Der jüngste Sohn

Shida Bazyar

 

Sei das liebste Kind in der Familie. Sei trotzdem Teil der unliebsten Menschengruppe, die ein Land hat. Sei derjenige, der als Letzter die Schläge des großen Bruders bekommt, und sei trotzdem derjenige, den sie aus der Universität ekeln werden. Sei der Ehemann, der das Glück hat, eine Frau zu finden und zu lieben, und trotzdem der, der als geschiedener Mensch, allein und ohne Halt, in Europa landet. Sei derjenige, der das Smartphone nutzen muss, weil es der einzige Weg ist, seine Familie immer bei sich zu haben, und trotzdem der, der die Frau auf allen Apps der sozialen Netzwerke blockieren muss.

Sei einer der wenigen, die gute Bleibeperspektiven in Deutschland haben. Kurde, Jesit, konvertierter Christ, Iraner, kein Drittstaat, in den sie dich abschieben müssen. Das sind die Schlagworte, die deine Chancen besser, sehr viel besser machen als die der anderen. Sei trotzdem der, der immer von Neuem erklären muss, weshalb er denn eigentlich herkommen musste. Es gab keinen Krieg, es gab keine Hungersnot. Es gab einfach für Leute wie dich gar nichts. Es gab nichts, deswegen musstest du weg. Das ist das, was die Leute am wenigsten verstehen. Was soll das schon heißen, es gab nichts. Irgendwas gibt es immer. Es gab aber nichts.

Sei der Einzige in deinem früheren Freundeskreis, der niemals nach Europa wollte. Sei trotzdem der Einzige, der es bis hierher geschafft hat.

*

Als die Talentsucher kamen, fiel er auf. Niemand auf dem Platz war schneller als er, niemand beherrschte den Ball, als sei er Teil seines Körpers. Noch dachte er nicht daran, was die Zukunft bringen würde, dann wurde er auserwählt. Einer von dreien, aber mit Abstand der Beste. Er rannte die komplette Strecke nach Hause, um es den Eltern zu erzählen.

Als der Vater den Sohn, den Jüngsten, den liebenswürdigen, braven Sohn sah, nahm er ihn in die Arme. Die Haare, das Hemd des Jungen waren verschwitzt, der Staub hatte sich in seinem Schweiß festgeklebt, das Gesicht unter dem Schmutz strahlte. Der Vater schloss kurz die Augen. Keinem Kind bleiben die Kosten für die weiteren Trainings und Aufnahmeprüfungen erspart. Kinder wie seines werden höchstens auserwählt. Der Vater küsste das staubige, schöne Gesicht und sagte ihm, wie stolz er sei. Sie erzählten es der Mutter. Nur der Vater erkannte, dass ihr Strahlen lediglich dem Sohn zuliebe erschien. Er war anderthalb Stunden nach Hause gerannt. In seinem Gesicht standen der Traum und die Zukunft schon eingraviert. Nur die Eltern wussten, dass die Zukunft lediglich an die Tür geklopft hatte. Die Tür zu öffnen war eine andere Sache.

*

Sei der beste Fußballspieler der Stadt und werde trotzdem niemals Fußballspieler. Bekomme das beste Angebot, das dem Nachwuchs gemacht werden kann, und lehne es trotzdem ab. Schaue zu, wie deine Eltern überall nach Geld fragen, Geld leihen, Geld sammeln und am Ende zu wenig Geld für dich haben. Gib jemand anderem die Chance, die deine war. Schau zu, wie sie sich verabschiedet. Gewöhn dich daran.

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Wenn der älteste Bruder wütend wurde, dann wurde er richtig wütend. Er war nicht unter Kontrolle zu kriegen. Seine Schläge verteilte er willkürlich, täglich, wie im Wahn. Er hatte das Sagen. Die Schwestern gingen nicht mehr zur Schule, weil er es nicht wollte. Wenn die Mutter sich einmischte, schlug der älteste Bruder die Mutter. Den jüngsten Sohn traf es nicht so oft wie die anderen. Er hatte jedes Mal, wenn er von der Schule heimkam, Angst, seine Mutter hätte wieder versucht, sich das Leben zu nehmen. Er hatte Angst, mit den falschen Kindern zu spielen, also ging er nicht spielen. Er hatte Angst, das Falsche zu sagen, also sagte er nichts. Er verließ das Haus nachmittags nicht, das machte alles einfacher, denn die Schuhe teilte er sich mit einem der anderen Brüder. Er ließ ihm den Vortritt. Als Erwachsener wird er immer noch manchmal Panik bekommen, wenn er seinem ältesten Bruder in die Augen schaut.

