Gute Tage

Larissa Boehning

 

Du schaffst es, dort hineinzukommen. In dieses riesige, leere Haus. Eine Baustelle, noch. Du bist schon drin. Wenn du dich konzentrierst, bist du drin. Ein Krankenhaus? Vielleicht eine Schule. Eine Universität? Ein deutsches Gebäude auf jeden Fall. Ein Gebäude, wie du es nie zuvor gesehen hast. Ein aufgeräumtes, sauberes, riesengroßes Gebäude, in dem, obwohl es eine Baustelle ist, nachts Licht brennt. Es scheint sich von alleine zu bauen, dieses Gebäude. Es gibt kaum Dreck drumherum, kaum Bauarbeiter, oder nur so wenige, dass diese paar schier Unmenschliches leisten müssen. Wahrscheinlich ist es so etwas wie eine Schule. Eine neue Universität. Dass deine Familie gegenüber in der Unterkunft ist, muss doch ein Zeichen sein. Du wirst auf so eine Universität gehen, irgendwann. Du wirst so gut Deutsch sprechen, dass du Ärztin werden kannst. Du bist Ärztin, eines Tages, und du heilst Menschen. Du hörst ihnen zu, wenn sie von sich erzählen und den Schmerzen, die sie plagen, und du weißt, was es ist, was sie haben. Du siehst es ihnen an. Und du hilfst ihnen, und die Schmerzen werden nachlassen, manchmal gehen sie ganz weg, und so ist jeder Tag, der kommen wird, ein guter Tag. So wird es sein. Das darfst du nie vergessen.

An guten Tagen gelang es. An guten Tagen konnte sie sogar das Gebäude drüben betreten, in den Raum gehen, den sie sich ausgesucht hatte, und sehen, dass er nur für sie eingerichtet war.

Heute war ein halbguter Tag. Heute Morgen war es passiert. Es kam einfach so, ganz plötzlich. Als rutsche es hinter ihren Augen hinab, risse etwas, das lose und frei, aufrecht und voller Luft gewesen war, mit hinab. Ein Bolzen, der durch sie durchschoss, ein Vakuum hinterließ. Es war nichts mehr da. Heute Morgen war es so gewesen. Dabei hatte ihr Vater noch geschlafen, ihre Brüder hatten sich schweigend angezogen, und ihre Mutter hatte gelächelt. Sie hatte sich um einen gefassten, liebevollen Tonfall bemüht, leise, zurückhaltend, wie es ihre Art ist, und weiter war nichts gewesen, morgens um halb sieben.

Und weil es dann dennoch passiert war, war irgendwas den ganzen Tag anders. Man musste jeden Augenblick damit rechnen. Dass ein Anruf kommt, der nichts Gutes verheißt. Dass du etwas nicht richtig verstehst. Dass dich dieser Blick trifft, einer dieser Blicke. Dass du jemandem auf die Nerven gehst, ohne zu verstehen, warum. Dass jemand findet, du bist hier überflüssig.

Es hatte einen kleinen Moment in der Schule gegeben, mit der Ersatzlehrerin. Der Kosinus, nicht das Kosinus. Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel. Das heißt gleich, nicht leicht Ausfallswinkel. Das ergibt doch gar keinen Sinn. Entschuldigung. Ich weiß. Danke. Ja.

Sie hatte heute Morgen dagestanden, auf dem Bahnsteig, und ihre Lunge war wie auf die Hälfte geschrumpft. Ihre Füße hatten nicht mehr den Boden berührt. Sie war außerhalb gewesen, weiter oben irgendwo, wo die Neonleuchten waren, die Ritzen an der Decke, die ein Muster ergaben, ein überflüssiges Muster an der Decke. In dem Moment war die U-Bahn eingefahren, hatte sie hochgewirbelt, wie der Fahrtwind Staub hochwirbelt, und sie hatte es gerade noch geschafft, mit sich selbst in den Zug zu steigen. Das lose Flattern war noch lange, nachdem sie eingestiegen war, dagewesen.

