Hoffnung

Larissa Boehning

 

Er sagte: „Amal. Verstehst du, was ich meine? Aber das kannst du niemandem erzählen.“ Ich nickte, um ihm zu zeigen, dass er mir das erzählen konnte. Auch wenn mein Arabisch sonst eher zu wünschen übrig lässt, ich weiß, was Amal bedeutet. Hoffnung, Sehnsucht, Zuversicht. Zugleich ist es ein beliebter Name für Männer und Frauen. Und doch viel mehr. Amal hält das Herz, sie trägt jeden Menschen, sie hebt ihn auf, wenn Unheil passiert, man darf sie nicht verlieren, solange man lebt, sonst verliert man sein Leben.

Ich hatte ihn zum ersten Mal im Seminar gesehen. Plötzlich saß er da, an einem der hinteren Tische. Wir sind nicht viele in unserem Studiengang, man kennt sich. Er war aufgestanden, bevor er etwas gesagt hatte. Er war aufgestanden, um zu sprechen. Er hatte seinen Namen gesagt. Er hatte uns paar Leute, die wir im Seminar saßen, einzeln in die Augen geschaut. Er hatte gesagt, woher er komme, seit wann er hier sei. Er hatte unserem Professor zugenickt, und der Professor hatte dann die Bücher erwähnt, die er geschrieben hatte.

Seine Chinos hatten Bügelfalten. Seine Rasur war perfekt. Er roch frisch geduscht, ein würziges Aftershave. Er wirkte unnahbar und selbstbewusst, wie er unserem Professor – der Koryphäe auf unserem Feld – zunickte. Mich beeindruckte die Unabhängigkeit, die er ausstrahlte.
Wir dagegen in Hoodies und zerrissenen Jeans, Jennys Dreadlocks-Traube, die sich auf ihrem Kopf türmte, als sagte sie unentwegt, seht her, wie anders und unangepasst ich bin. Toms Wollpullis, die immer nach feuchtem Keller rochen, obwohl er in der Altbauwohnung seiner Eltern wohnte, unsere T-Shirts, auf denen meist zynische, manchmal politische, oft für Nicht-Eingeweihte kaum verständliche Aussagen standen.
Hammoud stand zwischen uns, im dunkelblauen Wollpullover mit V-Ausschnitt, weißes Hemd, cognacfarbene Schuhe, als wäre er aus einer anderen Zeit hierhergekommen. Aus den Sechzigern vielleicht, letztes Jahrhundert. Er machte mich neugierig, und er schüchterte mich ein.
„Amal“, sagte er viel später mit seiner nicht mehr so bedächtig klingenden Stimme. „Aber das kannst du niemandem erzählen.“

Ich hatte dieses Studium gewählt, um meiner Mutter zu beweisen, dass ich etwas hinkriegte, was sie für nicht machbar hielt. Islamwissenschaft. Sie starrte mich an. Was willst du denn damit anfangen? Du hast doch gar keinen Bezug dazu. Das finde ich gerade spannend, wollte ich sagen, das völlig Fremde. Bleib doch beim Lehramt. Lehrer werden gebraucht. Ich weiß nicht, ob ich gebraucht werden will, wollte ich ihr sagen.