Was ihm blieb, war, die Aufgaben zu erledigen. Zu lernen, zu lesen, der beste Schüler der Klasse zu werden. Das ist der Weg, um hier rauszukommen, dachte er. So sagte man, so sagt man überall. Das ist der einzige Weg, dachte er.

Der Vater wusste all das und er wusste es auch nicht. Er fuhr LKW, außerhalb, er kam im Abstand mehrerer Wochen nach Hause, und man erzählte ihm die Dinge nicht. Er konnte nicht fragen, er wusste nicht, wie. Der älteste Sohn vertritt den Vater, so gehört es sich. Alles andere wäre verantwortungslos. Seine eigene Verantwortung war es, Geld zu verdienen. Sie wohnten zur Miete, er arbeitete auswärts, eines Tages sollte sich das ändern. Eines Tages sollten sie ein eigenes Haus haben, eine Absicherung für die Zeit, wenn er nicht mehr arbeiten konnte. Eines Tages sollten sie jeden Tag satt werden können.

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Die Zulassung zur Universität war der Lohn für seine Arbeit. Der jüngste Sohn hatte es geschafft, als Erster in der Familie, er hatte die Zulassung, er hatte sich eingeschrieben. Bei der Anmeldung musste er sich entscheiden, das Formular für Schiiten oder das für Sunniten auszufüllen. Ich bin kein Moslem, sagte er. Er bekam das Formular für Sunniten. Jetzt erst bemerkte er, dass die anderen ihn musterten. Seine Plastiksandalen, die andere auf der Terrasse oder im Badezimmer liegen hatten, waren seine einzigen Schuhe. Er schaute an sich herunter. Alles an ihm hatte vorher jemand anderem gehört. Niemand um ihn herum sah aus wie er, niemand hatte seinen Dialekt. Den Dialekt der Arbeiter, den Dialekt der Kurden.

Er schaffte es ein Semester. Dann gab er auf. Der Familie fehlte Geld. Er arbeitete nächtelang, um sich das Studium zu finanzieren und verpasste zu viel im Studium. Da konnte er auch gleich arbeiten, um es der Familie zuzustecken. Das hatte mehr Aussicht auf Erfolg.

Die Eltern wollten, dass er glücklich ist. Wollten eine Zukunft für ihn, die besser ist als ihr eigenes Leben. Ihr ganzes Leben war darauf ausgerichtet, dass es den Kindern besser geht. Die Universität, dachten sie, sei ein Weg. Die Universität, stellten sie fest, stahl ihnen aber viel Zeit und eine helfende Hand in der Kasse. Als er die Universität abbrach, waren sie erleichtert. Nur sein Blick bereitete ihnen Sorge.

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Nach der Universität, nach den Jobs, nach der Rückkehr zu den Eltern, verliebte sich der jüngste Sohn. Er kannte sie seit der Kindheit, sie hatten sich schon immer gemocht, als die Familien sich einigten, ging ein Traum in Erfüllung. „Wenn es zwei Menschen gibt, die füreinander gemacht sind, dann seid das ihr“, sagten die Freunde, und sie strahlte. Sie wollten Kinder, aber es fehlte das Geld. Arbeit hier, Arbeit da, es reichte nicht. Er machte Praktika, er versuchte, eine Arbeit zu erlernen, man schickte ihn weg, sobald man ihn nicht mehr brauchte. Setzte ihn vor die Tür, mit etwas Glück mitsamt dem verdienten Gehalt. Er kannte alle Firmen, alle Auftraggeber, er bekam keine Stelle, die eine Familie ernähren könnte. Das ist der Fluch, Teil des unliebsten Volkes zu sein, das ein Land hat. Seine Frau konnte nicht fort, das wusste er von Anfang an. Sie war das einzige Kind ihrer Eltern. Er konnte aber auch nicht bleiben. Sonst hatte keiner von ihnen ein Dach, ein Bett, eine Mahlzeit. Eine Scheidung hatte für sie größere Folgen als für ihn. Auch das wussten sie. Aber es gab keine Alternative, außer dem Verhungern, außer dem Erfrieren. Manchmal wünscht er sich, sie hätten wenigstens Eheprobleme gehabt. Streitereien, die ihn glauben ließen, sie hätten nicht zueinander gepasst.

