Die einzelnen Worte

Shida Bazyar

Hör mal, so ist das alles nicht. So, wie du es erzählst. So, wie du es erzählst, erzählst du so, als wäre das eine Geschichte, bei der man zuerst nur einzelne Wörter bekommen hat. Kind, Ball, Auto, zerbrochene Scheibe und dazu soll man was erfinden. Nur dass du nichts erfindest. Du nennst nur die einzelnen Wörter. Kind, Ball, Auto, zerbrochene Scheibe, antwortest du, wenn dich jemand fragt, woher du kommst. Manchmal reicht das erste Wort. Die Deutschen brauchen die nächsten Wörter nicht. Ihnen reicht Afghanistan. Sie nicken. Du schweigst. Du sprichst, als wären hinter dir nicht das Meer und die Wälder und die Wiesen. Du sprichst, als wären deine Spuren nicht überall, eingegraben in der Erde, ich sehe sie, wir alle sehen sie, nur du musst in die Schule und in das Amt und in die Fahrschule, weißt du das denn nicht, dass das nur einzelne Wörter sind und nicht die ganze Geschichte: Das Drachensteigen, die Tante, das Flugzeug, die Tante, das Land, der Zug, das Gefängnis, Berlin.

1. Das Drachensteigen

Ich habe sie das erste Mal hier gesehen, und als ich sie gesehen habe, habe ich sie dir gezeigt, habe auf den Boden gezeigt und mit allem, was in meinem Gesicht liegt, versucht, dich darauf aufmerksam zu machen, habe geschrien, geweint, gelacht, nicht weggeschaut. Ich saß auf Mamas Schoß und du warst ein kleiner Junge wie alle anderen, ihr saht immer alle gleich und wild aus, du auf deinen dünnen Beinen, bist den anderen hinterhergerannt, ihr seid immer alle gerannt, und ich wäre so gerne mitgerannt. Ich verfolgte jeden deiner Schritte, mein Kopf flog von links nach rechts und zurück, jedes Mal, wenn ihr lieft und Mama unterhielt sich mit den anderen Frauen, aber ich verstand kein Wort, ich hörte nicht hin, ich schaute nur auf dich und wunderte mich nicht einmal darüber, dass du mich überhaupt nicht anschautest, denn das war ich gewohnt, wenn die Drachen dazukamen. Die Drachen und die Nachbarskinder. Die anderen Jungs und unsere Cousins. Sie waren immer wichtiger als ich, aber es machte nichts, solange ich dir zuschauen konnte, das war das Schönste, dich Lachen zu sehen, inmitten von ihnen, wie du manchmal auf deinen dünnen Beinen stehenbliebst, weil du nicht mehr konntest, dich auf deinen Knien abstütztest und gar nichts merktest von dem, was um dich herum war und von mir, die dich so sehr vermisste. Dann hast du kurz gesucht, ganz kurz nur, nach den anderen, hast dir die Hände abgerieben, ich weiß nicht warum und wovon, hast auf den Boden gespuckt und bist weitergelaufen, und wenn ich dich nur von hinten sah, dann vermisste ich dich noch mehr, denn von hinten saht ihr Jungs alle, wirklich alle gleich aus und ich hatte nichts, woran ich euch hätte auseinanderhalten können. Ich weinte manchmal, Mama schob mich auf ihr anderes Knie, unterbrach ihr Gespräch nicht, fragte nicht, warum ich weinte, machte sich keine Sorgen um dich, den sie nicht mehr sah, nur ich sorgte mich immerzu, denn eines Tages, dachte ich, würden deine dürren Beine dich in die Ferne tragen und du würdest mich vergessen, und ich schaute durch die Tränen in die Ferne, sah eure Drachen, natürlich, sah eure Köpfe, natürlich, sah dich nicht, bis ich sie bemerkte, auf dem Boden. Erst dachte ich, es liegt an den Tränen und zwinkerte, dann sah ich, dass die anderen darüber hinwegliefen, und weinte wieder, dann hörte ich schnell wieder auf, um sicherzugehen, dass ich sie mir nicht eingebildet hatte. Sie waren golden und in der Größe der Füße aller Jungs in deinem Alter. Aber ich wusste, es waren deine Spuren, denn ich wusste, wo du langgelaufen warst, ich hatte dich ja nicht aus den Augen gelassen.

