Was die Schulbücher wissen möchten

Shida Bazyar

 

Wir sind zwölf Menschen, sie sind alle unter dreißig. Sie sind alle aus verschiedenen Ländern, sie werden alle studieren, arbeiten, zurückgehen, weiterreisen, werden ihre Hände in Arbeiten stecken, ihre Hände in andere Hände geben, werden Kinder bekommen oder Karrieren, sie werden ein Leben führen, von dem sie noch nichts wissen. Sie lernen die Sprache, die ich lerne, sie klingt aus jedem unserer Münder anders. Die Lehrerin ist streng, und die Münder der anderen sind schneller als meiner. Wenn sie die Antworten aussprechen, melde ich mich erst. Das ist ein alter Trick, Mama, sagt meine Tochter, das machen die Kinder in der Schule so, die die Antwort gar nicht kennen und trotzdem den Lehrern gefallen wollen. Ich werde der Lehrerin nicht gefallen können, denn wir gefallen ihr alle nicht. Ihr Mund kräuselt sich, und sie sieht aus, als gäbe es nicht viel, was ihr gefällt. Als habe man sie genötigt, jeden Tag für vier Stunden hierherzukommen und in unsere ratlosen Gesichter zu blicken. Was ist das für ein lautes, schnelles Land, in dem die hellen Lichter der Autos an uns vorbeirasen, während wir die roten Ampeln überqueren, sobald unser Instinkt es uns erlaubt, und in dem es von außen betrachtet keinen einzigen Anhaltspunkt dafür zu geben scheint, welcher Mensch sich welches Auto leisten kann. Wieso unsere Nachbarn um uns herum, die nie in diesem Sprachkurs gesessen haben, weil man früher noch nicht in diesem Sprachkurs sitzen konnte, Autos fahren, die teurer sind als die der Lehrer meiner Kinder. Wieso die Lehrer meiner Kinder Fahrrad fahren oder Tickets für die U-Bahn ziehen. Wenn wir so weit sind, wenn wir Tickets für die U-Bahn ziehen, dann führen wir vielleicht das ganz normale Leben, das sie in ihren Autos an uns vorbeifahren. Das ganz normale Leben, in dem man zur Arbeit geht, ohne sich zu fragen, was der nächste Monat bringt. In dem man von der Arbeit nach Hause fährt und irgendwelchen Gedanken nachhängt, die so alltäglich sind, dass man sie im nächsten Moment wieder vergisst. In dem man ein Ticket abstempelt, bevor man in die Bahn steigt, weil niemand einem etwas für die kommenden Monate schenkt. In dem man, wenn man verschiedene Berufe hatte und einen neuen benötigt, am Ende Deutschlehrerin wird für Menschen, wie die um mich herum und für einen Menschen wie mich. Was ist das für ein Land, das eine Frau Götz erschafft, die mit uns die farbigen Aufgaben des Buches durchgeht, eine nach der anderen, uns reihum sprechen lässt, und die dann nach Hause fährt mit den Gedanken bei ihrem Essen oder ihrem Hund oder ihrem geschiedenen Ehemann.
„Herr Meier, woher kommen Sie? Aus Deutschland.“
„Richtig.“
„Klaus, woher kommen Sie? Aus Österreich.“
„Falsch.“
„Klaus, woher kommst du? Aus Österreich.“
„Richtig.“
Niemand von uns heißt Herr Meier oder Klaus. Der Nachbar nennt mich nicht beim Vornamen, aber er sagt du. Wir lernen den Satz: „Ist es nicht besser, wir sagen ‚du‘?“ Ich stelle mir vor, wie ich unseren Nachbarn frage: „Ist es nicht besser, wir sagen ‚Sie‘?“ Wir lernen zu fragen: „Ist dort die Küche?“, oder zu antworten „Das Badezimmer ist links.“ Die Menschen, die uns in unserer Wohnung besuchen, fragen diese Dinge in unserer Sprache.
Unsere Nachbarn sind Menschen, die Urlaub in Berlin machen, Jugendliche, Paare mit wenig Geld, unsere Nachbarn wohnen zeitweise dort, wo man uns dauerhaft untergebracht hat. Andere Vermieter rufen uns nicht zurück, obwohl wir ausziehen dürfen. Obwohl sie uns zusteht, die Wohnung, in der man uns nach der Küche fragt und in der wir den Weg zum Badezimmer erklären. Wir sind fünf Personen, wir teilen uns ein Zimmer.
„Ihr Tag: Erzählen Sie.“
Ich erzähle die Dinge, die das Buch vorher über den Tag eines jungen Mannes namens Robert beschrieben hat. Statt „Robert“ sage ich „ich“. In Roberts Leben sind die Tage am schönsten, an denen er lange schlafen und in einem Kaffee Cappucchino trinken und die Zeitung lesen kann. Danach hört Robert Musik. Ich tue keins dieser Dinge. Nach dem Sprachkurs kaufe ich die Lebensmittel für das Mittagessen. Koche zu Hause, während die Kinder kommen. Mache die Hausaufgaben für den nächsten Tag, nachdem die Kinder ihre Hausaufgaben erledigt haben. Wenn ich ausschlafen würde, würde die Lehrerin mir eine Abmahnung schreiben. Ich kann die Zeitung nicht lesen. Ich mag keinen Cappuccino. Am Abend trifft Robert sich mit Freunden. Ich sage: „Am Abend treffe ich mich mit Freunden.“ Die Lehrerin nickt und fragt: „Wie heißen Ihre Freunde?“ Ich nicke bei ihren Worten und sage: „Robert“. Die anderen lachen, ein Lachen, das es nur in Schulklassen gibt, in denen Erwachsene sitzen. Kein ausgelassenes Lachen unter Kindern, die wissen, dass sie die Grenze überschreiten, und die auch wissen, dass das ihr gottgegebenes Recht ist, sondern das Lachen von Erwachsenen, die noch im Moment, in dem sie das schnaubende Geräusch von sich geben, wieder ernst werden und den Grund des Lachens sowie ihr Lachen als Albernheit dastehen lassen. Ein Lachen, das mit einem kurzen Augenverdrehen endet. Wenn ich den gemalten Robert mit seiner Zeitung anschaue, muss ich an meinen Bruder denken.
Ich stelle mir vor, mir von meinem Sohn einen Satz ins Deutsche übersetzen zu lassen. Ich würde morgen in die Klasse gehen und wäre vorbereitet.
„Ihre Einkäufe: Erzählen Sie!“