Die Mutter pflanzte jedes Jahr einen Baum, in kleine Töpfen setzte sie jedes Jahr den Samen. Wenn sie ihr eigenes Haus haben, sagte sie, sei der Baum groß genug, dann könne sie ihn in die eigene Erde des eigenen Hauses setzen.

Die Mutter hatte die kleinen Töpfe am Ende immer verschenkt. An die Hausbesitzer, an die Nachbarn. Der Vater wusste, sie wurde nicht müde, sie zu setzen. Er wurde nicht müde, die schnaubenden Laster über die kurvigen Bergewege zu fahren, den schlaflosen Nächten zum Trotz, der Dunkelheit zum Trotz, er fuhr und dachte an seine Frau, die sich um die Pflanzen kümmerte.

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Europa war kein Traum, den er hatte. Kalte, harte Menschen, anonyme Massen. Als jüngster Sohn, der seinen älteren Geschwistern beim Verzweifeln zusah, hatte er sich das Träumen ohnehin abgewöhnt.

Der Vater hatte immer Angst, dass sein Jüngster eines Tages von Europa träumen könnte. „Dort pferchen sie Menschen wie uns hinter Stacheldraht ein, wie die Tiere“, sagte er. Der jüngste Sohn musste aber gar nicht abgeschreckt werden. Manchmal, wenn er davon sprach, dass in Europa immerhin niemand verhungern oder wegen fehlender ärztlicher Behandlung sterben müsse, auch nicht Leute wie sie, sagte der Vater: „Wenn du nach Europa gehst, schütte ich mir Benzin über und zünde mich an.“ Sei das liebste Kind in der Familie und höre diesen Satz.

Seine älteren Geschwister gaben ihm Geld, selbst sein Vater gab ihm Geld. Sein Vater war der Einzige, der nicht wusste, was er damit vorhatte. Seine Mutter wusste es. Sie konnte es sogar verstehen. Sie schwieg. Als der jüngste Sohn und der Vater sich verabschiedeten, auf beide Wangen küssten, einander drückten, biss sie sich auf die Lippen und wartete mit den Tränen, bis sie allein war. Der Vater wusste von nichts, als der jüngste Sohn nach Istanbul fuhr. Er wusste von nichts, als er sein ganzes Geld an einen verlogenen Schlepper verlor, als er nach Izmir reiste und nichts weiter als das Essen in der Moschee und sein Smartphone in der Tasche hatte. Der Vater fuhr mit den Lastwagen über die Straßen, die weder asphaltiert noch gesichert waren, und das Einzige, was er sich für seine Kinder wünschte, war, dass sie gute Menschen waren und guten Menschen begegneten.

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„Schick uns Fotos“, hatte der Bruder geschrieben, jeden Tag, den er in Izmir verweilte. Er schickte Fotos. Er schickte Fotos vom Meer, vom Himmel, von Häusern. „Fotos von dir, was ist los mit dir?“, fragte der Bruder. Er schickte Fotos von sich. Er erkannte sich selbst nicht wieder. Er hatte es nur bis Izmir geschafft, er hatte kein Geld mehr.

Der Bruder sagte niemandem etwas. Er zeigte das Foto niemandem. Er konnte nachts nicht schlafen, bekam das Foto des Bruders nicht aus dem Kopf. Am nächsten Tag verkaufte er das Auto, einen alten Peykan, mit dem er seine Tochter zur Schule fuhr. Das Geld schickte er nach Izmir und hoffte, dass der Bruder es weiter schaffte. Der schwierigste Teil lag noch vor ihm.