Deshalb musste sie es jetzt schaffen. Mit dem Rücken zum Zimmer und sich nicht umdrehen, obwohl die Stimme ihres Vater auf diese Nulllinie abgesunken war. Nein. Der Vermieter hatte sich wieder nicht gemeldet. Nein. Die riefen einfach nicht zurück. Nein. Es machte keinen Sinn, noch einmal dorthin zu gehen. Nein. So ist die Situation hier in Berlin. Nur weil es auf dem amtlichen Papier stehe, bedeute das nicht, dass sie eine Chance hätten.

Sie konzentrierte sich auf den Schutzschild auf ihrem Rücken, der feste Schild aus Metall, und mehr musste sie nicht sagen. Sie musste nicht sagen: Papa, diese Wohnung haben wir wieder nicht bekommen. Aber die nächste bekommen wir. Du musst daran glauben.

Ein Zimmer für die Eltern, ein Zimmer für deine Brüder, ein Zimmer für dich, und mit ganz viel Glück noch ein Wohnzimmer, auch, wenn das ein Traum ist.
Sie spürte den Schutzschild auf ihrem Rücken. Er war aus Metall, aber nicht schwer. Er war verziert wie ein Teetablett, nur etwas gröber. Er reichte von ihrem Nacken bis zu den Knien. Sie hielt ihn nur durch ihre Gedanken fest, fest auf ihrem Rücken. Und wenn es so war, dann war alles gut. Dann konnte sie Nein sagen und daran glauben, dass die nächste Wohnung ihre sei, dass der Anruf kam, dass sie zu ihren Eltern sagen konnte: Wir ziehen um. Alles wird gut.
Sie hatte es bis jetzt noch nie geschafft, gleichzeitig den Schild auf ihrem Rücken zu spüren und ins Gebäude zu kommen. Immer, wenn sie dort drüben war, in den Räumen hinter den schmalen, bis zum Fußboden reichenden Fenstern, dann war der Schild sofort verschwunden.

In dem Raum, den sie sich ausgesucht hatte, brannte nachts oft das Licht. Er lag in der langen Gebäudefront – die mehr oder weniger aus bodentiefen Fenstern bestand, alle im gleichen Abstand, präzis in Reihe und übereinander – etwas rechts neben der Mitte. Er war im mittleren Stockwerk. Er war ihr, wenn sie in ihrem Zimmer am Fenster stand, exakt gegenüber.
Liebes, komm vom Fenster weg. Du musst dich hinlegen. Du musst dich ausruhen. Schlaf.
Obwohl Bauarbeiter durch den Eingang des Gebäudes gingen, hatte sie noch nie einen hinter dem Fenster ihres Raumes gesehen. Nimm es als Zeichen. Das Licht brennt. Nimm es und geh dort hinein.
Jemand Unsichtbares musste das Licht aus Nachlässigkeit oder anderen Gründen angeschaltet und dann vergessen haben. So waren die Deutschen. Sie kümmerten sich, sie machten das Licht an, und dann vergaßen sie es, wollten es vergessen, erinnerten sich nur, wenn man anklopfte, wenn man sie fragte: Warum, und dann vergaßen sie einen wieder.
Aber sie war drin. Sie war drin, weil das Licht brannte. Danke, sagte sie in ihrem Kopf, auch wenn sie es satt hatte, so oft am Tag Danke zu sagen. Früher hatte sie das nicht ständig gesagt. Auch keine ihrer Freundinnen. Sie machten alles füreinander. Wie in der Familie. Seit sie hier war, sagte sie ständig Danke. Es kam so gut an. Es wirkte immer. Die Deutschen mochten es sehr, wenn man ihnen dankte, das konnte sie sehen.

Ich lese euch die U-Bahn-Station vor, an der ich wohne, hatte sie zu ihren Freundinnen gesagt. Wir wohnen in einem Hotel. Schwartzkopffstraße. Mit T und Z und diesen zwei Fs und dann noch das SZ, und wenn ich es ausspreche, wie es sich anhört, wenn es in der U-Bahn angesagt wird, dann fallt ihr um. Schwartzkopffstraße. Was ist denn das für ein Wort? Und von links nach rechts zu lesen, wie in Schweden. Genau die gleichen Buchstaben, ja. Und ihr wohnt im Hotel? Ja, ein Hotel, früher, jetzt eine Unterkunft, hier wohnen viele andere, wir sind zu fünft in einem Zimmer, und gegenüber ist dieses Gebäude, das könnt ihr euch nicht vorstellen, das ist riesengroß und steht ganz leer, ihr glaubt es nicht, was das für ein Gebäude ist. Es hat einen ordentlichen Zaun drum herum, und es stehen Kiefern davor, große Kiefern, die dort hingepflanzt worden sind, denn sonst gibt es keine Bäume, also kaum Bäume, und Kiefern schon gar nicht. Und nachts, wenn niemand dort arbeitet, wenn ich Hausaufgaben mache, weil ich mich in der Ruhe des Zimmers am besten konzentrieren kann, dann brennt in dem Gebäude noch Licht, obwohl niemand drin ist, niemand je zu sehen ist.