Ich würde erzählen. Ich würde das kaufen, wofür man einen Gefrierschrank braucht, und das wir deswegen nie kaufen. Ich kaufe Ben-and-Jerrys-Eis für die Kinder. Safraneis für meinen Mann und mich. Ich kaufe einen großen Fernseher und große Kopfhörer, kabellos. Ich kaufe ein Gerät, mit dem wir die Sender empfangen können, die wir verstehen. Ich kaufe einen Schreibtisch, und ich kaufe noch einen Schreibtisch und noch einen. Vier Schreibtische für vier Menschen, die Hausaufgaben machen müssen. Ich kaufe ein Zimmer, das ich neben unserem Zimmer aufhänge. Ich kaufe noch ein Zimmer und noch ein Zimmer, bis die Wohnung die Größe erreicht hat, die die Ausländerbehörde von uns erwartet, und die es in dieser Stadt unmöglich für Menschen wie uns gibt. Ich kaufe Stoffe und eine Nähmaschine und nähe die Vorhänge für die Zimmer selbst. Ich kaufe mir einen Kurs, in dem man mir beibringt, wie man näht. Ich kaufe eine Küche, und ich kaufe einen Gefrierschrank. Den größten Gefrierschrank. Ich würde all diese Wörter kennen. Die Lehrerin würde sagen: „Bitte bleiben Sie bei der Wahrheit.“ Ich würde meinen vorbereiteten Satz hervorsuchen. Ich würde ihn laut und deutlich sagen. Ich würde sagen, dass das Privatsache ist, was ich kaufe. Dass es niemanden etwas angeht und dass es Gesetze gibt, die uns sagen, wie viel Geld wir im Monat ausgeben dürfen und wie groß unsere Wohnung sein muss, aber dass es kein Gesetz gibt, das uns dazu zwingt, in diesem Raum die Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit, die ohnehin keine Wahrheit ist, solange ich sie in einer Sprache ausspreche, die so unnatürlich klingt. Die Lehrerin würde den Kopf schütteln. Sie würde einen Zettel hervorholen. Sie würde auf den Stempel zeigen, der auf dem Zettel ist, und würde sagen: „Dieser Zettel ist amtlich.“ Sie würde eine Pause einlegen und uns ernst angucken. Sie würde sich räuspern und endlich vorlesen: „In diesem Klassenzimmer gilt die Pflicht, zu tun, was die Lehrperson verlangt. Verlangt die Lehrperson, auf Fragen wahrheitsgemäß zu antworten, haben die Anwesenden wahrheitsgemäße Antworten zu erteilen. Die Aufgaben der Übungsbücher sind nicht zum Spaß, sondern zum Erlernen und Vertiefen der deutschen Sprache gedacht. Die deutsche Sprache fußt auf Ehrlichkeit. Das deutsche System fußt auf Ehrlichkeit. Deutschland ist kein Ort des Lügens und des Verdrehens von Tatsachen.“

„Ein Tag, wie er in Ihrer Kindheit war: Erzählen Sie!“
Ich schweige nur kurz. Dann erzähle ich wahrheitsgemäß, wie die deutsche Sprache es verlangt. Ich fange am Beginn der Stunde an zu erzählen, und als die vier Stunden um sind, erzähle ich noch immer. Mein Deutsch ist mein Dari, ist meine Zunge, ist mein Leben, die anderen hören zu.
Meine Kindheit begann mit einem Fest, einem Fest ohne Freude. Unser Haus, voll von Menschen, der Anlass: Mein Vater, dessen Herz aufhörte zu schlagen, als man die Nachricht brachte, dass mein Bruder nicht aus dem Krieg zurückkehren würde. Ein weiterer Gefallener im Kampf zwischen Afghanistan und der Sowjetunion, ein ganzes Leben für meinen Vater. Die Menschen, die weinten, meine Mutter, die weinte, die Verwandten, die kamen, um zu weinen, und die gingen, um uns allein zu lassen. Die Ländereien ringsherum waren zum Teil unsere, und sie waren ab sofort die meiner Mutter. Wir waren fünf Kinder, und wir halfen alle. Ein Tag, wie er in meiner Kindheit war, bestand aus dem Verbot, nach draußen zu gehen, und aus dem Verbot, aus dem Fenster zu schauen. Wenn ich es doch tat, sah ich in der Ferne die Berge und die Schüsse, die zwischen ihnen fielen.

