Erzählpartnerschaften

Copyright: Martina Krafczyk
1. Workshop in der Akademie der Künste, Februar 2017

Copyright: Martina Krafczyk

 

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2. Workshop in der Akademie der Künste am Pariser Platz, Juni 2017

 

 

 

 

 

Beteiligte Erzählpartnerinnen und -partner:

Somaye, Mohammad Dibo, Hammoud Hammoud, Ahmed, Mohammed, Laura, Iman, Asia, Sadegh und weitere.

Beteiligte Autorinnen und Autoren:

Shida Bazyar, Ralph Hammerthaler, Kerstin Hensel, Katerina Poladjan,
Senthuran Varatharajah, Larissa Boehning

Ralph Hammerthaler:
Zugegeben, ich zögerte einen Moment, ehe ich mich dem Projekt anschloss. Werden zurzeit nicht überall Flüchtlingsgeschichten erzählt? In Theatern, in Cafés, im Fernsehen, in der Zeitung. Selbstauskünfte über Selbstauskünfte, Reportagen über Reportagen. Noch ein Porträt und noch eines. Ist nicht längst alles bis zum Überdruss bekannt? Ja, so scheint es. Aber frage ich mich dann, was denn bekannt ist, so sehe ich mich ratlos die Schultern zucken. Zu vieles ist vorbeigerauscht. Durch das Projekt „Our Stories – Rewrite the Future“ kommt nun die Literatur ins Spiel, dieses langsame, wunderbar lässige Medium, das so tut, als hätte es alle Zeit der Welt und lieber nicht wissen will, worauf das Ganze hinausläuft. Trotzdem bildet die Literatur sich ein, wenn schon nicht die Geschichte, so doch die Substanz retten zu können. Und dafür ist ihr keine Finte zu schade, keine Lüge zu abgeschmackt, keine Verdrehung zu schwindelerregend. Guten Stoff aber braucht sie, sonst sind ihre Tricks nur klägliche Luftnummern. Guten Stoff muss sie besorgen in der Gestalt eines Vampirs. Eine andere Visitenkarte hab ich nicht.

Zum Blog der Akademie der Künste –
Ralph Hammerthaler über die Erzählpartnerschaft mit Geflüchteten

Kerstin Hensel:
Wir sind einander fremd, wollen uns durch Erzählen näher kommen und daraus etwas Gemeinsames schaffen. Ich suche den Stoff, der hinter der mündlichen Erzählung des „Fremden“ steckt, um ihn schreib- und lesbar zu machen, d.h. um ihn künstlerisch zu verwandeln. Ein kulturelles Mikroexperiment. Kultur ist immer die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, woraus wir dann das Eigene entwickeln. Die Pflicht des Angenehmen: Wir müssen unsere Kulturen aneinander bilden, um uns selbst begreifbar zu sein.

„Ein kulturelles Mikroexperiment“:
Kerstin Hensel über das Literaturprojekt „Our Stories – Rewrite the Future”

Larissa Boehning:
Ich will verstehen, uns Menschen verstehen. Schon immer, seit ich durch die Bruchstück-Erzählungen in meiner Familie begriff, dass das Leben etwas ist, das Unaussprechliches enthält. Was transportierte mein russischer Großvater nach dem Krieg zwischen Ost- und West-Berlin hin und her. Warum brachte der amerikanische Soldat den Weihnachtsbaum. Weshalb wurde so viel Alkohol getrunken, so verzweifelt getanzt. Der Autounfall. Das im Casino verspielte Erbe. Der Tod meines Cousins.
Swetlana Alexijewitsch schreibt: „Ich frage nicht nach dem Sozialismus, ich frage nach Liebe, Eifersucht, Kindheit und Alter. Nach Musik, Tanz und Frisuren. Nach Tausenden Einzelheiten des verschwundenen Lebens. Das ist die einzige Möglichkeit, die Katastrophe in den Rahmen des Gewohnten zu zwingen und etwas darüber zu erzählen. Etwas zu verstehen.“
Ich hab mich lange hinter Worten versteckt, bis ich merkte, die lassen sich ja zu allem benutzen. Ich dichtete die leeren Stellen zu. Ich studierte Lebenswissenschaften, die Philosophie. Ich verbarg mich in meinem Kopf, im Abstand der Betrachtung, im Dickicht des Dazuerfindens. Da passierte etwas Seltsames: Ich kam anderen Menschen und mir selbst völlig abhanden. Je mehr ich schrieb, desto mehr Fremdheit, Verwirrung, Ängstlichkeit und Scham. Das Tau, das ich auswarf zu anderen, um ihnen nahe und verbunden zu sein, um sie zu verstehen, hatte ich mir selbst gekappt.
Literatur kommt aus dem Leben, und sie führt uns dorthin zurück. In ihr ist der Schmerz und das Glück aufgehoben, ein Mensch zu sein. Wir spüren uns, in guter Literatur. Als Lesende genauso wie als Schreibende, sie ist ein Kind der Empathie. Das Projekt ist ein Teil dieses Wunsches: uns als Menschen zu verstehen.