Auf dem Boden liegt ein flauschiger Teppich, eidottergelb und neu. Er riecht, wie ein Teppich eben riecht. Nach Wolle und Talg, nach Wärme und Licht. Er ist in eine Richtung gebürstet, und du schiebst mit deinen Füßen die Fasern in die andere Richtung und siehst deine Spuren hinter dir. Die Tür besteht aus einem dicken, festen Türblatt, durch das nichts zu hören ist. Das Fenster reicht von der Decke des Raumes bis fast zum Teppichboden. Solche Fenster haben sie hier! Man darf ihnen in ihre Fenster schauen, das erlauben sie uns, sie machen sogar abends das Licht an, und du siehst sie an ihren Esstischen sitzen, die Kinder spielen, den Mann den Topf mit den Nudeln zum Tisch tragen.

Mein Bett stelle ich in die Ecke gegenüber vom Fenster, Fußende nahe der Tür. Den Schreibtisch vor das Fenster. Den Kleiderschrank an die rechte freie Wand. Er ist nicht groß, aber hat zwei Türen, die man gleichzeitig öffnen kann. Das Zimmer neben meinem Zimmer ist für meine Brüder, das Zimmer auf der anderen Seite für meine Mutter und meinen Vater. Und dann haben wir noch einen Flur, und von dem geht eine Küche ab. Und das Bad. Und überall liegt der eidottergelbe Teppich, und überall sind diese dicken Türen, die man öffnen und schließen kann, ganz wie einem zumute ist.

Du setzt dich vorsichtig auf die Kante des Bettes. Es ist so stabil, wie alles hier. Es trägt dich. Du lässt dich zurücksinken. Du liegst da und starrst das in die Decke eingebaute Licht an. Du drehst den Kopf. Da sind sogar ein Nachttisch und eine Nachttischlampe. Du kannst dein Glück nicht fassen. Du willst es deiner Mutter erzählen. Mama, komm her! Papa, hier! Schaut euch das an. Ihr werdet es lieben, endlich eine eigene Wohnung zu haben, endlich ein Heim, endlich ankommen, richtig ankommen hier.