Nachts nahm meine Mutter meine älteren Schwestern mit nach draußen. Meine Schwestern, meine Mutter, sie waren alle nicht groß von Gestalt, vielleicht so groß wie ich heute, aber sie waren stark, denn das mussten sie sein, sie pumpten das Wasser nachts, wenn unsere Zeit heran war, denn das Wasser war rationiert, und wir durften nur pumpen, wenn wir an der Reihe waren. An der Reihe war man nachts, wenn der Krieg eine Pause einlegte. Wenn sie das Wasser holten, sprach meine Mutter von Iran, sprach davon, dass wir dorthin gehen würden, davon, dass wir dort besser leben, besser verdienen könnten, meine Schwestern fragten nicht, und ich lief nebenher, zu klein, um zu tragen, um mich zu fragen, ob es in Iran so viel besser war als hier.

Ein Tag, als ich Kind war, bestand aus der Hand, die man hielt, an der man mitlief, bestand daraus, getragen zu werden, in den Wagen geschoben zu werden, bestand aus dem Schoß, auf dem man saß. Der Schoß einer großen Schwester, im Wagen eines Fremden, um uns herum die Schüsse, die ihre Richtungen zu wechseln schienen. Meine Mutter, die mich mit Spielen ablenkte, bis ihre Gedanken sie ablenkten; ich, die ich auf die Schüsse rund um unseren fahrenden Wagen schaute. Wenn ich die Augen schließe, kann ich sie genau hören, meine Kindheit.

Ich war fünf Jahre alt, und wir waren drei Monate lang unterwegs, fuhren über Pakistan, die kürzeren Wege waren wegen des Iran-Irak-Krieges versperrt, und als wir endlich ankamen, in dem Land der Sehnsüchte, sperrte man uns drei Tage lang in einen Raum ein, steckte uns in ein Lager und dann wieder in einen Wagen. Der Wagen fuhr wiederum durch Berge und über steinige Straßen, wiederum durch Schussgebiete, wiederum durch Pakistan, und er brachte uns zurück, in die Heimat, die wir aufgegeben hatten.
Wir versuchten es wieder. Und wieder. Drei Mal brachte man uns zurück, drei Mal machten wir uns wieder auf, nach Iran. Es waren keine schlechten Tage, als ich Kind war, ich hatte meine Puppe, und ich hatte etwas zu essen, mehr brauchen Kinder nicht, sie leiden nicht unter Abenteuern.
Das Einzige, was uns leiden ließ, war, Afghanistan wiederzusehen. In den Städten tummelten sich die Taliban, in ihren langen Kleidern und mit Bärten, und meine Mutter gab nicht auf, den Weg nach Iran einzuschlagen. Meine Mutter gab nie auf. Ein Tag, wie er in meiner Kindheit war, bestand darin, nicht aufzugeben.
„Herr Müller hat zwei Schwestern.“
„Richtig.“
„Herr Müller, wie viele Brüder haben Sie? Ich habe keinen Bruder.“
„Richtig.“
„Oder: Ich habe keine Brüder.“
„Richtig.“
„Herr Müller hat zwei Schwestern und keine Brüder.“
Wir waren fünf Kinder. Zwei Mädchen, ein Junge, zwei Mädchen. Sie waren alle älter als ich. Ich war sechs. Meine nächstältere Schwester war 9. Mein Bruder war 12. Die ältesten beiden Mädchen waren 15 und 16 Jahre alt. Wir sahen uns ähnlich, man erkannte, dass wir zusammengehörten. Sie passten auf mich auf, und ich gehorchte.
Als wir ankamen, als wir es endlich nach Teheran geschafft hatten, begannen die Schwierigkeiten. Sie begannen mit der Sprache, von der wir dachten, sie zu verstehen, und die uns wiederholt ratlos machte; sie wuchsen und griffen um sich, und sie gingen erst, als ich erwachsen war; sie verabschiedeten sich erst, als meine Kinder auf die Welt kamen, als wären die Schwierigkeiten fortgezogen, um ein anderes Leben zu vergiften.
Wir wussten so vieles nicht, am Anfang; meine Mutter stellte sich morgens in die Schlange vor den Laden, aus dem die Hitze des Steinofens strömte, kaufte den schwitzenden Männern das warme Fladenbrot ab und sie ermahnte uns den ganzen Tag, uns das Brot einzuteilen, nicht alles auf einmal zu essen, nicht wissend, dass man durchaus mehrmals am Tag Brot buk und es keinen Grund gab, mit dem Brot zu sparen. Wer hätte es ihr erklären können. Es gab sie nicht, die Hilfe, wie hier, in Deutschland, es gab keine Arbeit, und außer meinem Bruder war niemand von uns zur Schule gegangen. Meine älteste Schwester hatte das Nähen gelernt, ihretwegen wollte ich immer nähen können, von klein auf, sah ihr zu und beneidete sie um die Leichtigkeit, mit der sie den Stoff durch die Maschine gleiten ließ, mit der sie die Schere durch den schweren Stoff schob. Aber in Iran könne sie unmöglich nähen, sagte sie, die Mode, eine ganz andere, hier würde sich niemand für das interessieren, was sie konnte. Wären wir doch in Afghanistan geblieben, sagte meine Mutter. Meine Schwestern, die staubigen Kleider in der lauten Straße enger um sich schlingend, schwiegen. Wären wir doch in Afghanistan geblieben, sagte meine Mutter, wenn uns dort etwas Schlimmes passiert wäre, wäre es uns immerhin in unserer eigenen Heimat passiert.

