Geburtstag und Fremdheit

von Mohammad Dibo

Aus dem Arabischen von Jessica Siepelmeyer

Meine Freundin hat bald Geburtstag. Ich will sie überraschen, überlege, wie ich es anstelle, denn sie ist nicht leicht zu beeindrucken.
Einen ganzen Tag lang zerbreche ich mir den Kopf, aber mir fällt nichts ein.
Ich ziehe durch Berlin. Vom Alexanderplatz zum Lieblingsort meiner Freundin, dem Hackeschen Markt, wo die Leute tanzen. Ich schlendere vorbei am Fluss, an Museen, Kirchen und Liebespaaren. Hoffe auf Ideen, hoffe, dass Berlin mir eine Tür öffnet … vergeblich.
Die Tür bleibt verschlossen. Also krame ich in der Erinnerung. Vielleicht gewährt sie, was Berlin mir verweigert. Sie führt mich zurück nach Damaskus. Die Stadt, die ich kenne wie meine Westentasche. Ich brauchte keine 10 Minuten für die Entscheidung. Ich wusste, wo man feiern kann. Kannte die geeignete Lokalität für jeden Geschmack. Ging einfach hin, flüsterte dem Besitzer meine Wünsche ins Ohr, und alles war geregelt.
Berlin hat einen anderen Schlüssel. Den aber kenne ich noch nicht. Berlin hat seine Geschichte, seine Geheimnisse, seine Wirklichkeit, die keine Schnittmenge hat mit dem eigenen Leben, der eigenen Stimmung. Eine Frage lässt mir keine Ruhe: Wo feiern eigentlich die Deutschen? Seit ich hier bin, habe ich noch keine Geburtstagsparty gesehen.
In Damaskus im Lokal, du isst schnell etwas allein oder sitzt mit Freunden in lustiger Runde. Plötzlich geht das Licht aus und Happy Birthday wird gespielt. Der Kellner balanciert eine Torte durch den Raum und stellt sie auf den Nachbartisch. Die Gäste an den anderen Tischen freuen sich mit. Alle halten einen Moment inne, dann wird’s wieder laut. Tellergeklapper und Gespräche kehren wieder ein.
Hier dagegen finde ich keinen Ort. Ich frage mich: Hast du deinen Platz verloren? Liegt es an der Stadt oder an der Sprache, die du nicht beherrschst? Dir wird klar, dass man Orte nicht wechseln kann. Dabei hast du hast immer behauptet, du seist überall auf der Welt zu Hause. Wie aber kann die Welt eine Heimat sein, wenn dir nicht einmal ein Fleckchen für dein Glück gewährt ist. Dies lässt dich Fremdheit, Trauer und Sehnsucht nach dem verlorenen Ort schmerzlich spüren. Denn Orte sind nicht nur Stein und Raum, sondern Erinnerung, Seele, Spur, die dich bestimmen. Wo deine Wurzeln sind. Wo du deine Kindheit verbracht hast. Wo man deine Sprache spricht. Wo man auch ohne Worte versteht, was du willst. Wo die Seele den Füßen voraneilt, ohne Google-Maps. Wo du mit einer Selbstverständlichkeit bist und dazugehörst.
Ich überlege, den Anlass zu Hause zu begehen, so wie ich es aus der Erinnerung/Heimat kenne. Der Erinnerung an einen nicht zu vergessenden Ort. Denn konnten wir nicht ausgehen, weil wir kein Geld hatten oder die Sicherheitslage im Krieg es nicht zuließ, trafen wir uns spontan bei Freunden. Die Aufgaben wurden vorher verteilt. Einer kümmerte sich um den Kuchen, ein anderer um die Kerzen und ein weiterer um die Getränke. Bis wir die ganze „Ausstattung“ zusammenhatten.
Wie kannst du das in Berlin bewerkstelligen, ohne dass Fragen aufkommen, die deine Entscheidung in Zweifel ziehen. Schmerzliche Fragen wie: Wer von deinen Freunden ist noch da? Wem von ihnen kannst du eine Aufgabe zuteilen? Sie sind damit beschäftigt, die Sprache zu lernen, eine Wohnung zu suchen, einen Dolmetscher aufzutreiben, der sie zum Jobcenter oder Sozialamt begleitet, oder auf die kein Ende nehmenden Behördenbriefe zu reagieren.
Du hast die Wunde wieder aufgerissen. Wo sind deine Freunde? Wie lädst du einen Freund ein, der abwesend ist durch Tod? Oder einen anderen, der abwesend ist, weil er im Gefängnis sitzt? Oder einen, von dem dich die ideologische Haltung zur Revolution und zum Diktator trennt? Einen, der dich als Verräter oder Versager sieht, weil du Waffen und Tod ablehnst? Oder einen, der an der Grenze festhängt, die für Flüchtlinge geschlossen ist? Und das im Zeitalter der Globalisierung, die den freien Warenfluss fordert. Waren ja, Menschen nein! Was ist das für eine Welt?!
Dieser Gedankenstrudel, diese Enttäuschung. Zum ersten Mal fühle ich mich fremd in Berlin. Mein Rücken ist „ungeschützt“, wie die Frauen aus meinem Dorf sagen, wenn jemand keine Unterstützung, keine Familie und keine Freunde hat. Hier teilt niemand die Freude mit mir, geschweige denn die Trauer.
Kälte erfasst mein Herz, Traurigkeit überkommt mich. Schwere. Seit meiner Ankunft vor einem Jahr habe ich mich hier nie fremd gefühlt. Denn ich glaubte fest daran, dass die Welt die Heimat aller Menschen ist und wir uns unsere Orte selbst suchen. Dass ich mich befreit hätte von der Lüge: Heimat, Geburtsort und Sehnsucht. Doch ein kleines Detail belehrt mich eines Besseren. Erinnerung, Kindheit, Zugehörigkeit zu überwinden, ist nicht einfach, so sehr wir auch das Gegenteil behaupten.

*Mohammad Dibo: syrischer Lyriker und Rechercheur. Er veröffentlichte drei Bücher: Die Gedichtsammlung „Lau yakhunu al-sadiq“ (Wenn der Freund verrät) (2008), für die er den Preis der arabischen Kulturhauptstadt Damaskus erhielt, die in Syrien verbotene Geschichtensammlung „Khata‘ intikhabi“ (Wahlfehler) (2008) und den Roman „Ka-man yashhad mautihi“ (Wie jemand, der seinen Tod erlebt) (2014), der ins Italienische übersetzt wurde. Neben seiner Mitwirkung an anderen Büchern sowie Recherchen arbeitet er heute als Redakteur und Journalist.