Als er das nächste Mal im Seminar saß, wurde mir klar: Er musste sich doppelt akkurat anziehen, um hier der Mensch zu sein, der er in Syrien längst gewesen war. Er hatte mehrere Bücher über den islamischen Fundamentalismus geschrieben. Darüber, was mit Menschen geschieht, wenn sie ihren Halt, ihren Glauben, ihre Identität verlieren. Ideologie ersetzt Zweifel, polstert Ängste, bietet Halt, gibt Orientierung. In einem anderen Buch führte er die These aus: Weil die Religion mit dem Staat zusammen geboren wurde und Mohammed immer ein politischer und religiöser Führer gewesen ist, sind Staat und Religion nicht zu trennen – und damit der Islam nicht reformierbar.
Er musste immerzu geschrieben haben. Er musste immer über sein Land, über seine Mitmenschen, über das politische System, die Machthaber, den Glauben, über Manipulation und Ideologie nachgedacht haben. Er war klar in seinem Denken. Er schien den Grund zu kennen, auf dem er stand. Er wusste genau, woran er glaubte, wovon er überzeugt war. Und all das hatte er aufgeschrieben, dargelegt, so dass wir jetzt darüber diskutieren konnten.
Obwohl Hammoud Respekt vor unserem Professor hatte, lag in seinem Ausdruck nie Unterwürfigkeit. Er brachte Gedanken ein, die wir nicht zu denken wagten. Manchmal kam es mir so vor, als dächte er anders als wir, als kämen seine Gedanken von der entgegengesetzten Seite auf uns zu. Seit er da war, verliefen unsere Diskussionen aufregender, unvorhersehbar. Wir waren viel wacher als sonst.
Er stand immer noch manchmal auf, wenn er etwas sagte, besonders dann, wenn ihm eine Klarstellung dringlich war, wenn ein Missverständnis, auch ein sprachliches, aufgeklärt werden musste. Er rang immer um die Sache selbst. Um das Argument. Mir kam das Wort Bewusstsein in den Sinn, als ich ihn beobachtete. Er war sich seiner selbst bewusst. Er suchte nach dem passenden Wort in der fremden Sprache, er wollte es sich nicht leicht machen, ließ uns nicht übersetzen. Er rang darum, genau das zu sagen, was er sagen wollte.
Als wären die Wörter gezählt, dachte ich plötzlich. Als wäre seine Zeit zu sprechen bemessen. Als hätte er gewusst, dass er irgendwann aus seinem Land fliehen müsse und ein Krieg käme, der alles zerstört.
Nach einem Seminar sah ich ihn vor dem Hauptgebäude auf dem schrägen Vorplatz stehen. Immer wenn ich über diese abfallende Ebene gehe, muss ich an meine Eltern denken, wie sie auch hier entlanggegangen sind, als alles noch Baustelle war, Ende der Sechziger, und hier gestanden, vielleicht geraucht hatten. Mein Vater war schon immer ein Mensch gewesen, um den sich andere scharten. Man hatte ihm früh eine Zukunft vorausgesagt, was zu einem stehenden Begriff in unserer Familie geworden war, der mich immer, wenn ich hörte, wie meine Mutter ihn auf andere Menschen anwandte, irritierte, fast ratlos machte. Hatten wir nicht alle eine Zukunft?
Ich weiß nicht, warum, aber ich habe immer das Bild vor Augen, wie meine Mutter sich langsam und unauffällig an meinen Vater heranpirscht, um ihn im entscheidenden Moment zu packen. Keine Ahnung, warum ich das so sehe: Sie verbiss sich in ihn. Hätte sie nicht auf diese Weise mit ihren kräftigen Zähnen an seinem Hals gehangen, wäre er schon viel früher in seine Zukunft gegangen.

Was Hammoud als Gegenwartsmenschen auswies, war sein Smartphone. Er tippte schnell mit beiden Daumen. Er presste zugleich eine durchsichtige Mappe unter den Arm, ich sah das Berlin-Logo eines offiziellen Briefkopfes durchs Plastik schimmern.
Ich ging eher weiträumig an ihm vorbei, tat so, als nehme ich ihn nicht wahr, und ärgerte mich über mich. Ich mache das oft. Ich sehe jemanden und reagiere nicht. Wahrscheinlich will ich mich auf keinen Fall je so anpirschen wie meine Mutter. Lieber stehe ich herum, tue so, als sehe ich nichts, und warte. Ich kann sagen, dass eine ganze Menge in meinem Leben nicht passiert ist, weil ich so viel herumstehe und abwarte.
Meine Mutter erkannte das früh. Was stehst du so da und guckst? Ich beobachte dich, hätte ich sagen können. Über den Rand der Bücher, die ich unablässig las, ging das am besten. Ich tat so, als verliere ich sie aus den Augen, und studierte sie in einem fort.
Hammoud stand auf der Schräge vor der Rostlaube und tippte konzentriert eine lange Nachricht in sein Telefon. Ich blieb stehen und schaute auf meins. Der Straßenverkehr rauschte. Ein Bus fuhr durch. Ich tat so, als hätte ich eine Nachricht erhalten, die ich aufmerksam lesen musste. Ich wischte mit einem Finger ein wenig über das Display. Im Augenwinkel sah ich, wie Hammoud sein Telefon wegsteckte – durch den V-Ausschnitt unter den Pullover in die obere Hemdtasche –, und es zeichnete sich als rechteckige Beule auf seiner Brust ab, wie ein kleiner, sein Herz schützender Schild.
Er nickte in meine Richtung und lächelte. Er brach den Bann.