*

Das Geld reichte, weil der Schlepper die Hälfte des Geldes anzunehmen bereit war, ein Kurde aus Syrien, der leise sprach und die Hand auf sein Herz legte, als er den jüngsten Sohn kurdisch sprechen hörte.

Am Abend, bevor er die Überfahrt über das Mittelmeer antreten sollte, erinnerte er sich an die kurdische Familie, die er zuvor kennengelernt hatte. Hamshari, wie man sagt, sie kamen aus dem Ort, in dem er seine Familie zurückgelassen hatte. Ein junges Ehepaar, das zwei Kinder dabeihatte. Er brachte sie zu dem kurdischen Schlepper, und sie hatten Glück, er würde auch sie am nächsten Tag mitnehmen. Er schlief ein, unter dem bloßen Himmel, endlich in dem guten Gefühl, jemand anderem nützlich gewesen zu sein.

Der Vater schlief ein, in den Bergen, weit oben im Elburs-Gebirge, nördlich von Teheran. Tiefer, traumloser Schlaf, wie nur die Bergluft sie schenken kann. Eine kurze Nacht, bevor die Lastenfahrt weitergehen musste. In dieser Nacht träumte der Vater.

Als sie vor dem Morgengrauen zusammenkamen, wurden Rettungswesten verteilt. Einem dicklichen Teenager, Habib, kein Kurde, aber ein Iraner, wurde die Weste direkt geklaut. Als jüngster Sohn weiß man, wie sich das anfühlt. Er gab seine Weste an Habib weiter. „Kannst du denn schwimmen?“, fragte Habib ungläubig, fast ratlos. „Nein“, sagte der jüngste Sohn. Es machte ihm nichts. Er setzte sich in das Schlauchboot. Sie waren knapp vierzig Personen. Rechts von ihm saß Habib. Links von ihm die Kurdin mit ihrem Ehemann und den Kindern. Das Baby der beiden lag im Arm des jüngsten Sohnes. Wenn etwas passiert, wenn irgendetwas passiert, dann kann ich immerhin nützlich sein, indem ich das Baby rette, dachte er. Das Boot legte ab.

Der Vater erwachte aus seinem Traum. Ein Traum, der ihn wecken konnte, war niemals ein guter Traum. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, es war eiskalt. Er hatte die Bilder vor Augen, scharf und in grellen Farben, es war der jüngste Sohn, ein Boot, hohe Wellen, das kalte, dunkle Meer und die reißende Welle, die den Sohn in den Tod riss. Der Vater rief die Mutter an. „Wo ist der Jüngste?“, fragte er. Die Mutter, schlaftrunken, log wie besprochen: „Mach dir keine Sorgen, er schläft, er ist in seinem Zimmer.“ „Wo ist der Jüngste?“, fragte der Vater, „Ich hatte einen Traum. Er ertrinkt im Meer.“ Da endlich weinte die Mutter und erzählte.

Der jüngste Sohn verstand schneller als seine Begleiter, dass die Männer, die das Boot fuhren, keine Ahnung hatten von dem, was sie taten. Kaum starteten sie, ging das Boot kaputt. Die Männer werkelten am Motor herum, stritten dabei in einer fremden Sprache, die Wellen schwappten zu ihren Füßen, es war windig. Habib neben ihm, in der riesigen Rettungsweste, begann zu weinen, das Baby auf seinem Schoß schlief und lächelte im Schlaf immer wieder. Die Kurdin neben ihm zitterte. Es war eiskalt, und es schien nicht weiterzugehen. Nach Ewigkeiten heulte der Motor auf, die Männer hatten es irgendwie geschafft. Er dachte, es ist völlig egal, was passiert. Ob wir kentern, ob wir überleben, ob wir es nach Griechenland schaffen. Es ist alles völlig gleich, es hat alles keine Bedeutung. Zu Habib sagte er: „Es wird alles gut. Uns wird nichts passieren.“

Der Vater saß in der Kälte, einige Decken auf den Schultern, die sein Kollege ihm überwarf, ohne dass er es wahrnahm. Ein Handy in der Hand, das seines Kollegen, vorsorglich am Strom im Inneren des Lastwagens angeschlossen, wählte er die Nummer des Sohnes. Ein ums andere Mal. Ohne Unterbrechung. Die Sonne ging auf, ohne dass ein Freizeichen ertönte. Die elektronische Stimme wiederholte es: Der jüngste Sohn sei nicht erreichbar. Wenn der Akku des Gerätes zu schwach war, was schnell passierte, tauschte er es mit dem des Kollegen aus, um sein eigenes aufzuladen. Er wählte wieder und wieder.