Du richtest dich wieder auf, glättest den Bettbezug, der neu ist, fester, dicker Stoff. Du stellst das Kopfkissen auf. Der Bezug hat die Farbe reifer Aprikosen. Er duftet, wie es früher vor eurem Haus geduftet hat, nicht weit bis zur Schule. Reife Früchte, Sonne, warmer Sand, das Gummi der Sohlen auf dem Asphalt. Auf dem Schreibtisch steht eine Leselampe. Du siehst die Aufgaben im Mathebuch, du schreibst in ein neues, sauberes Heft unter diesem schönen Licht. Du drückst den Kabelschalter, das Licht geht aus. Das Licht geht an. Du öffnest die oberste Schublade. Darin liegen ein Schreibblock, eine Packung Bleistifte, ein Geo-Dreieck, Kugelschreiber, mehrere Kugelschreiber, und hinten sogar ein Zirkel in einer kleinen, durchsichtigen Kiste, in der Form eines A liegt er auf dem hellgrauen Samt, erster Buchstabe des Alphabets. Du öffnest die nächste Schublade. Darin liegt ein hölzernes Schachspiel. In der nächsten: Schulhefte, leere, unbenutzte Schulhefte, in die du alles schreiben kannst, in denen du alles festhalten kannst, was du noch lernen musst, was du noch nicht weißt. Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel. Der Kosinus. In der nächsten Schublade liegt etwas, das unsichtbar ist.
Du kannst nicht fassen, dass es hier ist. Hier.
Du weißt, wenn du hineingreifst, dann wirst du es spüren. Obwohl es unsichtbar ist. Obwohl es nicht da ist.
Du streckst die Hand aus, fasst es an, spürst es.
Es ist alles da. Es ist alles auf einmal da. Jedes deutsche Wort. Jede seltsame Redewendung. Jedes noch so selten benutzte Fremdwort. Jede mathematische Lösung, jede Formel in Physik, jeder Buchstabe in der Chemie. Immer das richtige Wort. Immer genau richtig ausgesprochen, so dass man dich versteht. Dass der Vermieter sagt: Ja, diese Wohnung geht an Sie. Dass die Ersatzlehrerin sagt: Sehr gut gemacht, das muss ich mir loben. Dass du den Nominativ, den Genetiv, Dativ, Akkusativ kannst. Einfach so. Immer das richtige Wort. Sehr gut. Alles richtig gemacht. Danke.
Das musste sie ihren Freundinnen erzählen.
Tragt ihr alle noch das blaue Kleid?
Ja. Natürlich. Auch wenn es für den Sommer in Schweden zu kalt ist. Ja, auch wenn ich fast rausgewachsen bin. Ich lasse die Knöpfe vorne offen, trage es wie einen Mantel. Ja. Auch ich trage es. Und zwar gerade, gerade jetzt. Wie wir alle, auf dem Foto, noch zusammen. Als wir es alle trugen. Zuhause. Auf dem Weg zur Schule. Schick mir ein Foto von dir in dem Kleid. Schick mir ein Foto vom Schnee. Schick mir ein Foto von diesem Wort Schwartzkopffstraße. Ein Foto von dem Zimmer, dem Eidotterteppich, von dem, was in der Schublade ist. Das geht nicht, das ist unsichtbar, dafür gibt es keinen Beweis.

Sie hört die Stimme ihrer Mutter. Sie hört, wie sie leise sagt, sie solle endlich ins Bett gehen, aufhören mit dem Arbeiten, sie brauche ihren Schlaf.
Sie spürt den Knauf der Schublade noch in den Händen und auch das Ding, das unsichtbare Ding, das in der Schublade liegt. Sie spürt es noch, sie sieht das Licht, in der Decke eingebaut, den apricotfarbenen Bettbezug. Ein Zimmer, ein Bett, ein Schreibtisch, und sie weiß alles, sie versteht alles, sie wird Ärztin, sie sieht, was die Menschen bedrückt, sie sieht es so klar, wie eine Formel klar ist, sie kann ihnen helfen, sie kann ihnen bei allem, was sie heimsucht und befällt, helfen.
Plötzlich ist das Fenster ein schwarzes Rechteck in einer Reihe von schwarzen Rechtecken; jemand hatte das Licht im ganzen Gebäudeflügel ausgeschaltet. In den dunklen Flächen spiegelt sich der Himmel über den Dächern, sein letztes Lichtblau, ein wenig Abendrot.
Erwischt. Im Raum erwischt. Kreuz auf der Stirn. Wie damals in der Schule. Du kommst aus Afghanistan. Du trittst nicht für uns bei der landesweiten Schachmeisterschaft an. Kreuz auf der Stirn. Du bist keine Iranerin. Da kannst du noch so gut sein. Du gehörst nicht zu uns.

Mama, was ist der Unterschied? Ich bin doch hier aufgewachsen. Ich hab hier immer gelebt. Ich führe die Rangliste in meiner Altersgruppe an. Ich bin die Beste meines Alters. Ich weiß, wie man Schach spielt, ich weiß, wie man gewinnt. Ich gewinne doch für das Land, in dem ich aufgewachsen bin, ich gewinne doch für sie. Wie können sie sagen, dass ich das nicht tun werde, weil ich aus Afghanistan bin?