2. Die Tante

Von unserem Haus zu ihrem sind es einhundertachtundfünfzig Schritte, das sind nicht viele, und ich sehe ihnen an, dass du sie läufst und nicht gehst und ich sehe an den Lauflinien, die sich kreuzen, den Zehen, die mal in die eine, mal in die andere Richtung zeigen, dass du sie mehrmals am Tag läufst, von Zuhause zur Tante und wieder zurück. Sollst was ausrichten, sollst etwas erledigen, sollst etwas bringen und es wieder zurückbringen, und ich sehe deinen Spuren an, dass du nicht zögerst, sie vertrauen dir, sie vertrauen dir Geld und Wichtigeres an, und du bleibst am liebsten in ihrem Haus, sitzt lieber in ihrem Wohnzimmer, bei ihren Kindern und Enkeln, unter denen es jeweils die Handvoll Gleichaltriger gibt, und du sitzt lieber in deren Wohnzimmer als in unserem, und ich kann es dir nicht einmal verdenken, denn es ist ein Haus voller Lachen, und wenn du lachst, lacht die Sonne, deswegen vielleicht hinterlässt du Spuren, wie es sonst nur die Sonne versteht, Spuren zu hinterlassen.

3. Das Flugzeug

In der Luft hinterlässt man doch keine Spuren. Nicht einmal du. In der Luft gibt es den Kondensstreifen, der den Himmel einfärbt, auf einer dünnen Linie schreibt er unsere Geschichte für die Menschen, die in ihren Himmel blicken und nicht wissen, dass wir es sind, die hier oben sitzen müssen. Du hast nicht aus dem Fenster geschaut. Kein einziges Mal. Du wusstest, dass du nichts wissen darfst und dass es wichtig ist, keine Fragen zu stellen. Ich habe aus dem Fenster geschaut. Es hat Fragen gestellt. Es hat gefragt, in welchem Land die Bäume so dürftig wachsen, wo es so viel Wüste gibt, wie dieses Land wohl heißen könnte, das unter uns liegt. Es hat aufgehört zu fragen, als wir über den Wolken waren und die Wolken die einzigen waren, die unsere Spuren bemerken konnten. In der Luft hinterlässt man aber keine Spuren, denn unsere dünne Linie verschwand, und das war gut, denn es war ein Geheimnis, wo wir landeten, wir wissen es bis heute nicht, und wehe dir, du antwortest jemals etwas, wenn man uns fragt. Senk den Blick nicht, sag einfach, du weißt es nicht.

4. Die Tante

Deine Schritte sind weniger geworden, weil du nicht mehr zu ihr gehen durftest. Die Spuren, die man dort heute noch findet, zwischen unserem Haus und ihrem, sind älter als unser Flug hierher. Sie sind älter als das Wissen, dass wir gehen werden. Sie haben dich nicht mehr alleine gehen lassen, weißt du noch, du saßt in unserem Wohnzimmer und spieltest Play Station, und dir fehlten die Aufträge und die Erledigungen und dass sie deine Stirn küsste, wenn du dich verabschiedetest. Dafür wurden deine Hände an den Knöpfen schneller, und niemand konnte deinen FIFA-Highscore brechen, aber du vergaßt regelmäßig, damit anzugeben.

5. Das Land

Wir haben die Wohnung nicht verlassen. Wir kamen dort an, nachdem wir gelandet waren und den Flughafen verließen. Stell keine Fragen. Wir blieben dort, in dieser Wohnung, der Vater telefonierte. Der Vater zahlte einen hohen Betrag, um den sie nicht feilschten. Weil die einen unser Geld wollen, müssen wir den anderen Geld zahlen. Das ist die Logik der Erwachsenen. Weil wir das Geld zahlen, können wir hier sein. Das Land hat keine Menschen, und es hat keine Spielplätze. Deine Spuren im Zimmer kreisen um mich und dich und wir spielen die Spiele, und wir fragen uns, wie lange noch. Als wir die Wohnung verließen, löschten sie unsere Spuren. Wir waren nie da. Du warst nie da. Das Land existiert nicht.