Im Boot schrien sie auf. Sie waren an das andere Schlauchboot gestoßen, mit einem Mal waren sie alle nass. Es war nicht stürmisch, es war keine hohe See. Die Männer hatten nur keine Ahnung von dem, was sie taten, und die Insassen wurden panisch, erregten sich, überlegten, ob sie nicht doch lieber springen und schwimmen sollten. Er wartete einfach nur, was als nächstes geschah. Wie genau er sterben würde. Das Boot nahm seine Richtung wieder auf und bewegte sich über das Wasser, als sei nichts geschehen. Sie starrten einfach geradeaus. Geduldig abwartend, was als nächstes geschah. Als sie die griechische Insel erreichten, war es bereits hell.

Der Vater wählte erneut. Er würde nicht aufhören, seinem Sohn Mut zu machen, schwor er sich. Ihm keine Vorwürfe machen. Er würde Zeit seines Lebens versuchen, ihn zu bestärken. Wenn sein Traum nur nicht der Wirklichkeit entsprach. Er schaute auf das verblasste Nokia-Display. Er wählte. Er schaute über die Berge, die er so gut kannte. Er hörte das Freizeichen, er atmete auf, er legte den Kopf auf seine Knie und hoffte.

„Ihr dürft die Handys wieder anmachen“, sagte man, als sie auf der Insel ankamen, gestrandet wie Kinder im Nirgendwo. Er schaltete das Smartphone an. Im gleichen Moment erschien die Nummer des Vaters. „Es geht mir gut“, sagte der jüngste Sohn, ohne dessen Worte abzuwarten. „Ich bin in Europa.“ Er hörte den Vater weinen, wie er ihn noch nie weinen gehört hatte.

*

Sei Bürger eines Landes, das dich nicht will. Nicht als Fußballspieler, nicht als Akademiker, nicht mal als bezahlter Arbeiter. Sei Teil des unliebsten Volkes, das ein Land hat. Sei trotzdem derjenige, der die Flucht nach Europa überleben konnte, weil er andere seines Volkes traf. Der Schlepper, der dich für die Hälfte des Geldes mitnimmt, das er ursprünglich verlangte. Der Mann, der dich nachts, im Regen, in einem Park Athens von der Parkbank aufsammelt und dir ein warmes Bett verschafft, als das Fieber so hoch ist, dass du nicht mehr klar denken kannst. Die Menschen, die zu deinen vertrauten Weggefährten werden, über den Balkan, über Deutschland bis nach Skandinavien. Die dir raten, dort zu bleiben. Der Taxifahrer, zu dem du einsteigst, als du in Berlin landest, nachdem man dich aus Schweden wieder abgeschoben hatte, und der am Ende kein Geld von dir annimmt. Teile ihren Dialekt, ihre Sprache, ihr Erbe, ohne sie zu kennen. Fremde, die dir vertrauter sind als andere Fremde.

*

Die schlimmste Zeit war die in Schweden. Die schlimmste Zeit war die Anfangszeit in Berlin. Dass er nichts durfte, außer warten. Dass er inmitten von fremden Menschen und trotzdem völlig allein war. Jetzt geht es. Der Aufenthalt ist immer noch nicht geklärt, aber er wartet ab. Lernt die Sprache. Hat eine Bleibe, die in Ordnung ist. Macht Musik. Seinen Eltern hat er ein Smartphone geschickt.

Der Vater ruft jeden Abend, jeden zweiten Abend, bei ihm an. Hört seine Stimme, sieht sein Gesicht in dem neuartigen Gerät. Ist jedes Mal erleichtert, wenn er seine Stimme hört. Ist jedes Mal erstaunt, dass es Geräte wie diese gibt.