Wir gingen in das nahegelegene Café und fanden einen Platz in den hinteren Räumen mit den Biedermeier-Sofas. Das Geschirr klapperte laut, die Espressomaschine rauschte. Er wollte nur einen Kaffee, ich musste eigentlich dringend etwas essen, verkniff es mir aber, um kein Ungleichgewicht zu schaffen.
Aus der Nähe war sein Blick anders, als bedränge ihn etwas. Gleichzeitig studierte er die Speisekarte mit der Präzision, mit der er auch im Seminar gesprochen hatte.
Wenn zwei Menschen, die zur Vorsicht neigen, aufeinandertreffen, passiert meistens nichts. Sie umkreisen sich weiträumig in ihrer Vorsicht, fangen an, sich gegenseitig zu langweilen, und gehen mit dem faden Gefühl auseinander, sich nicht getroffen zu haben, als Menschen. Irgendwie rechnete ich damit.
Ich erinnere mich, wie sich das Café langsam leerte, wieder füllte, wieder leerte, aber es war so fern wie ein Schwarm Vögel am Himmel. Ich erinnere mich, dass der Efeu am Fenster glänzte, als sei er lackiert, wie wir nach dem Kaffee Grüntee bestellten, wie das Grün des Tees sich in der Tasse dunkel färbte. Ich erinnere mich daran, dass es plötzlich nicht mehr wichtig war, wo wir waren und wer wir waren, ein Mann und eine Frau, Gelehrter und Studentin, dass wir uns überhaupt nicht kannten. Es stand nicht zwischen uns, dass er vor dem Krieg aus Syrien geflohen war und ich aus dem friedlichen Deutschland kam und dass wir keinerlei Lebenserfahrung teilten.
Er sagte, er verdanke sich niemandem. Bücher, Literatur, die Geschichten, die wir uns erzählen, das hat ihn gemacht. Kein Gott. Im Aufwachen, im aufrichtigen Anerkennen, wer wir sind und was wir wollen, in der Ehrlichkeit der Literatur, da liege der Schlüssel. In den Büchern habe er Amal getroffen, sehr früh, als seine Mutter gegangen sei und ihn beim Vater gelassen habe, der auch keine Zeit für ihn hatte. Die Bücher waren immer da. Und sie kamen von überall her. Das bedeutete, dass es anderen Kindern in anderen Ländern genauso ging. Dass viele Kinder so fühlten wie er. Dass Amal für viele da war. Dass sie unendlich viele Herzen trug, aufrichtete, überall. Überall auf der Welt, in allen Geschichten, war es das, wofür die Menschen kämpften. Ihre Zuversicht zu behalten. Ihre Hoffnung.
Er sagte: „Verstehst du, was ich meine? Aber das kannst du niemandem erzählen. Denn sie verschwindet. Sie ist fast nicht mehr da.“
Ich weiß nicht mehr, ob wir uns in die Augen schauten. Ich weiß nicht mehr, was wir im Folgenden redeten, ob wir überhaupt noch viel mehr sagten. Ich weiß noch, dass wir uns zum Abschied umarmten wie Freunde. Und dann war er fort.