Ich würde in Frau Götz‘ Augen sehen, dass sie sich fürchtet, vor dem, was uns Schlimmes passiert sein könnte. Dass sie hofft, dass dies eine Geschichte ist, die das Schlimme umgeht, sie so beschreibt, dass man es überhören kann. So, wie wir immer nur das Mittelmeer erwähnen und unseren Zuhörern zuliebe nicht mehr als seinen Namen nennen. Ich würde in Frau Götz‘ Augen schauen, die anderen Schüler hätten sich noch immer zu mir umgedreht, die dünnen Ellbogen um die Stuhllehnen gelegt, meinen Worten folgend. Den Deutschunterricht längst hinter sich, würden sie sich nicht rühren, nicht auf ihre Smartphones schauen, nicht die Zigaretten drehen.

„Etwas Schönes: Erzählen Sie!“, würde Frau Götz es noch versuchen. Ihre Stimme würde im Laufe des Sprechens fester und bestimmter werden, und die Angst, die diese Menschen immer haben, sobald wir unsere Geschichten erzählen, zu übertönen wissen.
Zum Glück gab es jemanden aus unserem Heimatort, der uns am Anfang helfen konnte, würde ich fortfahren, und Frau Götz‘ Blick würde sich etwas entspannen, obwohl sie sich langsam an das Pult anlehnt, vor dem sie immer wie eine Feldherrin steht. Eine befreundete Familie, die ihren Hof damals neben unserem hatte und die es schon vor einer Weile nach Iran geschafft hatte. Sie liehen uns das Geld, das wir benötigten, um eine 2-Zimmer-Wohnung zu mieten. Bei uns war das so. Wenn jemand aus der gleichen Region kam, wie wir, dann war das, als sei man eine Familie und half einander. So dachten wir zumindest. In diesem Fall war es richtig. Wir konnten uns von dem Geld zwei Decken kaufen und fanden Menschen in der Nachbarschaft, die uns einen Teppich liehen, auf dem wir saßen, um zu essen, uns beugten, um zu beten, und auf dem wir lagen, um zu schlafen. Die ersten beiden Jahre arbeiteten meine Mutter und meine beiden ältesten Schwestern auf den Gurken- und Tomatenfeldern, kamen spät nach Hause und brachten die Gerüche nach Hitze und Feldarbeit mit, die mich an Afghanistan erinnerten.
Meine ältesten Schwestern zogen aus, als sie im heiratsfähigen Alter waren. Um dem Getratsche zu entgehen, fanden sie Ehemänner, und es blieben mein Bruder, meine Schwester, meine Mutter und ich. Mein Bruder fand eine Stelle in der Wäscherei, wir kamen zurecht, und ich konnte für kurze Zeit in die Schule gehen. Und meine Mutter, die unsere Haare kämmte und Kleider flickte, sprach immer wieder davon, bald nach Afghanistan zurückzukehren.