Sie steht müde auf, ihre Mutter hat Recht, aber das ändert nichts daran, dass sie sich nur nachts konzentrieren kann. Die Lider sind schwer auf dem Weg zur Schule. Der Satz des Pythagoras. A-Quadrat plus B-Quadrat ist gleich C-Quadrat. In einem rechtwinkligen Dreieck ist die Summe der Flächen der Kathetenquadrate gleich der Fläche des Hypotenusenquadrates. Man kann den Satz auch umkehren. Gilt die Gleichung in einem Dreieck mit den Seitenlängen A, B und C, so ist dieses Dreieck rechtwinklig, wobei der rechte Winkel der Seite C gegenüberliegt. Eng verwandt mit dem Satz des Pythagoras sind der Höhensatz und der Kathetensatz. Diese beiden Sätze und der Satz des Pythagoras bilden zusammen die Satzgruppe des Pythagoras.
„Mathematik ist überall auf der Welt gleich“, sagt sie später am Nachmittag zu Bernhard, im Frageton. Bernhard kommt immer zu ihnen in die Unterkunft. Er hat Geduld mit ihr, er liebt es, Antworten zu geben. Strahlensatz und Lochkamera, das hatten sie zuvor, Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel. Die Unbekannte in der Gleichung. Sie löst alle Unbekannten in der Gleichung. Manchmal spielen sie Schach zusammen. Sie lässt ihn gern gewinnen. Sie könnte ihm beibringen, besser zu werden. Aber jeden Tag bleibt zu viel übrig, das sie nicht verstanden hat. Jeden Tag kommt so viel dazu. Die Schublade ist fort. Das Licht ist aus.
„Ja“, sagt Bernhard, „so ist es in der Mathematik. Der Satz des Pythagoras gilt überall auf der Welt.“
Und alles andere auch, denkt sie. Schachspiel gilt überall auf der Welt, geht immer gleich. Etwas lernen geht immer gleich. Etwas verstehen, was man vorher nicht verstanden hat, ist immer gleich. Das Glücksgefühl ist immer gleich. Die klare Luft, wie sich das anfühlt im Kopf: ich habe etwas verstanden. Ja.