Erzählpartnerschaft „Our Stories – Rewrite the Future” #3: Larissa Boehning

 

Hammoud Hamoud ist einer der Erzählpartner im Akademie-Projekt „Our Stories – Rewrite the Future“. Seit Anfang Februar finden sich junge Geflüchtete mit deutschsprachigen Autorinnen und Autoren in Workshops zusammen, um gemeinsam literarische Geschichten zu entwickeln. Die Schriftstellerin Larissa Boehning hat das Projekt initiiert und berichtet hier über ihre Zusammenarbeit mit Hammoud Hamoud, Islamwissenschaftler, Journalist und Autor, der 2015 vor dem Regime in Syrien nach Deutschland geflohen ist. Im Anschluss finden Sie seinen Text über die Suche nach neuen Identitäten und die Attraktivität des Fundamentalismus.

Larissa Boehning: Die Literatur sei für ihn Halt, sagte Hammoud in einem unserer ersten Gespräche zu mir. Seine Identität, zu wem er geworden sei, seine Sicht auf die Welt, sein Kontakt zur Welt, seine geistige Entwicklung, alles beruhe auf Literatur.Objektiv gesehen könnten wir nicht unterschiedlicher sein; wir verstanden uns auf Anhieb. Wir gehören diesem Menschenschlag an, der im Eintauchen in Geschichten, im Lesen (und Schreiben) von Büchern, seine Einsamkeit überwunden findet.

Er erzählte mir, wie er im Integrationskurs saß und sich fragte, was eigentlich mit Integration gemeint sei. Sie lasen das Grundgesetz, er lernte deutsche Grammatik, die Bundesländer und ihre Hauptstädte, aber eine Erklärung, was Integration genau bedeutete, konnte ihm keiner geben. Vielleicht ist sie dazu einfach zu groß. Sie ist im Kern eine Frage, die unser grundlegendes Menschsein, unser aller Identität, berührt. Wir verändern uns alle durch das, was gerade passiert. Die Prozesse zu verstehen, wird einfacher, wenn man miteinander redet, sich von seinen Gefühlen und Ansichten erzählt. So ist das Projekt der Erzählpartnerschaften für mich etwas viel Umfassenderes geworden. Was hat Integration mit uns selbst, mit unserer Identität zu tun?

Hammoud Hamoud hat zu diesen Themen aus seiner Perspektive als Islamwissenschaftler einen Beitrag für das Projekt der Erzählpartnerschaften geschrieben – über die Schwierigkeiten bei der Suche nach einer neuen Identität, über die Gefahren, wenn viele Menschen Halt in haltlosen Zeiten suchen und neu finden müssen, über Integration. Es ist sein erster wissenschaftlicher Text auf Deutsch.


Allah ohne Kultur
Über die Suche nach neuen Identitäten und die Attraktivität des Fundamentalismus

Von Hammoud Hamoud 

Dass Muslime, die in den Westen flüchten, säkularer werden und eine neue, moderne Identität anzunehmen bereit sind, halten viele Menschen heute für selbstverständlich. Diese Auffassung berührt sich nahe mit der allgemeinen Erzählung vom Tod der Religion in der Zeit des Modernismus. Blickt man jedoch genauer auf die Situation der muslimischen Migranten heutzutage, so muss man feststellen, dass das Gegenteil der Fall ist. Man kann davon ausgehen, dass viele Migranten, die religiös geprägt sind, durch ihre Flucht eine starke Neureligiosität entwickeln, die auch von der Ablehnung westlicher Werte durchzogen ist. Viele Migranten, zumal die, die vor dem Krieg geflohen sind, befinden sich in einem Zustand erhöhter Sinnsuche, sie dürsten nach Gerechtigkeit, nach Frieden. Zugleich sind sie ihrer Perspektiven beraubt, ohne stabile Identität.

