Vater, Mutter – politisch werden

Larissa Boehning

Ich war schon knapp zehn Jahre alt, da hatte ich erst die Idee mit dem Topf. Ich stellte den Stuhl auf den Tisch, den Schemel auf den Stuhl, ich nahm den Kochtopf am Henkel und kletterte hoch. Ich stellte den Topf auf den Schemel, stieg hinauf, und es wackelte sehr. Aber so reichte ich bis zum Griff der Klappe.

Der Onkel war gekommen und hatte die Tasche gebracht. Er hatte noch nicht einmal einen Tee getrunken. Sich nicht hingesetzt und Tee getrunken. Er hatte ständig zur Tür geschaut. Es hatte mit der Tasche zu tun, mit dem, was in der Tasche war. Er hatte nichts zum Verbleib des Vaters gesagt. Wo er war. Ob er lebte. Er hatte meiner Mutter nur die Tasche gegeben und gesagt: Das ist das, was der Junge bekommen soll.

Meine Mutter hatte mich nach draußen geschickt. Sie musste die Tasche genommen haben. Der Onkel kam ohne Tasche heraus. Er war an uns Kindern vorbeigelaufen mit abgewandtem Gesicht. Die Tasche konnte nur in der Zwischendecke sein, wo unsere Mutter auch Vorräte versteckte, Gläser, Mehltüten, das eingekochte Auberginenmus.

Mein Lehrer hatte gesagt: Geschieht ihm recht, deinem Vater. Deinem Onkel. Euch allen. Das hatte der Lehrer in der Schule gesagt.

Ich stellte den Stuhl auf den Tisch, den Schemel auf den Stuhl, und es fehlte fast ein Meter bis zum Griff der Klappe.

Sie waren am frühen Morgen gekommen, vor Sonnenaufgang. Sie hatten vor der Tür gestanden und gerufen. Mein Vater war aufgestanden, vor die Hütte gegangen. Meine Mutter hatte die Hand vor den Mund geschlagen. Ihre Augen. Die Männer hatten draußen geredet. Dann war mein Vater hereingekommen, neben ihm ein Mann in Uniform. Mein Vater hatte gesagt, er sei bald wieder zurück. Er hatte sich nicht verabschiedet. Meine Mutter hatte nicht geschrien. Die Hand vor dem Mund. Die Augen.

Wir warteten jeden Tag, ohne es beim Namen zu nennen. Er hatte sich nicht verabschiedet. Er musste wiederkommen. Lange Zeit später kam der Onkel. Er brachte die Tasche und sagte: Gib das dem Jungen, wenn es an der Zeit ist.

Ich stellte den Stuhl auf den Tisch, den Schemel auf den Stuhl und streckte die Hand aus bis zum Griff der Klappe. Ich horchte auf die Schritte meiner Mutter, ob sie frühzeitig vom Wasserholen wiederkäme, sich der Hütte näherte. Ich streckte mich, so sehr ich konnte, es fehlte ein halber Meter.

Warum ist dein Vater auch Kommunist, sagte der Lehrer in der Schule. Geschieht ihm recht. Die Kommunisten sind an allem schuld.

Meine Mutter lächelte nicht mehr. Sie holte Wasser am Morgen, sie schürte das Feuer im Ofen, sie trat den Erdboden unserer Hütte fest. Sie schüttelte unsere Decken aus und faltete sie auf Kante. Der Schatz lag verborgen hinter dem Holz der Zwischendecke.

Ich stellte den Stuhl auf den Tisch, den Schemel auf den Stuhl, streckte die Hand aus bis zum Griff der Klappe, streckte mich, so lang ich konnte, und es fehlten nur noch zwanzig Zentimeter.

Eins musst du mir versprechen, sagte meine Mutter. Versprichst du mir das?

Ich tat ihr zuliebe so, als hätte ich die Tasche vergessen. Ich tat ihr zuliebe so, als dächte ich nie mehr an den Onkel und an den Tag, an dem er dagewesen war. Ich tat ihr zuliebe so, als bedeutete der grußlose Abschied meines Vaters, dass er wiederkommen musste. Ich stellte den Stuhl auf den Tisch, den Schemel auf den Stuhl, platzierte den Topf auf dem Schemel, und alles wackelte. Aber ich reichte mit den Fingern an den Griff der Klappe.

Ich wartete bis zu dem Tag, an dem sie ins weitentfernte Dorf zum Markt gehen musste. Ich hatte ihr gesagt, ich hätte mir den Fuß verstaucht. Die Schwestern halfen beim Tragen. Ich baute meine Treppe. Ich zog die Klappe nach unten. Ich bückte mich und zog sie an meinem Kopf vorbei. Ich sah Reihen von Einmachgläsern. Ich sah Säcke mit Vorräten. Aber ich sah nicht die Tasche. Ich horchte auf die Schritte meiner Mutter, ich horchte auf alles, was draußen war. Ich schob mich in die Zwischendecke, ich stieß mich an der Klappe ab, ich robbte auf dem Bauch über die Holzbalken.

Ganz hinten. Mit dem Holzstab in die Ecke geschoben. Es waren Bücher in der Tasche. Vier Bücher. Ich roch ihren Staub, das Alter. Ich versuchte, die Titel zu lesen. Es war zu dunkel. Ich schob den Stapel in Richtung der Klappe. Ich robbte hinterher. Ich ließ den Stapel fallen, er knallte dumpf auf den Erdboden. Ich würde die Kanten flach treten müssen.

Versprich mir eines, sagte meine Mutter. Du musst es mir versprechen.

Ich versteckte die Bücher in einer Höhle, die nur ich kannte. Ich las die Bücher, während ich die Ziegen hütete. Ich verstand so gut wie nichts. Die Bücher waren von Trotzki, Lenin, Stalin und Marx. Warum ist dein Vater auch Kommunist geworden. Geschieht ihm recht. Die Kommunisten sind an allem schuld. Versprich mir eines. Ihre Hand vor dem Mund.

Ich brauchte keinen Stuhl auf dem Tisch, keinen Schemel auf dem Stuhl mehr. Ich konnte ihr direkt in die Augen schauen. Ich weiß bis heute nicht, wie mein Vater um sein Leben gebracht wurde und wo. Ich weiß nicht, ob mein Onkel noch lebt. Versprich mir eines. Werde nie politisch. Die Hand meiner Mutter vor ihrem Mund.

Ich las die Bücher wieder und wieder, bis ich sie zu verstehen meinte. Ich gab meinem Lehrer Widerworte. Ich spürte seine Schläge auf meinen Händen, den Unterarmen. Ich entfernte mich beim Ziegenhüten. Ich ging nach Damaskus. Ich nahm die Bücher mit.