Und wie die Ersatzlehrerin die falsch gerechnete Aufgabe durchstreicht, das ist auch gleich. Das gleiche, schnell gezeichnete Kreuz. Nur nicht auf der Stirn. Fehler machen ist immer gleich. Den Boden unter den Füßen verlieren. Wie Staub aufgewirbelt, in der Luft.
Sie haben heute tagsüber, als sie in der Schule war, die Buchstaben am Eingang des großen Gebäudes angebracht. Schwere Messingbuchstaben, jeder einzeln für sich mit einigem Abstand zum anderen. Das Messing passt zur prächtigen Holztür, zum schweren Knauf und Schloss, das sie hat.
Es gefällt ihr, das Gebäude, immer mehr. Es ist so schlicht und klar wie der Satz des Pythagoras. Sie war sich sicher gewesen, der Name hätte das Wort Universität oder Schule beinhalten müssen. Jetzt stand etwas anderes dran.
„Was heißt Bundesnachrichtendienst?“, fragt sie Bernhard am Ende, nach dem Lernen, als sie ihre Sachen einpackt.
„Warum fragst du?“
„Das steht jetzt an der Tür.“
„Ach ja“, sagt er und wird rot am Hals. „Was glaubst du?“
„Nachrichten“, denkt sie laut, „dann hat es doch etwas mit Fernsehen zu tun? Eine Fernsehstation?“ Das hätte sie nicht gedacht, aber nun gut.
„Es ist der Geheimdienst. Ein anderes Wort dafür“, sagt Bernhard und windet sich wie immer, wenn ihm etwas unangenehm ist. Dann wird er ganz verkrampft, als habe er was Falsches verschluckt, und sein Hals wird rot. Als er ihr einmal das Wort sexy erklären sollte, hatte sein Hals zu glühen begonnen. Er war ganz fahrig geworden, fast hilflos, sie hatte Mitleid mit ihm gehabt.
„Geheimdienst?“ Sie versteht es nicht. Geheim. Geheimnisse. Dienst. Dienstvorschrift. Etwas war seltsam an dem Wort. Es liegt da, ohne Kontur, sie kann es nicht begreifen.
„Ja, Geheimdienst. Weißt du, was die CIA ist? Oder der Mossad.“
Bernhard schaut sich um, als hätte er etwas Verbotenes gesagt.
„Hast du das schon mal gehört?“
„Nein“, sagt sie, obwohl sie jetzt genau weiß, wovon er spricht.
Bernhard beugt sich vor, die Hände im Schoß unter dem Tisch.
„Ich komm aus dem Osten. Wir hatten die Stasi. Ich mag keine Geheimdienste. Das ist alles schwierig zu erklären.“
„Dort wird niemand wohnen?“, fragt sie plötzlich, auch weil sie ihn ablenken will, nicht nur sein Hals ist rot, auch schon sein Kinn.
„Nein. Das sind nur Büros.“
„Das sind sehr viele Büros.“
„Ja, für viele Menschen. Ich glaube, die haben sechstausend Leute, die da arbeiten werden. Wenn nicht noch mehr.“
„Sechstausend?“
„Eine ganze Menge.“
„Wie viele Menschen leben in Deutschland?“
„Über achtzig Millionen.“
„Ich finde das nicht viel“, sagt sie.
„Es ist alles relativ.“
Wieder nicht wie in der Mathematik, denkt sie.
„Ich dachte“, sagt sie, „das wird eine Universität.“
„Schön wär’s“, sagt Bernhard.
„Ich dachte, ich studiere dort Medizin.“
Er schaut sie an. Das Rot löst sich an den Seiten seines Halses zu Flecken auf.
„So bist du“, sagt er. „Du kannst dir alles vorstellen.“
So bin ich, denkt sie. Ja. So bin ich. Denn ich bin drin gewesen. Ich bin dort drin gewesen. Ich war dort, und es war licht und hell, die langen Gänge, und ich hab mich nie bedroht gefühlt, ich hab mich dort willkommen gefühlt, ich habe gespürt, dass es mir gehört, dass ich es haben kann, wenn ich nur will, dass ich dort drin sein kann, wenn ich nur will. Das Zimmer, der Schrank, das Bett, der Tisch. Die Schublade, das Wissen darin.
„Der Zaun steht doch schon ganz schön lange“, hört sie Bernhard sagen, „schon bestimmt seit zwei Jahren, seit ihr hier seid. Und hast du die vielen Kameras nie gesehen?“ Er versucht zu lächeln. „Die künstlichen Palmen auf der Rückseite, die sind dir auch nicht aufgefallen? Keiner kann sagen, ob es Kunstwerke sind oder künstlerisch versteckte Riesenabhöranlagen. Du merkst, ich kann damit einfach nicht.“
Sie hängt einen Moment dem langen Wort mit R nach.
„Es ist ein geheimer Dienst“, sagt sie dann langsam, weil sie den Gedanken erst beim Aussprechen formuliert, „der tausend Fenster hat. Das ist ein Oxymoron.“
Bernhard lacht. Er lacht sie an. Sie mag es, wenn sie ihn zum Lachen bringt. Wenn man gemeinsam lacht, ist nie Mitleid im Spiel.

An guten Tagen wirst du Ärztin werden. An guten Tagen kannst du das Ding in der Schublade greifen und weißt fortan alles, kennst jedes Wort. Auch wenn dort einer vom deutschen Geheimdienst arbeitet, der dieses Zimmer sein Büro nennen wird.
An guten Tagen gilt der Satz des Pythagoras. An guten Tagen ist alles so wie mit dem Satz des Pythagoras.
An guten Tagen spürst du den Schutzschild auf deinem Rücken, der dich aufrecht hält, und stärkt. An guten Tagen kehrst du jederzeit in dem Raum zurück und hast den Teppich unter deinen Füßen, riechst die Wolle, zeichnest deine Spuren in den Flaum.
An guten Tagen weißt du, dass du deine Freundinnen wiedersehen wirst, irgendwann, zu Hause, im Park Parwaz, und ihr tragt alle das blaue Kleid. An guten Tagen siehst du es vor dir: Wie ihr zurückgekommen seid aus allen Ecken der Welt, wie ihr Lehrerin, Ärztin, Schriftstellerin, Rechtsanwältin und Mode-Designerin seid und ein Picknick im Park macht, unter dem lichtblauen Himmel, in der Dämmerung, in euren Kleidern, und keine von euch ist verlorengegangen, verschwunden, aus dem Spiel genommen worden mit einem Kreuz auf der Stirn.
Du darfst nie vergessen, dass es gute Tage gibt. Du glaubst an sie, deshalb müssen sie wiederkommen.
Du glaubst an sie, deshalb werden sie kommen.