Ich würde das Schulbuch zuklappen. Ich würde wissen, das Schulbuch fragt Herrn Müller nach seinem Namen, aber das Schulbuch und Frau Götz fragen Menschen wie uns nicht wirklich nach den Dingen, die uns passiert sind.
Eines Nachts klopfte es an unserer Tür. Meine älteste Schwester stand dort, blutend, sie hatte kahle Stellen am Kopf, wo man ihre Haare ausgerissen hatte, sie habe Streit mit ihrem Mann gehabt, sagte sie. Mein Bruder tobte wie wild, als er sie in diesem Zustand sah. Meine Mutter zog die Tochter in die Wohnung, küsste sanft ihre Schläfen, hielt ihre Hände, und meine Schwester und ich bezogen die Decken für sie, die zurückgekommen war. Die ein Kind unter ihrem Herzen trug, ihr erstes Kind. Sie blieb bei uns, und mein Bruder sorgte dafür, dass wir vor Gericht gingen, gegen diesen Mann, der ihr das angetan hatte. Mein Bruder forderte, dass unsere Schwester von ihrem Ehemann ausbezahlt und freigegeben werde. Frau Götz würde mich korrigieren, das Wort „Scheidung“ an die Tafel schreiben. In Iran ging es aber nicht nur um die Scheidung. Es ging auch um das Geld, das man im Falle einer Trennung versprochen hatte. Und es ging um die Rechte des Mannes, die es zu schützen galt. Der Richter entschied, dass meine Schwester aus der Ehe entbunden werde, sobald das Kind geboren sei. Bis dahin habe sie bei dem Mann zu bleiben. Das Kind würde, wie das iranische Recht es vorgibt, ab dem Zeitpunkt der Geburt bei dem Vater bleiben.
Und dennoch hörte meine Schwester nicht auf das Urteil, dennoch blieb sie in unserem Zuhause, und dennoch kam ihr Mann jeden Tag, um sie zurückzubitten, sich zu entschuldigen. Und mein Bruder ließ ihn nicht eintreten. Als mein Bruder eines Tages nicht da war, kam der Ehemann mit seinem Auto vorgefahren und fuhr mit ihr und dem Neugeborenen fort. Wir sahen die Schwester und ihr Baby und das zweite Baby, das folgte, für eine lange Zeit nicht wieder. Sie fuhren davon und hinterließen erneut die Worte meiner Mutter, die davon sprach, zurückzukehren, nach Afghanistan.
Wenn ich an meine Schwester denke, sehe ich das Bild von ihr, vor der Tür, in der Nacht. Sie kam zu uns. Wir waren ihr Zuhause. Bis zuletzt.
„Frau Götz, sind Sie verheiratet?“
„Richtig.“
„Frau Götz, Sie waren verheiratet?“
„Richtig.“
Vielleicht hat meine Mutter deswegen nicht gezögert, als der Vorschlag von den Bekannten kam, weil sie sich so sehr wünschte, zurückzukehren. Die Bekannten waren ein Zugang zu der Welt, die wir verlassen hatten. In der wir uns auskannten und in der man uns achtete. In der wir hart arbeiten mussten und trotzdem immer wer waren. Die Bekannten von früher sendeten die Nachricht, dass sie meinen Bruder mit ihrer Tochter verheiraten würden, auch wenn er nicht persönlich kommen und um ihre Hand anhalten könne. Der Preis, den sie nannten, war hoch, es waren 80 000 Toman, das Brautgeld, das meine Mutter aufbringen sollte, und sie willigte ein, in der Freude, eine weitere Tochter willkommen heißen zu können. Als es soweit war, mieteten wir einen Bus, um das Brautpaar durch die Stadt fahren zu können, kauften ein Schaf, um es zur Feier des Tages zu schlachten. Doch als der Mann an dem ehrwürdigen Tag erschien, war er allein. Es gab keine Braut, es gab keine Hochzeit. Es gab nur ihn und sein Geständnis, das Geld, die 80 000 Toman meiner Mutter, so dringend gebraucht zu haben, dass er sich zu dieser Vereinbarung habe hinreißen lassen. Er würde alles zurückzahlen können, er brauche nur sechs Monate, bis ein Verwandter von ihm das Geld aufgetrieben habe. Mein Bruder war zwanzig, er arbeitete auswärts und hatte nur alle 20 Tage Zeit zum Ausruhen, in denen er zurück zu uns kam. Ich habe ihn immer nur als ehrlichen und ernsten Menschen erlebt. Als die sechs Monate vergangen waren, stellte er den Mann zur Rede, fragte nach dem Geld, das uns gehörte, wofür viele Stunden harter Arbeit nötig waren. Der Mann hatte das Geld nicht. Es gab nie die Chance, dass er es würde auftreiben können. Er habe es nur gesagt, um nicht nichts zu tun.
Und erneut war es mein Bruder, der vor Gericht zog, um für unser Recht einzustehen. Man hatte uns reingelegt, und es war alles nachweisbar. Die Belege sprachen für sich, die Hochzeit hatte nicht stattgefunden. Der Betrüger kam ins Gefängnis und konnte sich durch eine Hypothek auf seine Rinderzucht wieder freikaufen. Er war frei. Und mein Bruder hatte zwar den Prozess gewonnen, bekam jedoch nicht sein Geld zurück. Mein Bruder, der so viel für uns getan hatte, hat nie die Hochzeit gefeiert, die ihm zustand.