Zu Beginn der nächsten drei Semester wartete ich in jedem Kurs wieder darauf, ihn zu sehen. Ich begann herumzufragen, aber niemand wusste etwas. Im Sekretariat hieß es, er sei zurückgegangen nach Syrien. Jemand sagte, er sei vielleicht eingezogen worden. Jemand anderes meinte zu wissen, er sei in ein anderes Land gegangen, Schweden, Österreich, vielleicht die Schweiz.
Ich traf meine Mutter. Ich beantwortete ihre Fragen nach dem Ende meines Studiums ausweichend. Ich ging in jeden Kurs, der angeboten wurde, eigentlich nur, um keine Chance zu verpassen, doch noch Hammoud zu treffen. Ich las und las. Keine Fachliteratur mehr. Nur noch Romane. Geschichten. Ich hörte auf die Male zu zählen, die ich vor dem Sekretariat stehenblieb, mit dem Satz auf der Zunge, ob sie mir die Nummer von Hammoud geben konnten.
Das letzte Semester ging vorbei. Ich schrieb meine Abschlussarbeit. Ich sah das Gesicht meiner Mutter, als sie mein Abschlusszeugnis betrachtete, es war eine stille Frage.
Ich musste einen letzten Stapel Bücher in die Bibliothek zurückbringen und trat aus einer der Eingangstüren. Hammoud kam mir über die Schräge entgegen.
„Hallo“, sagte er. Ich war so überrascht, ich streckte ihm die Hand entgegen, ganz förmlich, statt ihn zu umarmen, wonach mir war.
„Wo bist du gewesen?“
Er erzählte, die Uni habe sein Studium nicht anerkannt, weil ihm der Nachweis über seinen Abschluss gefehlt habe, den er damals bei seiner Flucht nicht mehr habe mitnehmen können. Er könne aber nicht bei seiner alten Uni anrufen und sagen, jetzt schickt mir mal eine Kopie nach Berlin, Deutschland. Dann könne er sich ja auch gleich ausliefern. Jetzt habe er noch mal Arabisch im Grundstudium belegt, und zwar in Bayreuth, und somit bewiesen, dass er die Sprache spreche. Mit diesem Papier in der Hand könne er sich wieder hier immatrikulieren und das Studium der Islamwissenschaft, das er in seinem vorherigen Leben längst beendet hatte, noch einmal beenden.
Er hatte das mit einer Mischung aus fatalistischer Leichtigkeit und strenger, unnachgiebiger Beharrlichkeit gesagt. Ich wollte es nicht glauben. Er sagte, er versuche es hinzunehmen. Aber gestern habe ihn eine Freundin aus Aleppo am Telefon gefragt, was er eigentlich seit drei Jahren in Deutschland mache. Du hast drei Jahre in Deutschland verschwendet. Das habe sie gesagt. Er wiederholte den Satz. Wie eine Frage, auf die ich eine Antwort geben sollte. Der Krieg im siebten Jahr und du rennst in Deutschland einem Papier nach, das du nicht aus deiner zertrümmerten Wohnung mitnehmen konntest? Hammoud, was hast du in drei Jahren in Deutschland gemacht?
Er musste sich zusammenreißen. Es zerrte an ihm. Mir war danach, ihn in den Arm zu nehmen, wie bei der letzten Begegnung. Aber es passte nicht. Ich suchte nach Worten, die das übernahmen. Sie klangen beschwichtigend, ungeschickt.
Wir gingen den langen Gang hinunter, durch die vollverglaste, lichte Universität, die ich für viel offener gehalten hätte, in seinem Fall. Plötzlich hielt er mich am Arm fest, holte sein Telefon aus der Tasche. Ich blieb stehen. „Hier“, sagte er. „Schau dir das an.“
Seine Frau und er hatten eine Tochter bekommen. Ein halbes Jahr war sie jetzt alt. Er zeigte mir Foto um Foto. Er lächelte, er wirkte stolz, und doch auch, als habe er einen Kampf verloren.
„Wie heißt sie?“, fragte ich, sicher, dass er ihr nicht die Hypothek von Amal aufgebürdet hatte. Er sagte, ich solle raten. Ich riet mich durch beliebte arabische Mädchennamen. Amira. Dalia. Yara. Azar.
„Sophia“, sagte er mit der Bestimmtheit, mit der er zum ersten Mal im Seminar gesprochen hatte, vor langer Zeit.
„Und sie ist in Berlin geboren.“