6. Der Zug

Auf den Gleisen hinterlässt man doch keine Spuren. Nicht einmal du. Nur hast du sie noch nicht einmal drinnen, im Zug, hinterlassen, so aufgeregt warst du. Im Flugzeug darf man nicht aufstehen, und wir durften nicht fragen. Im Zug waren die Regeln anders. Im Zug durfte man alles. Aufstehen und gehen, denn man konnte nicht verlorengehen, denn es gab nur zwei Richtungen. Man konnte auch nicht die falschen Fragen stellen, denn wir wussten diesmal genau, wo wir waren, wir waren in Deutschland, und jedes Mal, wenn der Zug hielt, waren wir immer noch in Deutschland, der Zug war schöner als das Flugzeug, und wir hatten viel mehr Platz. Wir bewegten uns nicht, deine Füße still neben meinen Füßen auf dem Teppich, ich schaute zu, wie du rausschautest, du bist noch nie ICE gefahren, sagtest du, ich bin noch nie ICE gefahren, sagte ich, und du lachtest und sagtest: Natürlich nicht. Und ich sagte; Ich bin auch noch nie geflogen, und du lachtest nicht mehr, und du sagtest nichts mehr, zumindest nicht laut. Wenn ich ganz dicht an dich ranging, mein Kopf auf deiner Schulter lag, hörte ich dich leise die Worte flüstern, die so merkwürdig klangen, merkwürdig in ihrem Klang und merkwürdig mit deiner Stimme, du sagtest sie wieder und wieder und wieder. Leise, nur zu dir und zum Fenster, deine kleinen Füße still neben meinen kleinen Füßen. Bis der Zug den Namen der Stadt nannte und wir schnell den Zug verließen, Papa, Mama, du und ich. Draußen warteten strenge Gesichter, um einzusteigen und sich auf unsere Plätze zu setzen. Papa hielt mich auf dem Arm. Mama zählte unsere Koffer auf dem Bahnsteig. Deine Turnschuhe streiften den Boden nur kurz und schnell und oberflächlich. Du schautest dich um und suchtest die Menschen aus. Dein Gang langsam, die Spuren sprachen von dem Schlurfen, das ich sonst nicht von dir kannte. Vielleicht weil du in dem Moment größere und schwerere Füße bekamst, ein großer und schwerer Mann wurdest, und du fragtest die Menschen, die grauen Menschen, die aussahen wie alle Menschen. Sprachst zum ersten Mal die Worte laut aus, die du im Zug leise geübt hattest. Entschuldigen Sie bitte. Eine Frage. Wie kommen wir zur Polizei.

7. Das Gefängnis

Das war ein Tag, an dem du aussahst, wie alle kleinen Jungen aussahen. Es gab die Play Station noch nicht, und die Tante war noch tagein, tagaus der Ort, der dein Lachen sah. Du wolltest nicht zur Tante an diesem Tag. Es war kein gewöhnlicher Tag, es war die Feier eines Onkels. Jeder wusste es. Und sie wussten es. Deine Schritte verließen das Haus. Sie folgten der dünnen Spur, die du langgingst. Die Straße lang in die andere Richtung. Etwas schneller, etwas freudiger. An alles dachtest du. An alles, was im Leben wichtig ist. Nur nicht an Geld. Das ist die Logik der Kinder. Dann verschwanden deine Spuren. Fehlten am Rand der Straße plötzlich, wo sie eben noch etwas schneller, etwas freudiger wurden. In rasenden Wagen hinterlässt man doch keine Spuren.

8. Berlin

In dieser Stadt sind deine Spuren überall, ungelogen, und es sind so viele, dass es wahnwitzig wäre, sie zu zählen, sie sind ein Netz, das sich über diese große Stadt spannt, du verbindest die Unterkünfte mit den Schulen, verbindest die Unterkünfte mit den Unterkünften, mit der neuen Wohnung, mit den Orten, wo die Touristen hingehen, mit den Orten, wo du mit den Eltern hingehst, mit dem Tempelhofer Feld, wo deine Freunde sitzen, und mit den Schwimmbädern dieser Stadt, du kennst sie alle. Diese Stadt, die aus Fußspuren besteht, aber deine sind die einzigen goldenen, diese Stadt hat noch nie jemanden gesehen, der überall, wirklich überall, in jedem Viertel, in jeder Straße schon einmal gewesen ist, aber du bist überall schon mal gewesen und gehst überall wieder hin, lächelst dabei und siehst es ihnen nach, wenn sie dir nicht aus dem Weg gehen und du den kleinen Umweg um sie herummachen musst. Ihre Wege gradlinig, deine sie umgehend, nur so funktioniert eine Stadt wie diese vielleicht. Und wo früher unser Geld war, ist heute das Wissen darum, dass deine Spuren sich festsetzen in den Boden der Sicherheit, und nie wieder müssen wir um dich weinen und auf deine Rückkehr hoffen. Erzähl das mal, wenn sie uns fragen, erzähl das mal jemandem. Aber du hast schon recht, was soll man da schon erzählen. Sie müssten es uns doch ansehen. Sie müssten nicht einmal uns ansehen, um es uns anzusehen. Es würde schon reichen, sie würden den Boden ihrer Stadt kennen und die Spuren erkennen.