An unser Haus grenzte der große Hühnerstall. Wenn mein Bruder in den wenigen Tagen, die er nicht auswärts in der Wäscherei arbeitete, bei uns war, war er es, der um vier Uhr morgens das Haus verließ, um den Hühnern ihr erstes Futter zu bringen. Es war gegen fünf oder sechs Uhr, als es an unserer Tür klopfte und ein Bekannter nach meinem Bruder fragte. Meine Schwester, die zwei Jahre älter war als ich, war bereits verheiratet und lebte nicht mehr bei uns. Es waren nur meine Mutter und ich, die Antwort gaben. Nein, sagten wir, mein Bruder sei nicht zu Hause, er sei zum Füttern der Hühner aus dem Haus gegangen, aber er sei nicht zurückgekehrt. Wir liefen zum Stall und sahen, dass er von Polizisten umringt war. Ein Aufgebot an Uniformierten umstellte das Gebäude, um meinen Bruder abzupassen. Man habe ihnen von seiner Aggressivität und Gewaltbereitschaft erzählt, erklärten sie. Einer der Polizisten sagte später, als er am Ende meinen hageren, blassen Bruder den Stall verlassen sah, habe er sich gewundert, wie eine solche Beschreibung auf jemanden wie ihn passen könne. Wunderte sich, wie der Vorwurf, weswegen sie gekommen waren, einem Menschen mit einem derart freundlichen Gesicht gelten könne. Der Vorwurf, mein Bruder sei in das Haus des Mannes, der ihn betrogen hatte, eingebrochen und habe ihm die Augen ausgestochen. Aus Rache.
Und natürlich ging es in dieser Geschichte um Rache. Aber wir wussten, dass mein Bruder es nicht gewesen sein konnte, er hatte den Abend bei uns verbracht, und wir wussten, dass die Inhaftierung meines Bruders die Vergeltung dafür war, dass er für seine Gerechtigkeit eingetreten war.
Ich wünschte, mein Bruder wäre wie Robert.
Mein Bruder würde mit Sicherheit gern ausschlafen.
Sonntags würde er Cappuccino trinken und die Zeitung lesen.
Dann würde er Musik hören.
Am Abend würde er sich mit seinen Freunden treffen.
Er würde eine schöne Frau haben.
Mein Bruder kam aus dem Gefängnis, nachdem meine Mutter tausend Mal für ihn gestorben und von Tür zu Tür gegangen war, um von allen Bekannten ein wenig Geld zu sammeln. Der Anwalt, der meinem Bruder die Freiheit zurückgab, verlangte 200 000 Toman. Beinah drei Mal so viel, wie die nicht existente Braut gekostet hatte. Es waren inzwischen Jahre vergangen.

Wir wollten endlich zurück. Endlich. Meine Mutter, mein Bruder und ich. An Eyde Nowrus, dem Fest des neuen Jahres, kam mein Bruder uns besuchen. Müde und abgeschlagen wie immer, erzählte er nichts von dem, was bei der Arbeit auf dem Bau und in der Wäscherei passierte. Aber dieses Mal gab es ein wenig Hoffnung, die aus seinen traurigen Augen sprach. Er würde ein letztes Mal für die Arbeit rausfahren, für drei Wochen, und wenn er wieder zurückkehrte, würden wir unsere wenigen Sachen packen, uns von zwei der drei Schwestern verabschieden und nach Afghanistan, in unser Dorf und zu unseren Ländereien zurückkehren.

Es vergingen sechs Monate, aber mein Bruder kam nicht. Von öffentlichen Telefonen aus versuchten wir, ihn anzurufen, aber es nahm niemand ab. Wir wussten zwar, wo er während der Arbeitswochen wohnte, aber meine Mutter und ich trauten uns nicht, in Gegenden zu gehen, in denen wir uns nicht auskannten. Wir dachten nicht wie heute. Wir dachten, wenn wir dorthin gingen, würden wir vielleicht für immer verlorengehen. Also warteten wir. Es vergingen weitere zwei Monate, aber mein Bruder kam nicht. Manchmal erzählte meine Mutter von Gerüchten, die sie hier und da aufgeschnappt hatte, aber sie wusste nicht, wem sie glauben konnte und wem nicht.