Angesichts der Tatsache, dass die Migranten sehr verschiedene kulturelle Wurzeln mitbringen, streben Islamisten heutzutage nach einem Islam, der nicht eine, spezifische Kultur anerkennt. Dieser Islam ist ein ganz neues Produkt in unserer Welt. Er wird mithilfe einer neuen Generation von entwurzelten Fundamentalisten kulturell produziert. Dafür wird die traditionelle islamische Kultur von ihrer wirklichen Umgebung isoliert. Außerdem wird gegen die Bräuche der Migranten, die als bid’a betrachtet werden (bid’a: Neuerungen, die in die Religion eingebracht werden) vorgegangen, weil sie mit einem Territorium bzw. einer eigenen Kultur verbunden sind. Unter dieser Perspektive betrachten Islamisten Allah als länderübergreifenden Gott: Allah bleibt nicht in seiner arabischen prototypischen Form, sondern ist ein Gott ohne kulturelle Grenzen. In diesem Sinne erscheint Allah als neuer Gott, mit einer neuen heiligen Identität.

Selbstredend ist diese neue Erscheinung eine einfache Antwort in einer schwierigen, komplexen Situation. Aber diese neue Identität wird als starke globalisierte Identität wahrgenommen. Sie geht zwar auf Kosten der vormals eigenen, kulturellen Identität, aber sie verspricht Halt in haltlosen Zeiten. Außerdem zeigt sie eine Entwicklung an, in der der Islam sich befindet: es geht um die „De-kulturation des Islam“, wie schon Olivier Roy in seinem 2006 erschienen Buch „Der islamische Weg nach Westen: Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung“ ausführlich erklärt hat. Damit ist gemeint, dass Islamisten nach ihren Zielen nicht in den traditionellen Milieus suchen, sondern vielmehr junge Muslime suchen und ansprechen wollen, für die eine Identifikation mit ihrer Kultur, oder auch mit ihrem Nationalstaat, von Natur aus problematisch ist. Es geht Islamisten vor allem um zwei Arten von Migranten: einerseits diejenigen, die neu in den Westen geflohen sind und eine schwache nationalstaatliche Kultur und Identität haben. Und andererseits sind die muslimischen Migranten der zweiten bzw. dritten Generationen für Islamisten interessant, die eine mangelnde soziale Integration haben und sich nicht mit der Mehrheitsgesellschaft identifizieren. Ihr Fundamentalismus bietet in diesem Zusammenhang für solche Migranten das an, was sie zu brauchen scheinen. Er füllt ein kulturelles Vakuum, gibt ihnen das zurück, was sie verloren haben.

Wir dürfen nie vergessen, dass die Situation von Migranten im Allgemeinen sehr unsicher und schwierig ist. Der Erfolg des Islamismus, und wie er nun seine Hochphase in Europa erlebt, hat viel mit dieser sozialen Verunsicherung und der Identitätskrise, in der Migranten geraten können, zu tun. Indem Islamisten hier nicht einen klassischen Gott, der mit einer spezifischen Kultur verbunden ist, predigen, sondern einen neuen Heilsgott, der ein kulturell entwurzelter, aber sogleich globaler Gott ist, haben sie Erfolg.

Wie können wir die Wege der neuen Fundamentalisten abschneiden? Was braucht es, damit kulturelle Integration gelingt? Was muss man tun, damit muslimische Migranten nicht bei ihrer Suche nach einer neuen Identität anfällig werden für den Islamismus und seine Kräfte? Das ist die Aufgabe, die vor uns steht. Ich bin der Überzeugung: Je wahrhaftiger und umfassender die soziale Integration der migrantischen Muslime ist, desto geringer ist der Erfolg des Islamismus.

Erzählpartnerschaft „Our Stories – Rewrite the Future” #4: Der Islamwissenschaftler und Erzählpartner Hammoud Hamoud schreibt über Identität und Glaube in unsicheren Zeiten


Senthuran Varatharajah:
1984 floh meine Mutter mit meinem älteren Bruder und mir vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka. Ich war vier Monate alt. Mein Vater musste vor uns das Land verlassen; die singhalesische Armee hatte begonnen, junge tamilische Männer systematisch festzunehmen und verschwinden zu lassen. Die ersten sieben Jahre wohnten wir in fünf verschiedenen Asylbewerberheimen, in Berlin, Frankfurt am Main, Nürnberg, Coburg und einer bayerischen Kleinstadt, in der ich bis zum Abitur lebte. Mein jüngerer Bruder wurde 1985 geboren. Neun Jahre später erhielten wir die deutsche Staatsbürgerschaft. Ich war in der vierten Klasse. Seit fast 33 Jahren lebe ich in Deutschland.