Wenn der jüngste Sohn sieht, was die Kinder in Deutschland haben und dürfen, wie sie spielen, wie sie Ausflüge mit ihren Eltern machen, denkt er, die Kindheit ist kein Ort, an den er zurück möchte. Iran ist kein Ort, an den er zurück möchte. Als Kind dachte er immer, allen anderen Menschen ginge es wie ihm. Alle anderen Menschen sorgten sich auch darum, wann sie das nächste Mal Brot kaufen können. Jetzt sieht er, alle anderen Menschen sorgen sich eher darum, das neueste Auto oder das neueste iPhone zu kaufen. Merken sie das in ihrem Heimatort nicht, dass sie ausgebeutet werden? Dass alle harte, körperliche, gefährliche Arbeit immer nur von Kurden verrichtet wird? Manchmal wird er wütend, wenn er an seine ehemaligen Nachbarn denkt. Dass sie immer noch nicht einsehen, dass sie schlechter behandelt werden als andere Menschen.

Der Vater fragt den jüngsten Sohn nie nach Geld. Obwohl er an manchen Tagen nicht weiß, ob die Mahlzeit, die sie einnehmen, die letzte sein wird. Obwohl ihre Wohnung nach dem Erdbeben zerstört wurde, sie in einem Container wohnen und weiterhin dem Vermieter Miete zahlen müssen. Obwohl ihnen der Staat nicht hilft. Ein Erdbeben in den kurdischen Gebieten ist wie kein Erdbeben. Er fragt den Sohn nie nach Geld, denn er weiß, wenn er welches hat, dann schickt er es schon.

Der jüngste Sohn telefoniert mit seinen Nichten. Sie denken, er sei reich, weil er in Europa lebt. Manchmal schickt er ihnen von seinen monatlichen 400 € etwas Geld, 100 oder 150 €. Er will sie in dem Glauben lassen, einen reichen Onkel zu haben. Er denkt, wenn er damals diesen Glauben gehabt hätte, das hätte ihm Hoffnung gegeben. Die beiden Nichten sind leidenschaftliche Fußballspielerinnen. Es soll ihnen nicht so ergehen wie ihm.

Der Vater sagt ihm immer wieder: „Nach Europa zu gehen war die beste Entscheidung, die du treffen konntest.“

Er denkt immer wieder: Wem bringe ich hier etwas. Ich bin seit drei Jahren fort. Ich habe noch niemandem etwas gebracht. Es vergeht keine Woche, in der seine ehemalige Frau nicht in seinen Träumen auftaucht. Es bleibt ihm das, was ihm immer blieb. Er lernt. Geht zur Sprachschule und lernt. Setzt sich in die Bibliothek und lernt. Sitzt dort so lange, bis sie ihn fortschicken, weil sie sich genau an ihre Schließzeiten halten. Sie, die so kalt und hart sind, wie er es sich damals, in Iran, vorgestellt hatte.

*

Sei der höfliche Flüchtling. Sei für die einen der höfliche Iraner, und sei für die Flüchtlinge der höfliche Kurde. Sei ein höflicher Mensch und für alle immer trotzdem Teil irgendeiner unliebsamen Gruppe. Sei der Mann, der damals einem dicklichen Teenager eine Rettungsweste überließ und verfolge im Internet, wie er immer dünner, völlig abgemagert, in Dänemark verharrt, bis es plötzlich keine Bilder mehr von ihm gibt. Sei der Mann, der einer jungen Familie zur Überfahrt über das Mittelmeer verhalf, und höre dir am Telefon an, wie sie noch immer davon reden, dass du deine Weste abgabst. Sei ein guter Freund und erzähle deinem besten Freund in Berlin dennoch nicht, dass seine Hoffnungen auf Sand gebaut sind. Dass das Geld, das er und die Familie verzweifelt sammeln, um den in Iran inhaftierten Bruder freizubekommen, keinen Nutzen hat. Politische kurdische Inhaftierte lässt man nicht gegen Geld frei. Sie können ihrem Todesurteil nicht entgehen.

Sei ein Teil deines Volkes in der Diaspora, sei Teil davon und spende deinen Freunden Trost und Hoffnung. Andere gaben sie dir. Du gibst sie weiter.