Als Eyde Nowrus sich jährte, zwölf Monate, nachdem wir meinen Bruder zuletzt gesehen hatten, war meine Mutter unterwegs und meine Schwester hörte ein Gerücht. Meine Schwester, die drei Jahre älter war als ich, hörte das Gerücht und wurde bleich vor Angst, so bleich, dass ihr Mann sie abholen kam, ihr Zustand war merkwürdig, und er blieb über Stunden merkwürdig.
Mein Bruder habe jemanden umgebracht, erzählte man sich, und wir, seine Familie, würden uns weder um ihn noch um das Opfer kümmern. Der Mann meiner Schwester wollte, dass wir erst am nächsten Morgen mit ihr zum Arzt fahren. Sie sagte kein Wort mehr, sie atmete flach und kaum hörbar, sie war so dünn und zitterte. Wir warteten. Wir wussten es nicht besser.
Meine Mutter, noch unterwegs, und vom Zustand meiner Schwester, von dem grauenhaften Gerücht nichts ahnend, wurde in derselben Nacht von einem Auto angefahren und erwachte im Krankenhaus. Als man ihr vom Tod ihrer zweitjüngsten Tochter erzählte, schwebte sie, irgendwo, zwischen Wachen und Schlaf, irgendwo zwischen Koma und Leben.
Der Ehemann meiner Schwester hatte niemanden. Die drei Kinder, alle im Abstand einer Stillzeit geboren, zogen bei meiner Mutter und mir ein. Das jüngste war fünf Monate alt. Wir waren wieder zu fünft.
Wir würden schweigen.
Mein Bruder hatte niemanden umgebracht. Mein Bruder hat niemandem etwas getan. Nicht mehr und nicht weniger, als die Roberts dieser Welt jemandem antun könnten.
In einer Schule, an deren Bau mein Bruder beteiligt war, hat man ihn ermordet. Und als man weitergebaut hat, hat man seinen Leichnam in dem Schulgebäude vergraben. Dort, wo inzwischen Lehrer und Schüler ein- und ausgingen und der Unterricht stattfand.
An dem Tag, an dem man den Boden aufreißen und die Leiche bergen sollte, kam der Polizist persönlich an die Tür, um meine Mutter abzuholen und in dieser schweren Stunde zu begleiten. Aber als sie in der Schule ankamen, fuhr der Bagger, der den Boden aufreißen sollte, bereits wieder fort. Der Mörder meines Bruders hatte das notwendige Geld besorgt, um zu verhindern, dass die Schule wieder aufgerissen wurde. Es gab keine weitere Aufklärung.
Wir waren fünf Kinder. Zwei Mädchen, ein Junge, zwei Mädchen. Als meine älteste Schwester, die damals zu ihrem Mann zurückgekehrt war, krank wurde, sagte der Arzt, es wäre die Traurigkeit ihres Herzens. Ihre Herzprobleme und die Herzprobleme meiner Mutter konnten nie richtig behandelt werden. Beide begannen sie Therapien, beide konnten sie nie die finanziellen Mittel aufbringen, um sie bis zum Schluss durchzuführen. Und als sie starb, die Schwester, die nachts vor unserer Tür stand, schwanger, mit dem Ältesten, kümmerten meine Mutter und ich uns also auch um deren Kinder. Und ich war in ewiger Sorge. Wenn die Traurigkeit meine Schwester umgebracht hatte, wie lange würde meine Mutter es dann noch aushalten.

Frau Götz, würde ich sagen, der Unterricht ist beendet, oder? Frau Götz würde aus dem Fenster schauen. Draußen würde sich die Dunkelheit breitgemacht haben, die in dieser Stadt, in diesem Land, zu dieser Jahreszeit so früh einsetzt. Sie würde schweigend ihre Tasche packen, so wie die anderen. Wir würden die Stühle wieder auf die Tische stellen, auch wenn ich bis heute nicht ganz verstanden habe, warum man das tut. Wir würden den Klassenraum verlassen. Ich würde die Wahrheit gesprochen haben. Ich würde das Schulbuch auf dem Weg nach draußen in den Mülleimer werfen.
„Ein Fisch, viele Fische.“
„Richtig.“
„Ein Joghurt, viele Joghurte.“
„Falsch.“
„Ein Brot, …“
Ich schaue Frau Götz an. Und die Frau, die neben mir sitzt. Ich schaue sie an, denn sie schauen mich an. Draußen ist es nicht dunkel. Die Uhr zeigt an, dass der Unterricht vor nicht allzu langer Zeit angefangen hat. „Ein Brot“, wiederholt Frau Götz ungeduldig und schaut mich an. „Ein Brot“, sage ich. Die Klasse schweigt. Wenn sie nicht einmal lachen, dann haben sie Mitleid mit einem, hat meine Tochter gesagt. Es ist besser, sie lachen. Nichts ist schlimmer als Mitleid. „Viele Brote“, sagt der Mann neben mir, dem ich zu langsam bin. „Ein Kuchen“, sagt Frau Götz und schaut mich weiterhin an. „Viele Kuchen“, sage ich. Bis zum Rest der Stunde ist es das Letzte, was ich in dieser Klasse sage. Viele Kuchen. In meinem Kopf der Tod, im Klassenraum viele Kuchen.
Auf dem Weg nach draußen verabschiede ich mich nicht von Frau Götz. Ich nicke ihr kurz zu, aber sie bemerkt es nicht.
Wir haben unsere Geschichte so oft erzählt, seit wir hier sind. Wir durften sie in unserer Sprache erzählen und von Menschen, die nicht unsere Verbündeten sein durften, ins Deutsche übersetzen hören. Unsere Geschichte, zusammengefasst auf das, was für deutsche Behörden von Relevanz ist. Niemals das, was für uns von Relevanz ist.
Auf dem Weg zur Haltestelle versuche ich, tief einzuatmen, den mangelnden Sauerstoff der vergangenen Stunden auszugleichen und die Schmerzen in der Brust zu ignorieren. Vielleicht war es mein Glück, dass ich die Jüngste war. Dass ich von alldem, was passierte, immer weniger verstand als meine älteren Geschwister. Meine Mutter hat Zeit ihres Lebens Medikamente genommen. Noch vor dem Frühstück hat sie damit angefangen, Unmengen an verschiedenen Medikamenten. Es gab die Kiste mit den Medikamenten, und es gab die Kiste mit den Erinnerungen an ihre verstorbenen Kinder. Mit der zog sie sich zurück. Auf ihren Sessel, in eine Ecke, in den Hof. Schwieg und schaute auf die wenigen Bilder. Erinnerte sich ihrer und weinte, alleine. Als mein Mann und ich heirateten, als er bei uns einzog und tagaus, tagein bei jedem Gedanken, den er hegte, den ersten immer an meine Mutter richtete, sagte er, das Wichtigste sei, dass sie ihre Kiste habe. Dass wir sie trauern lassen müssen, auf den Wegen, die sie findet, und froh sein müssen, dass sie Wege findet.