Ich dachte nicht an diese Geschichte, als ich gefragte wurde, ob ich an „Rewrite the Future“ teilnehmen will. Diese Geschichte ist nicht identisch mit den Geschichten von Flucht, die meine Erzählpartner erzählen. Es liegt in der Natur der Sache: Jede Flucht ist – und daran muss erinnert werden in einer Zeit, in der dieser Begriff so präsent ist, dass er die Ereignisse, auf die er sich bezieht, nivelliert; von Flucht wird nur im Singular gesprochen, als Bewegung einer undifferenzierten Masse im Raum, ohne ein einzelnes Gesicht, ohne Namen – individuell. Jede Flucht ist individuell, und obwohl sich die Einsamkeit dieser Erfahrung, einer Erfahrung, die alles ordnet und alles ordnen wird, auch das, was ihr vorausgegangen ist, der Mitteilung entzieht, versucht „Rewrite the Future“ – und dies mag paradox erscheinen; ist es auch – einen Raum zu bieten, indem es möglich sein könnte, über diese Individualität – der Geschichte –, also: über diese Einsamkeit zu sprechen.

In jedem Bild, das eine Gruppe von Menschen zeigt, die ein Land verlassen mussten, auf der sogenannten Balkanroute, in einem Boot im Mittelmeer, in einer provisorisch umfunktionierten Turnhalle, in jedem Bild, das eine undifferenzierte Masse ohne Gesichter und Namen zeigt, wird sie vergessen. Von Flucht wird nur im Singular gesprochen, als gäbe es nur ein Fliehen, als sei jede Flucht identisch und jeder Flüchtling auch. „Rewrite the Future“ könnte es erlauben, im Gespräch mit jungen Erwachsenen, die auf ihrer Flucht nach Deutschland gekommen sind – und Gespräch heißt hier vor allem: in der Geduld und Aufmerksamkeit des Zuhörens –, die Pluralität dieses Begriffs zur Sprache zu bringen: durch die Singularität der Geschichte.

Erzählpartnerschaft „Our Stories – Rewrite the Future” #5: Senthuran Varatharajah


Katerina Poladjan:
Die Zukunft überschlägt sich. Die Zukunft überschreibt sich.
Als ich gefragt wurde, ob ich an einem Projekt teilnehmen wolle, das sich mit seinem Titel zum Ziel gesetzt hat, die Zukunft neu zu schreiben, war mein erster Gedanke: Endlich! Ich kann etwas tun, ich darf Menschen, die die Odyssee einer Flucht durchgestanden haben, sei es über das Meer, sei es durch diese oder jene Stadt, eine Stimme leihen, kann ihre Geschichten in die Welt tragen, vielleicht sogar dorthin, wo Taub- und Blindheit herrschen. Vielleicht sogar dorthin, wo man aufgehört hat, nach historischer und ethischer Verantwortung zu fragen.

Zukunft neu schreiben, das kann nur möglich sein, wenn man sich Herkunft und Vergangenheit vergegenwärtigt. Die Visionen einer düsteren Zukunft kann nur überschreiben, wer sich erinnert.

Vielleicht werden wir uns auf Spurensuche begeben, vielleicht uns durch Berge und Täler von Biografien arbeiten, vielleicht bis zur Erschöpfung, vielleicht bis zu einem Moment, an dem wir denken werden, war das alles ein Traum? Ein Alptraum?

Ich werde zuhören dürfen, auf Geschichten von der Herkunft lauschen, von den Gerüchen des Morgens und den Geräuschen des Abends, von der Angst und der Hoffnung, vom Klang der zurückgelassenen Sprache. Vielleicht werde ich die Geschichte meiner eigenen Flucht erzählen, mich erinnern, aus der Erinnerung vielleicht verstehen, vielleicht verstanden werden, vielleicht Hoffnung auf eine neue Sprache geben.

Vielleicht werden wir nur Tee trinken, über das Lieblingsbuch oder den Lieblingsfilm sprechen, ein Lieblingslied singen. Sollten wir schweigen, wird auch das richtig sein.

Die Geschichten derjenigen, die ihre Heimat verlassen mussten oder wollten, werden immer ihre eigenen Geschichten bleiben. Aus welcher Perspektive die Geschichten auch erzählt werden, durch welchen Mund oder welche Feder sie sich verbreiten, niemand kann sie ihnen nehmen, und sie werden immer sicher und unsicher zugleich sein. […]

Die Zukunft überschlägt sich. Die Zukunft überschreibt sich.
Erzählpartnerschaft „Our Stories – Rewrite the Future” #6: Katerina Poladjan