Käsescheibe. Dann schicken sie dich zum Schlafarzt, ins Nahrungsaufnahmecenter und in die Urinierbedürfnisanstalt, betrachten deine Organe, sieht doch gut aus, klopfen hier, da ist kaputt, öffnen deinen Kopf, machen schnell wieder zu, nichts drin als schwarze Gedanken und graue Masse.
Nichts sagen.
Davon kannst du nicht schreiben.
Du kannst die Schatten nicht lesen.