Wenn ich an meine verstorbenen Geschwister denke, an die Kinder meiner Schwester, die eine Weile bei uns lebten, wünsche ich mir auch eine Kiste. Ein Fach für die Verstorbenen. Ein Fach für die Lebenden, die noch immer unter deren Tod leiden. Als mein Schwager neu heiratete, ließ seine neue Frau uns die Kinder nicht mehr sehen. Sie ließ die Kinder auch nicht mehr zur Schule gehen, aus Angst, sie würden Schlechtes über sie erzählen. Mein Schwager ließ sie tun und nahm die Kinder jeden Tag mit zur Arbeit. Als meine Nichte elf Jahre alt war, wurde sie an einen Mann verheiratet. Heute lebt sie in Bremen und leidet an Schizophrenie und Depressionen. Ihre Tochter ist bei dem Vater geblieben und ihr Herz leidet nicht nur an Trauer, sondern auch an Schuldgefühlen.
Meine Kiste wäre voll von Menschen, an die ich denken würde.
Von meinen Geschwistern habe ich keine Erinnerungsstücke mehr. Den einzigen Rucksack, den ich hatte, hat das Mittelmeer geschluckt. Wenn ich mir vorstelle, wie ich meine Erinnerungen in eine Kiste packe, dann fällt mir nicht ein, welche Kiste groß genug dafür wäre.

In der U-Bahn gehe ich die Worte durch, die wir im Unterricht hatten. Ich trinke gerne Kaffee. Als Kind trank ich gerne Saft. Diese Dinge. Ihre Kindheit, erzählen sie.
Meine Kinder sind noch in der Schule, wenn ich nach Hause komme. Sie mussten nie in einer solchen Klasse sitzen, sie saßen in einer normalen Schulklasse und lernten dabei die Sprache, nach und nach. Es ist ihnen nicht so schwergefallen wie mir. In Iran habe ich sie früh in den Englischunterricht geschickt, außerhalb der Schulzeiten. Sie sollten lernen, all das, was ich nicht lernen konnte. Vielleicht konnten sie deswegen auch so schnell Deutsch lernen. Vielleicht aber auch, weil sie diejenigen sind, die inzwischen bei unseren Terminen zum Übersetzen mitkommen müssen.
Als ich aus der Bahn aussteige, frage ich mich, wie meine Kinder geantwortet hätten, wenn sie in einer solchen Schulklasse gesessen hätten. Wenn man sie gefragt hätte: Deine Kindheit: Erzähle!
Ob sie vom Mittelmeer erzählt hätten – dem Ende ihrer Kindheit. Als wir auf dem Schlauchboot saßen und der Tod sich neben uns setzte. Als erwachsene Menschen aufstanden, weil sie dachten, sie könnten über das Wasser gehen. Als wir feststellten, dass dieses große, dunkle Meer ein Friedhof ist, eigens für Menschen wie uns. Als wir in Griechenland ankamen. Dass ich zum ersten Mal in meinem Leben erfuhr, was Menschlichkeit bedeutet, als wir in Deutschland ankamen. Das würden meine Kinder nicht erzählen. Das wissen sie nicht. Das würde ich denken, während ich ihren Erzählungen zuhöre. Dass es das erste Mal war, dass mir fremde Menschen halfen, an der Küste Griechenlands. Dass sie uns stützten, uns halfen, uns abzutrocknen, dass sie uns frische Kleider gaben. Was das Ende der Kindheit meiner Kinder war, ist vielleicht der Anfang dessen, was zum ersten Mal gut wurde. Erst hier haben wir gelernt, wie es sein kann, in einem fremden Land anzukommen und nicht wie Aussätzige behandelt zu werden.

Als ich von der Haltestelle zu unserer Wohnung gehe, stelle ich mir erneut Frau Götz vor, wie sie sagen würde: „Etwas Schönes: Erzählen Sie!“ Ich muss ein wenig lachen und denke, dass es gut wäre, einmal am Tag eine Frau Götz im Kopf anzuschalten, die diese Forderung stellt.

Meine Schwester hat in Frankfurt eine größere Wohnung gefunden. Wir können sie endlich besuchen. Endlich, nach all der Zeit in Deutschland, in der unsere kleine Familie keine restliche Familie hatte. Einfach, weil es keinen Platz gab, den wir ihr anbieten könnten. Wo hätte ihre Familie schlafen sollen, bei uns? Wir haben nicht einmal für uns selbst genügend Platz. Frau Götz, meine Schwester hat eine größere Wohnung gefunden. Es passieren Wunder. Wir können sie besuchen, ich kann sie wiedersehen. Die einzige Schwester, die noch lebt.
Heute Abend gehe ich zum Nähkurs. Ich möchte ihr einen Mantel nähen.